Effekte der Importabhängigkeit

Negative Außenhandelsbilanz bringt Kaufkraftabflüsse

Österreichs Handelsbilanz bei fossiler Energie ist stark negativ: Das Land gibt für den Import dieser Energieträger deutlich mehr Geld aus, als es durch deren Export einnimmt. Die Folge sind Kaufkraftabflüsse in Milliardenhöhe. Diese Mittel könnten andernfalls für andere Importe oder Investitionen im Inland zur Verfügung stehen.

Steigen die Preise für fossile Energieträger, profitieren davon in erster Linie Exportländer. Für Importländer wie Österreich erhöhen sich hingegen die Ausgaben, was auch ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen kann. In den vergangenen 10 Jahren belief sich der Wert der Nettoimporte fossiler Energieträger auf durchschnittlich rund 10 Milliarden Euro pro Jahr. Der größte Teil davon entfiel auf Erdöl und Ölprodukte. Allein seit 2017 hat Österreich Öl im Wert von insgesamt 59 Milliarden Euro netto importiert.

Je nach Preisniveau machen Kohle, Öl und Gas zwischen 6 und 13 Prozent des Werts aller österreichischen Importe von Waren und Dienstleistungen aus. Fossile Energieträger haben damit ein erhebliches Gewicht im Außenhandel und belasten Jahr für Jahr die Handelsbilanz. Eine negative Handelsbilanz bei fossilen Energieträgern ist allerdings nicht automatisch ein Zeichen für eine insgesamt schwache Wirtschaft.

Import von Energieträgern hat auch positive Effekte

Importe sind nicht per se schlecht. Sie ermöglichen es Österreich, den Bedarf an Kohle, Öl und Gas zu decken, obwohl die heimischen Vorkommen begrenzt sind oder eine Förderung im Inland wirtschaftlich nicht wettbewerbsfähig wäre.

Durch Importe kann Österreich Energieträger aus Ländern beziehen, in denen sie kostengünstiger gewonnen oder produziert werden. Gleichzeitig lassen sich dadurch lokale Umweltbelastungen und Eingriffe in die Landschaft vermeiden oder begrenzen.

Vor allem Erdgas und Kohle werden in der österreichischen Industrie zur Herstellung hochwertiger Produkte eingesetzt und tragen damit zur heimischen Wertschöpfung bei, was Importquoten zu einem gewissen Grad rechtfertigt.

Allerdings leidet gerade die energieintensive Industrie besonders unter hohen und stark schwankenden Energiepreisen. Deren Entwicklung wird wesentlich von internationalen Märkten und geopolitischen Spannungen beeinflusst. Was Importe unter günstigen Bedingungen wirtschaftlich attraktiv macht, kann in Krisenzeiten somit zu einem erheblichen Wettbewerbsnachteil werden.
 

Die „unsichtbaren“ Kosten der Importabhängigkeit

Neben den direkten Ausgaben für Energieimporte entstehen weitere, weniger offensichtliche Kosten und Risiken. Sie schlagen sich nicht unmittelbar, in der Außenhandelsbilanz nieder, können aber erhebliche Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesellschaft und Staatshaushalt haben.

Erdöl und Erdgas werden auf internationalen Märkten gehandelt und häufig über Tausende Kilometer durch Pipelines oder per Schiff transportiert. Das eröffnet Zugang zu vielen möglichen Lieferanten, schafft aber auch Abhängigkeiten von internationalen Transportwegen und Infrastrukturen. Fällt eine wichtige Pipeline aus oder wird eine zentrale Schifffahrtsroute blockiert, kann das die Versorgung beeinträchtigen und die Preise in die Höhe treiben. Energieträger aus der Region sind zwar auch nicht vollständig von internationalen Marktentwicklungen abgekoppelt, weisen aufgrund kürzerer Transportwege aber geringere Transportrisiken auf.

Wer sich gegenüber Lieferunterbrechungen oder -Ausfällen absichern will, muss Reserven vor Ort schaffen. Bei Erdöl und Mineralölprodukten geschieht das über die verpflichtende Notstandsreserve im Ausmaß von 25 Prozent der Nettoimporte des Vorjahres. Bei Erdgas dienen die strategische Gasreserve und die Speicherverpflichtungen für Gasversorger sowie Kraftwerksbetreiber der Absicherung. Diese Reserven bringen signifikante Beiträge für mehr Versorgungssicherheit, verursachen aber auch erhebliche Kosten. Ein Beispiel ist die strategische Gasreserve: Ihre Beschaffung im Jahr 2022 im Umfang von 20 TWh – rund einem Viertel des damaligen Jahresgasverbrauchs hat einmalige Kosten in der Höhe von 3,7 Milliarden € und in den letzten Jahren laufende Kosten von durchschnittlich 100 Millionen € jährlich verursacht. In den Folgejahren sanken diese auf etwa 40 Millionen € pro Jahr.

Die Preise für Erdöl und Erdgas unterliegen in den vergangenen Jahren zunehmend starken Schwankungen, die sich oft nur schwer vorhersagen lassen. Für Unternehmen erschwert das die langfristige Planung und erhöht wirtschaftliche Risiken. Zwar können Unternehmen Preisrisiken durch Absicherungsgeschäfte, sogenanntes Hedging, begrenzen. Gerade für energieintensive Betriebe kann die Unsicherheit dennoch dazu führen, dass Investitionen am Standort Österreich verschoben oder reduziert werden.

Während Energiepreiskrisen greifen Regierungen häufig mit Zuschüssen, Preisstützungen, Steuererleichterungen, Gutscheinen oder anderen Maßnahmen in den Markt ein, um Haushalte und Unternehmen zu entlasten. Diese Unterstützung kann kurzfristig notwendig sein, kostet aber Geld, das etwa für Bildung, Gesundheit, Infrastruktur oder den Schuldenabbau nicht mehr zur Verfügung steht. Ein Nachteil vieler dieser Maßnahmen ist, dass die Anreize für Alternativen (z.B. Elektromobilität, Wärmepumpen, fossilfreie Heizungen) dadurch abgeschwächt werden. Alternativen, die das Energiesystem für eine nächste Gas- oder Ölpreiskrise resilienter machen würden.

Steigende Energiepreise wirken sich auf zahlreiche Bereiche der Wirtschaft aus. Besonders unmittelbar zeigt sich das bei Erdöl: Höhere Rohölpreise schlagen sich meist rasch in den Treibstoffpreisen an den Tankstellen nieder. Bei Erdgas und Strom erreichen Preissteigerungen die Endkundinnen und Endkunden aufgrund bestehender Verträge und Preisabsicherungen häufig erst mit Verzögerung. Bleiben Energiepreise längerfristig hoch, treiben sie die Inflation und damit auch die Lebenshaltungskosten. Das erhöht auch den Druck auf Lohnverhandlungen. Steigende Energiepreise und höhere Lohnstückkosten können wiederum die Wettbewerbsfähigkeit negativ beeinflussen. Die Folge können geringere Investitionen, Produktionsrückgänge und entgangene Wertschöpfung sein.

Die nach Österreich importierten Energieträger sind fast ausschließlich aus fossilen Quellen. Bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas entstehen Treibhausgase und je nach Energieträger und Nutzung auch gesundheitsschädliche Luftschadstoffe. Die damit verbundenen Folgen reichen von gesundheitlichen Belastungen bis zu klimabedingten Schäden wie Ernteausfällen, Hitzeschäden und erhöhte Hochwasserrisiken. Diese Kosten sind nicht vollständig in den Preisen abgebildet, müssen aber dennoch von Gesellschaft, Wirtschaft und öffentlicher Hand getragen werden – etwa durch höhere Gesundheitsausgaben oder Kosten durch die Bewältigung von Klimaschäden.

Die Abhängigkeit von einzelnen Lieferstaaten schränkt außenpolitische Handlungsspielräume und wirtschaftliche Entscheidungsfreiheit ein. Denn eine kurzfristige Umstellung auf andere Lieferanten kann den Aufbau teurer Infrastruktur, den Abschluss zusätzlicher Verträge und höhere Einkaufspreise mit sich bringen. Dies schafft Investitionshürden, verlängert bestehende Abhängigkeiten und erhöht die Kosten der Umstellung. Solche Abhängigkeiten wirken zudem über den Energiesektor hinaus: Wer auf Lieferungen aus bestimmten Staaten angewiesen ist, verfügt auch in diplomatischen und wirtschaftlichen Verhandlungen über weniger Spielraum.

Speicher und strategische Reserven können diese Risiken abfedern und die Handlungsfähigkeit erhöhen. Jüngste Erfahrungen (Gaskrise 2021/2022 oder Iran-Krieg 2026) zeigen, wie rasch geopolitische Konflikte die Versorgung mit Öl und Gas beeinträchtigen und Preisschocks auslösen können. Je stärker ein Land von Energieimporten und einzelnen Lieferstaaten abhängig ist, desto anfälliger ist es für solche Entwicklungen – und desto stärker kann seine wirtschaftliche und politische Handlungsfreiheit eingeschränkt werden.

Kompass Energieunabhängigkeit ist ein gemeinsames Projekt von Oesterreichs Energie und Österreichische Energieagentur.