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Resilienz unter Strom

Was wir aus Energie-, Klima- und Sicherheitskrisen lernen

Wie widerstandsfähig ist Europas Energiesystem – und was braucht es, damit Österreich und die EU auch in Krisenzeiten handlungsfähig bleiben? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Themensession „Resilienz unter Strom – Was wir aus Energie-, Klima- und Sicherheitskrisen lernen“. Die Diskussion nahm drei eng miteinander verknüpfte Bereiche in den Blick: geopolitische Versorgungs­sicherheit, digitale Souveränität und technologische Lieferketten. Denn Kriege, volatile Energiepreise, die Folgen des Klimawandels und die fortschreitende Digitalisierung zeigen: Resilienz ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine strategische Aufgabe.

Energieversorgung widerstandsfähiger gestalten

Energieexperte Johannes Benigni, JBC Vienna GmbH, widmete sich in seinem Beitrag den geopolitischen Rahmenbedingungen, in denen die Energiewirtschaft agieren muss. Dabei verwies er auf die starke Abhängigkeit der europäischen Gasversorgung von Flüssiggas (LNG) aus den USA und Pipelinegas aus Norwegen. Wenn Europa und Österreich resilient werden wollen, müsse Energiepolitik in Zukunft integrierter gedacht werden, so Benigni. Eine Schlüsselrolle sah er dabei in der Energieraumplanung. „Neue Stromspeicher, Windkraftanlagen und große Photovoltaikanlagen dürfen nicht unabhängig voneinander an beliebigen Standorten entstehen. Wir brauchen eine systematische Planung, damit die Kosten der Transformation darstellbar bleiben.“

Gerald Tretter, BearingPoint, betonte, dass ein zunehmend elektrifiziertes und dezentral organisiertes Energiesystem nicht nur robust, sondern vor allem resilient sein müsse. Er unterschied dabei zwischen systemischer, struktureller und operativer Resilienz: Auf Systemebene ginge es um den Umbau hin zu erneuerbaren Energien und Flexibilität, auf Unternehmensebene um robuste IT-Architekturen, Prozesse, Organisation und Mitarbeitende und im laufenden Betrieb um die Fähigkeit, auf Störungen schnell reagieren zu können, so Tretter. „Resilienz bedeutet nicht, jede Störung zu verhindern, sondern Störungen beherrschbar zu machen.“

Die wichtigsten Aussagen

  • Österreich muss in der Energieplanung integrierter werden, um mehr Resilienz zu erreichen.
  • Resilienz hängt auch von robusten Lieferketten für Transformatoren, Batterien, Leistungselektronik und Chips ab.
  • Mit zunehmender Elektrifizierung von Verkehr und Wärme wird die Widerstandsfähigkeit des Stromsystems immer wichtiger.

Lieferketten und technologische Souveränität

Die Universitätsprofessorin Kavita Surana, Wirtschaftsuniversität Wien,rückte insbesondere die Rolle von Lieferketten für die Energieversorgung in den Vordergrund. Am Beispiel von Transformatoren, Invertern, Batterien und Halbleitern zeigte sie, dass Europas Abhängigkeiten häufig in den vorgelagerten Wertschöpfungsketten liegen. Durch Engpässe bei einzelnen Vorprodukten, längere Lieferzeiten und steigende Kosten könnte die Transformation des Energiesystems erheblich verzögert werden. Zugleich gerate die europäische Produktion trotz hoher Nachfrage durch den Preisdruck günstiger Importe unter Druck. Surana plädierte daher für eine Industriepolitik, die neben den Klimazielen auch Versorgungssicherheit, Wertschöpfung in Europa und den Aufbau strategischer Kompetenzen im Blick behält. Europa verfüge über wichtige technologische Stärken, müsse diese jedoch gezielt weiterentwickeln. Entscheidend sei dabei nicht unbedingt, wem eine Produktionsanlage gehöre, sondern ob ausreichende Produktionskapazitäten vor Ort vorhanden seien. Langfristig gelte, so die Expertin: „Resilienz ist ohne Innovation nicht möglich.“
 

Diversifikation und europäische Zusammenarbeit

In der anschließenden Diskussion mit den Sprechern der drei Sparten bei Oesterreichs Energie betonte Karl Heinz Gruber, Sprecher der Sparte Erzeugung, dass Diversifikation ein entscheidender Weg zu mehr Resilienz sei. Ein breiter Erzeugungsmix, Speicher, Elektromobilität und Wärmepumpen könnten dazu beitragen, fossile Abhängigkeiten zu verringern. Gleichzeitig müsse die Transformation schrittweise und realistisch erfolgen. „Wir müssen dabei nicht nur die Energieerzeugung, sondern genauso Lieferketten, Digitalisierung und die Menschen, die das System betreiben, berücksichtigen“, so Gruber. Er betonte: „Es gibt keinen Themenbereich, wo wir nicht souveräner werden sollten.“

Jörg Sollfelner, Sprecher der Sparte Handel und Vertrieb, hob hervor, dass sich geopolitische Risiken durch Diversifikation zwar nicht vollständig beseitigen, jedoch abfedern ließen. Zugleich plädierte er dafür, die Transformation des Energiesystems in unterschiedlichen Zeithorizonten zu betrachten: „Wir müssen klar unterscheiden, was kurzfristig erreichbar ist und was erst mittel- oder langfristig Wirkung entfalten kann.“

Franz Strempfl, Sprecher der Sparte Netze, betonte, dass Resilienz nicht bei Leitungen und Umspannwerken ende. Auch IT-Systeme müssten mitbedacht werden, denn bei einem Ausfall oder einer Fehlfunktion könnten sie im schlimmsten Fall bestehende Redundanzen außer Kraft setzen. Ein vollständig autarkes Energiesystem sei in Österreich hingegen kein realistisches Szenario: „Wir müssen Stabilität europäisch organisieren – mit grenzüberschreitenden Netzen und funktionierendem Energieaustausch“, so Strempfl.

Podiumsteilnehmer:innen

 

Johannes Benigni
Energieexperte, JBC Vienna GmbH

Kavita Surana
Universitätsprofessorin, Wirtschaftsuniversität Wien

Gerald Tretter
Partner, BearingPoint
 

Einordnung durch die Spartensprecher von Oesterreichs Energie

Karl Heinz Gruber
Spartensprecher Erzeugung, Oesterreichs Energie | Geschäftsführer, VERBUND Hydro Power GmbH

Jörg Sollfelner
Spartensprecher Handel & Vertrieb, Oesterreichs Energie | Geschäftsführer, EVN Energieservices GmbH

Franz Strempfl
Spartensprecher Netze, Oesterreichs Energie | Geschäftsführer, Energienetze Steiermark GmbH