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Zukunft ist kein Schicksal

Florence Gaub über strategische Vorausschau

Wie lässt sich über die Zukunft nachdenken, wenn geopolitische Entwicklungen immer schwerer vorhersehbar erscheinen? In ihrer Keynote zeigte Florence Gaub, Direktorin der Research Division am NATO Defense College in Rom, wie strategisches Denken in einer zunehmend unvorhersagbaren Welt funktionieren kann. Dabei rückte sie vor allem eine Frage in den Mittelpunkt: Wie lässt sich aus Unsicherheit konkretes Handeln ableiten?

Oesterreichs Energie Kongress 2026: Florence Gaub, Forschungsdirektorin am NATO Defense College, Rom
Florence Gaub, Forschungsdirektorin am NATO Defense College, Rom © Oesterreichs Energie/Hannah Ecker

„Zukunft lässt sich nicht exakt berechnen, doch das ist kein Grund, auf Prognosen zu verzichten“, sagte Florence Gaub als Keynote-Speakerin in der Wiener Hofburg. Zugleich müsse man sich aber bewusst sein, dass gerade geopolitische Vorhersagen zwar oft auf fundierten Annahmen basierten, jedoch niemals Gewissheiten schaffen könnten. Gerade die Außen- und Sicherheitspolitik eigne sich schlecht für präzise Vorhersagen. Gaubs Konsequenz daraus ist jedoch kein Verzicht auf Zukunftsplanung, sondern der Aufbau eines strukturierten Informationsmanagements, das eine strategische Vorausschau ermögliche. Entscheidend sei vor allem, was mit der Analyse passiere: Zukunftsarbeit solle zum Handeln befähigen.
 

Aufgaben für Europa

Aus ihrer Analyse der gegenwärtigen geopolitischen Lage leitete Gaub zentrale Handlungsfelder für Europa ab. Die europäische Energiewirtschaft sieht sie besonders bei der Entwicklung von Resilienz-Szenarien gefordert: Neben der IT-Infrastruktur und dem Gesundheitssektor stelle sie ein bevorzugtes Ziel hybrider Kriegsführung dar und werde von Russland bereits seit mehr als zehn Jahren gezielt angegriffen. „Europa hat diese Entwicklung teilweise verschlafen und eher einzelne Vorfälle verwaltet, statt sie als grundlegende strategische Herausforderung zu betrachten“, so Gaub.

Die wichtigsten Aussagen

  • Zukunft lässt sich nicht exakt vorhersagen – strategisches Denken muss deshalb Unsicherheiten, Risiken und Chancen systematisch ordnen und daraus konkrete Handlungen ableiten.
  • Europas kritische Infrastruktur, insbesondere Energieversorgung, IT und Gesundheitswesen, ist gegenüber hybriden Angriffen besonders verwundbar und braucht mehr Resilienz.
  • Resilienz beruht auf glaubwürdiger Abschreckung, Kommunikation, Diplomatie und einer positiven langfristigen Zukunftsvision Europas.

Resilienz durch Glaubwürdigkeit

In diesem Zusammenhang nannte Gaub auch Glaubwürdigkeit als wesentliches Element von Resilienz. „Man muss nicht nur sagen, dass man bereit ist, sich zu verteidigen, sondern das in einer Form tun, die die Gegenseite auch glaubt“, so Gaub. Dazu gehöre auch eine entsprechend klare Sprache. „In Europa gibt es da oft Vorbehalte, da man meint, mit scharfen Worten Öl ins Feuer zu gießen.“ Ohne eine solche Sprache ermutige man den Gegner jedoch dazu, die Grenzen immer weiter auszutesten.
 

Diplomatie und Zukunftsvisionen stärken

Ebenso wichtig seien Investitionen in die eigene diplomatische Handlungsfähigkeit und in die Beziehungen zu Staaten außerhalb der traditionellen westlichen Bündnisse. Darüber hinaus brauche Europa außerdem wieder eine Zukunftsvision, die an die Stelle der derzeit vorherrschenden defensiven Sprache im Umgang mit der Zukunft treten könne.Denn letztlich, betonte Gaub, sei die Zukunft kein fertiges Ereignis, auf das Gesellschaften lediglich warten müssten. Sie sei vielmehr ein Raum von Möglichkeiten – und damit auch ein Raum für Entscheidungen.