StromLinie 1-2026
Die Energiemärkte erinnern uns derzeit schmerzhaft daran, wie eng Europas Versorgung mit dem Weltgeschehen verflochten ist. Die jüngsten Entwicklungen im Iran und die Sperre der Straße von Hormus zeigen, wie schnell geopolitische Krisen auf Lieferketten und Preise durchschlagen. In solchen Phasen werden schnell Rufe nach Eingriffen in den Strommarkt laut.
Gerade jetzt sollten wir aber einen kühlen Kopf bewahren. Der europäische Strommarkt ist kein System, das man je nach geopolitischer Großwetterlage neu einstellen kann. Er koordiniert Millionen von Erzeugern, Speichern und Verbrauchern, grenzüberschreitend, rund um die Uhr, im Viertelstundentakt, von Lissabon bis Istanbul. Hohe Preise sind nicht nur Knappheitssignale – sie sind auch ein Anreiz für Investitionen. Wer diese Signale verzerrt, mag zwar kurzfristig eine Entlastung bewirken, langfristig riskiert man damit aber höhere Kosten und anhaltende Abhängigkeit.
In der aktuellen Debatte wird oft so getan, als ließe sich die Merit-Order einfach politisch wegverordnen. Tatsächlich beschreibt sie aber ein Grundprinzip funktionierender Märkte: Zum Zug kommt der günstigste noch verfügbare Anbieter. Über Jahrzehnte hat dieses System in Europa niedrige Energiepreise und eine hohe Versorgungssicherheit ermöglicht. Das Problem liegt nicht im Marktdesign, sondern in realen Engpässen und bei unserer weiterhin hohen Abhängigkeit von fossilen Importen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie wir Strom und Gas voneinander entkoppeln, sondern wie wir dafür sorgen, dass Gas eine immer kleinere Rolle spielt. Im Gegensatz zu scheinbar einfachen Markteingriffen müssen wir uns mehr eigene Erzeugung, stärkere Netze und größere Speicher hart erarbeiten. Doch genau das ist die Antwort, die uns nicht nur irgendwie durch die nächste Krise bringt, sondern unser Energiesystem dauerhaft robuster und unabhängiger macht.

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