Sitzt die Wasserkraft bald auf dem Trockenen?
In Österreich wird es wärmer. Und trockener. Doch was bedeutet die veränderte Verfügbarkeit von Wasser für die Energiewirtschaft?
Wenn er nach den Folgen des Klimawandels und der damit verbundenen Trockenheitsperioden gefragt wird, ist es Günter Blöschl zunächst wichtig, mit einem weit verbreiteten Irrtum aufzuräumen. „Entscheidend ist nicht nur, wie viel Niederschlag im Jahr fällt, sondern auch, wann er fällt“, sagt der Hydrologe, der an der TU Wien lehrt. „Das ist die Gretchenfrage: Fällt bei gleichem Jahresniederschlag mehr Regen im Winter und Frühjahr – oder mehr im Sommer und Herbst?“

Das im September 2026 vorgelegte Update zur Studie „Auswirkungen des Klimawandels auf die Wasserkraft in Österreich“, die von Oesterreichs Energie beauftragt wurde, liefert auf diese Frage eine klare und interessante Antwort. In Zukunft wird in Österreich im Winter tendenziell mehr Niederschlag erwartet. Weil es zugleich wärmer wird, fällt davon ein immer größerer Anteil als Regen statt als Schnee.

Mehr Wasser im Winter
Für die Wasserkraft ist das eine folgenreiche Entwicklung: Wasser, das früher wochen- oder monatelang in der Schneedecke gespeichert war und erst im Frühjahr oder Sommer abgeflossen ist, gelangt früher in Bäche und Flüsse. Laufkraftwerke können dann mehr Energie erzeugen und auch Speicherkraftwerke erhalten zusätzliche Zuflüsse. Unter solchen Umständen kann gerade im eher produktionsschwachen Winter die Leistung der Wasserkraft verstärkt dazu beitragen, die Zeiten geringer Wind- und Photovoltaikerzeugung zu überbrücken.
Im Sommer kehrt sich der Effekt um: Weniger Schnee, eine frühere Schneeschmelze und höhere Verdunstung führen zu geringeren Abflüssen und somit auch zu einer geringeren Wasserkraftausbeute. 2025 sank die Stromproduktion aus Laufkraftwerken um rund ein Viertel und musste durch Importe und stärkeren Einsatz von Gaskraftwerken ersetzt werden.

Besonders problematisch ist der verschobene Wasserhaushalt für die Landwirtschaft. Pflanzen benötigen zusätzliches Wasser vor allem im Frühjahr und Sommer, also gerade dann, wenn höhere Temperaturen die Verdunstung erhöhen, Böden schneller austrocknen und Niederschläge einen kleineren Beitrag zur Grundwasserneubildung leisten. „Längere Trockenperioden und steigende Temperaturen erhöhen den Wasserbedarf und setzen gleichzeitig unsere Wasserressourcen zunehmend unter Druck“, kommentiert die Lage das Landwirtschaftsministerium.
Hitze und Verdunstung
Ein nasser Winter kann zwar auch in der Landwirtschaft die Situation etwas verbessern, er ersetzt aber nicht automatisch die fehlende Bodenfeuchte in der Vegetationsperiode. Fällt der Niederschlag im Sommer außerdem in kurzen, intensiven Ereignissen, fließt ein größerer Teil rasch oberflächlich ab, statt langsam in tiefere Bodenschichten zu gelangen. Wasserkraft hat eher die Möglichkeit, auch solche Ereignisse zu nutzen, indem man das zufließende Wasser in Speicherkraftwerken zurückhält und später zur Stromerzeugung einsetzt.
Gleichermaßen für die Landwirtschaft wie für die Stromerzeugung schwierig bleibt die zunehmende Verdunstung. Denn für beide lautet der negative Effekt: Von derselben Niederschlagsmenge geht ein immer größerer Anteil in die Atmosphäre, bevor er Bäche, Flüsse oder Speicher erreichen kann.
Zwischen 1980 und 2010 ist die jährliche Verdunstung in Österreich um rund 80 Liter Wasser pro Quadratmeter und Jahr gestiegen. Seit 2010 ist die Zunahme etwas geringer geworden, der Trend setzt sich aber dennoch ungebrochen fort.

Stärkere Niederwasserperioden
„Dass die Verdunstung heute weniger stark zunimmt als in den Jahrzehnten davor, ist keine Entwarnung“, kommentiert Klaus Haslinger, Hydroklimatologe bei GeoSphere Austria. „Es bedeutet nicht, dass sich die Lage entspannt hätte. Ein wesentlicher Grund ist vielmehr, dass die Böden zunehmend trockener sind und dadurch weniger Wasser zur Verfügung steht, das zusätzlich verdunsten kann. Verstärkt wird dieser Effekt durch rückläufige Sommerniederschläge.“
In der Folge werden die Niederwasserperioden nicht nur häufiger, sondern auch ausgeprägter, wie der an der Universität für Bodenkultur tätige Umweltstatistiker Gregor Laaha ausführt. „Vor allem in Nord- und Südostösterreich haben die Niederwasserabflüsse in den vergangenen rund 40 Jahren um mehr als 20 Prozent abgenommen.“ Und er ergänzt: „Es ist zu erwarten, dass sich diese Trends bei weiter steigenden Temperaturen verschärfen.“
Das Jahr 2026 liefert dafür ein extremes Beispiel. Auf geringe Niederschläge im Winter 2025/26 und im ersten Halbjahr 2026 folgten hohe Sommertemperaturen und zwei ausgeprägte Hitzewellen. Die hohe Verdunstung verstärkte die Austrocknung. Die Donau war von der Entwicklung besonders stark betroffen. Am Pegel Korneuburg erreichte das Juli-Minimum den niedrigsten Wert der Messreihe. Vergleichbar niedrige Werte waren in den Sommermonaten der letzten zwanzig Jahre extrem selten, vor 1990 kamen sie ausschließlich in den Wintermonaten vor. Fachleute sehen darin einen weiteren Hinweis darauf, dass die Wasserkraft in Zukunft im Sommer mit Niederwasser-Situationen konfrontiert sein wird, die sie bislang nur vom Winter kannte.
Keine einfachen Rezepte
Eine einfache Lösung gibt es nicht. Sinkende Wasserstände lassen sich nur bedingt mit dem Bau weiterer Wasserkraftwerke bekämpfen. Die von Oesterreichs Energie beauftragte und gerade aktualisierte Studie „Auswirkungen des Klimawandels auf die Wasserkraft in Österreich“, die vom Ingenieur- und Beratungsunternehmen AFRY erstellt wurde, betont, dass für Laufkraftwerke ein naturgemäßer direkter Zusammenhang zwischen Zufluss und Stromproduktion besteht. Zusätzliche Turbinenleistung allein löst das Problem niedriger Wasserstände im Sommer nicht. Denn fehlt Wasser, kann auch eine größere Anlage daraus keinen zusätzlichen Strom erzeugen.
Anders liegt der Fall bei Speichern, Pumpspeichern und einer flexibleren Nutzung der bestehenden Standorte. Je mehr Wasser im Winter abfließt, je früher die Schneeschmelze erfolgt und je knapper das Wasser im Sommer wird, desto wichtiger wird es, Wasser zu speichern, um es zu einem späteren Zeitpunkt zur Stromerzeugung nutzen zu können.
Speicher können Dürreperioden allerdings nicht beliebig lang überbrücken. Für die Salzach bei Oberndorf könnten sie einen extrem niedrigen Wasserstand für rund einen Monat anheben. Für größere Flüsse ist der Spielraum hingegen deutlich geringer. Bei der Donau spricht die AFRY-Studie zum Beispiel von höchstens sechs bis zwölf Tagen.

Das bestehende System verbessern
Am Ende ist der Befund daher ziemlich klar. Weder Speicher allein, noch zusätzliche Turbinenkapazitäten bieten eine angemessene Antwort auf die sich rapid verändernden Rahmenbedingungen, in denen die Wasserenergie ihre Leistung bringen muss. Ausbauten und Neuprojekte sollten daher in erster Linie dort realisiert werden, wo nicht nur zusätzliche Turbinenkapazität geschaffen wird, sondern vorhandenes Wasser effizienter genutzt, gespeichert oder zeitlich verschoben werden kann.
Einstellen muss sich die Branche aber auch auf den Verlust von Gletschern, die bislang als natürliche Wasserspeicher dienten. „Gerade im Alpenraum liegt die Temperaturerhöhung an der oberen Grenze der Vorhersagen der Klimamodelle. Bis 2050 dürften 70 bis 80 Prozent der Gletschermasse verschwunden sein“, sagt der Glaziologe Wolfgang Schöner von der Uni Graz. Selbst bei niedrigen globalen Erwärmungsniveaus bleiben gegen Ende des Jahrhunderts weniger als sechs Prozent der heutigen Gletschermasse bestehen, bei hohen Erwärmungsniveaus praktisch nichts.
Neue Verhältnisse
Für die kommenden Jahre, urteilen die Autoren der AFRY-Studie, müsse es daher vor allem darum gehen, das Zusammenspiel zwischen Wasserkraftproduktion und Speichernutzung zu verbessern und noch flexibler zu gestalten. Auch größeres Speichervolumen kann nützlich sein, aber nur dann, wenn gewährleistet ist, dass es auch befüllbar bleibt.
Und schließlich sollte in Zukunft noch stärker als bisher die kombinierte Wirkung von Wasserkraft und Photovoltaik bedacht werden. Gerade im Sommer, wenn die Wasserkraft unter niedrigen Wasserständen leidet, liefert PV besonders viel Strom. Speicherwasser muss dann nicht zwingend sofort verstromt werden, sondern kann für Zeiten zurückgehalten werden, in denen Sonne und Wind weniger liefern. Denn der Wert von Speicherkraftwerken, schlussfolgern die Studienautoren, liegt zunehmend nicht nur in der erzeugten Strommenge allein, sondern noch stärker als früher darin, die Erzeugung zeitlich zu verschieben und Strom dann bereitzustellen, wenn er gebraucht wird.

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