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Notsynchronisierung: Ukrainisches Stromnetz an Europa angeschlossen

Im Zuge einer Notsynchronisierung wurde das ukrainische Stromnetz Mitte März an Kontinental-Europa angeschlossen.

© DTK

Eigentlich hätte es nur ein Test sein sollen. Drei Tage lang, vom 24. bis 26. Februar, wollte die Ukraine prüfen, wie gut ihr Stromnetz auch für sich allein funktionieren kann – abgekoppelt von Russland und Belarus. Mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine in den frühen Morgenstunden des 24. Februars wurde aus der Übung auf einmal ein Ernstfall.

Abgesehen von der kleinen Burschtyn-Region im Südwesten des Landes, die schon seit Jahren mit dem kontinentaleuropäischen Netz verbunden ist, fand sich die Ukraine in einem dauerhaften Inselbetrieb wieder, der so nicht geplant war. Und der so manche Gefahr mit sich brachte. Denn kleine, isolierte Netze – und gemessen am russischen Netz ist die Ukraine ein kleines Netz – tendieren zu Instabilität. Weshalb der ukrainische Netzbetreiber Ukrenergo am 27. Februar einen Antrag auf eine Notsynchronisierung mit dem Westen stellte. Die Begründung: Angesichts des Kriegs, in dem man sich befindet, sei es für die Ukraine überlebenswichtig, ihr Netz unter diesen Umständen so stabil wie möglich zu halten.

Pläne für einen Anschluss des Landes an das vom Verband Europäischer Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) betriebene europäische Stromnetz gab es seit 2017.

Sie kamen aber nur schrittweise voran, nicht zuletzt wegen der Tragweite des geplanten Vorhabens: 39 Netzbetreiber aus 35 Staaten sind an Entso-E beteiligt, das Netz reicht weit über die Europäische Union hinaus. Weshalb EU-Kommissarin Kadri Simson nach dem ukrainischen Antrag auf Notsynchronisierung diesen zwar unterstützte, die Entscheidung über die praktische und technische Umsetzbarkeit aber an die Entso-E weitergab.

Noch am gleichen Tag erklärte Entso-E in einer Stellungnahme: „Entso-E würdigt die außergewöhnlichen Bemühungen des ukrainischen Netzbetreibers Ukrenergo, das Stromnetz in diesen schwierigen Zeiten zu betreiben und aufrechtzuerhalten, und wird diese Bemühungen weiterhin unterstützen.

Task-Force am Werk

Wenige Stunden später stand bereits eine Entso-Task-Force bereit, die die Möglichkeiten und Risiken einer unmittelbaren Aufnahme der Ukraine (und damit auch der am ukrainischen Netz hängenden Republik Moldau) in den westlichen Netzverbund evaluieren sollte. Regulär wurde bislang übrigens erst der Sommer 2023 als frühestmöglicher Beitrittstermin gehandelt.

Im Kern ging es bei den Erhebungen der Task-Force darum, anhand technischer Parameter zu beurteilen, ob nach einem Anschluss der Ukraine und Moldawiens weiterhin ein gesicherterer Stromfluss durch gut gewartete und verwaltete Stromsysteme garantiert werden kann. Vor allem für die Netzbetreiber in den westlichen Nachbarländern der Ukraine, also Slowakei, Ungarn, Polen und Rumänien, war auch zu prüfen, welche Anpassungen sie noch vornehmen müssen, um etwaige Stromflüsse von oder aus der Ukraine verarbeiten zu können.

Netzsicherheit

Neben Cybersicherheit spielte generell die Netzstabilität bei den Überlegungen der Task-Force eine Schlüsselrolle, etwa die Frage, ob das Restnetz etwaige Ausfälle in der Ukraine verkraften kann oder ob das ukrainische Netz eine ausreichende Frequenzstabilität hat. Zu klären waren aber auch rechtliche Rahmenbedingungen.

Am Ende fiel das Urteil der Experten nicht nur unerwartet schnell, sondern auch eindeutig positiv aus. Das technische Risiko bei einem Anschluss der Ukraine an den Entso-E-Netzverbund bewege sich in einem akzeptablen und beherrschbaren Rahmen, der die Energiesicherheit Österreichs und Europas nicht gefährden werde, lautete das Urteil. Am Nachmittag des 16. März wurde die Notsynchronisation der Stromnetze von Kontinentaleuropa und der Ukraine daher Wirklichkeit. 

Dass es so schnell gehen konnte, liegt auch daran, dass die Ukraine grundsätzlich in der Lage ist, ihr Netz selbst stabil zu halten und auch nicht vorhat, auf dem kontinentaleuropäischen Markt tätig zu werden. Dementsprechend niedrig sind auch die Lastflüsse, die zwischen Europa und der Ukraine erwartet werden. Man spricht von 100 bis 200 MW. Nur zum Vergleich: Zwischen Deutschland und Österreich sind es oft mehrere Tausend, zwischen Österreich und der Schweiz rund 1.000 MW. 

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