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StromLinie 01-2022

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Zeiten der Wende

Der russische Einmarsch in die Ukraine läutet in Europa eine Zeitenwende ein. Neben den humanitären, politischen und wirtschaft­lichen Dimensionen dieses Krieges, die derzeit noch kaum absehbar sind, stellt der Konflikt auch die Energiewirtschaft vor eine Reihe von 
Herausforderungen. 

Waren es im Herbst noch die hohen Preise, die die Branche in Atem hielten, dominieren nun politische Fragen und die Sorge um die Versorgungssicherheit den Diskurs. Die Frage ist nun nicht mehr, ob sich Haushalte und Betriebe ihre Energie leisten können, sondern ob Gas im not­wendigen Ausmaß weiter zur Verfügung steht. Auch wenn das Gas aus Russland seit Beginn des Kriegs weiter fließt, ist nicht klar, ob dies so bleiben wird. Der politische und moralische Druck europäischer Länder, die weniger als Österreich vom russischen Erdgas abhängig sind, ist hoch.  

Die österreichischen Haushalte und Betriebe sind derzeit in hohem Maße auf russische Gaslieferungen angewiesen. Das Gleiche gilt für unsere thermischen Kraftwerke, die vor allem im Winter essenziell für die Aufrechterhaltung der Versorgung sind. Kurzfristig wird sich an diesem Umstand auch mit vollem Einsatz nur wenig ändern lassen – so viel Realismus sollte geboten sein. 

Die derzeit brennendste Frage aus Sicht der Energiewirtschaft ist daher, wie wir uns auf die Bewältigung des nächsten Winters bestmöglich vorbereiten können. Das kürzlich beschlossene Gesetz zur Gasbevorratung kann hier einen Beitrag leisten. Daneben gilt es, die Gasquellen 
zu diversifizieren. 

Mittel- und langfristig steht uns mit dem Erneuerbaren-Ausbau allerdings ein wesentlicher Hebel zur Verfügung, den wir nun rasch in Bewegung setzen sollten. Verfahrensbeschleunigungen, die rasche Umsetzung der notwendigen Verordnungen, die Zurverfügungstellung von Flächen müssen angegangen und Projekte jetzt eingereicht werden.

Denn eines ist klar: Mehr politischen Rückenwind – und wohl auch öffentliche Unterstützung – als derzeit wird es für einen raschen und konsequenten Umbau unseres Energiesystems nicht geben. Wenn wir die Gunst der Stunde jetzt nicht nutzen, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir in einigen Jahren wieder vor ähnlichen Problemen stehen. Denn das hat die Vergangenheit gezeigt: Die lange Bank löst im Energiebereich keine Probleme.

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