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Neues Vertragsmodell für Kühtai 2

Bei der Realisierung des Pumpspeicherkraftwerks Kühtai 2 setzt TIWAG auf eine innovative Vertragskonstruktion. Sowohl Kosten als auch Bauzeit konnten durch das Modell deutlich verringert werden.Etwa sechs Jahre nach Beginn der Bauarbeiten ist es so weit: Der Probebetrieb des Pumpspeicherkraftwerks Kühtai 2 der TIWAG hat begonnen. Vorgesehen ist, den regulären Betrieb 2027 aufzunehmen. Bei Kühtai 2 handelt es sich um die zweite Oberstufe des Kraftwerks Sellrain-Silz etwa 40 Kilometer westlich von Innsbruck. Mit der Erweiterung kommt dieses auf eine Gesamtleistung von rund 970 Megawatt (MW). Wichtig ist aber vor allem, dass die Flexibilität der Kraftwerksgruppe mit dem Ausbau deutlich erhöht wird: Kühtai 2 verfügt über einen neuen Speichersee mit 31 Millionen Kubikmetern Nutzinhalt. Somit steigt das Speichervolumen von Sellrain-Silz um rund 50 Prozent auf knapp 95 Millionen Kubikmeter. Der Speichersee von Kühtai 2 befindet sich etwa anderthalb Kilometer westlich des schon bisher bestehenden Speichers Finstertal und liegt rund 180 Meter tiefer als dieser.

Gut geeignet für komplexe Projekte: Der Allianzvertrag bezüglich Kühtai 2 bringt der TIWAG und ihren Partnern erhebliche Vorteile.

Über einen Triebwasserweg kann die TIWAG mit den zwei je 95 MW starken hochflexiblen Pumpturbinen von Kühtai 2 Wasser vom neuen Speichersee in den Speicher Finstertal pumpen oder zur Produktion von Spitzenstrom nutzen. Im seit 1981 in Betrieb befindlichen Pumpspeicherkraftwerk Kühtai mit 289 MW Leistung lässt sich das Wasser ein weiteres Mal zur Stromerzeugung verwenden, bevor es über einen Triebwasserweg zum 1.250 Meter tiefer im Inntal gelegenen Kraftwerk Silz mit 500 MW gelangt und dort nochmals abgearbeitet wird. Insgesamt kann die TIWAG mit Kühtai 2 die mögliche Stromproduktion der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz um mehr als 40 Prozent auf 747 Millionen Kilowattstunden (kWh) pro Jahr erhöhen. Wegen seiner Flexibilität gilt Kühtai 2 als „Leuchtturm der Energietransformation“ (siehe „Stromlinie“ 1/2022, Seite 26-27). 
 

Innovative Abwicklung

Innovativ ist indessen nicht nur die Technik, sondern auch die Abwicklung des Projekts. Sie erfolgt mittels eines sogenannten „Allianzvertrags“, wie ihn die TIWAG mit ihren damaligen Partnern erstmals bei der Errichtung des Gemeinschaftskraftwerks Inn (GKI) nutzte. Dieses ist mit 97,4 MW eines der leistungsstärksten Laufkraftwerke des landeseigenen Tiroler Energieunternehmens. Aufgrund von Problemen in der Projektabwicklung löste die GKI 2017 den bestehenden Bauvertrag einvernehmlich auf. „Um das Projekt in möglichst kurzer Zeit und mit minimalen Kosten zu Ende zu führen, wurde damals mit einem Nachfolgeunternehmen ein Bauvertrag nach den Prinzipen der angelsächsischen Allianzverträge abgeschlossen und erfolgreich finalisiert“, heißt es seitens der TIWAG. Eine Evaluierung ergab, „dass die Kosten beim Allianzvertrag um sechs bis neun Prozent geringer ausfallen und die Bauzeit um 15 bis 20 Prozent durch den Vertrag und die schnellen Entscheidungen verkürzt wurde. Das bestärkte uns, auch beim Projekt Kühtai 2 einen Allianzvertrag umzusetzen“. 

Bonus bei niedrigeren Kosten und früherer Fertigstellung:
geeignet vor allem für komplexe Großprojekte.

Grob gesprochen „harmonisiert“ der Allianzvertrag die Interessen des Auftraggebers und des Auftragnehmers, der die bestellte Leistung zu erbringen hat und dafür sein Entgelt erhält. Die mit dem jeweiligen Projekt betreffenden Risiken werden gemeinsam getragen. Bezüglich Kühtai 2 schloss die TIWAG den Allianzvertrag 2020 mit der bauausführenden Arbeitsgemeinschaft ab. Sie selbst ist an dieser zwar nicht beteiligt, hat aber Mitspracherechte sowie weitreichende Möglichkeiten zur Einschau in die Bücher der Gesellschaft. Wie üblich kommt auch beim Allianzvertrag zu Kühtai 2 ein dreistufiges Vergütungsmodell zum Tragen. In der Stufe 1 werden den Auftragnehmern die direkten Kosten für die Bauausführung abgegolten, in Stufe 2 die Overheadkosten. Stufe 3 besteht aus einem Bonus-Malus-System. Der TIWAG zufolge bemisst sich der Bonus „im Wesentlichen an der Unter- oder Überschreitung der Projektkosten. Unterschreiten die tatsächlichen Kosten den Zielwert, wird der Bonus als Produkt der Unterschreitung mal Beteiligungsschlüssel ermittelt und ausbezahlt. Jeder eingesparte Euro kommt damit anteilig dem Auftragnehmer und dem Auftraggeber zugute“. 
Ferner enthält der Allianzvertrag zu Kühtai 2 Vereinbarungen zu Zeitboni. Diese werden fällig, wenn der Abschluss bestimmter Arbeiten früher erfolgt als vereinbart. Weiters gibt es nach Angaben der TIWAG „projektspezifische und monetär untergeordnete Zielvereinbarungen, etwa die Ausfallsquote bei Arbeitsunfällen“. 
 

Weniger Zeitbedarf, geringere Kosten

Laut der TIWAG eignen sich Allianzverträge insbesondere für komplexe Projekte, „und Kühtai 2 war ein sehr komplexes Projekt“. Für die Errichtung des 113 Meter hohen Steinschüttdamms bestehen „weltweit kaum aktuelle Erfahrungen“. Gleiches gilt für den mehr als 25 Kilometer langen Beileitungsstollen, der sechs Wasserfassungen in den Ötztaler und Stubaier Alpen erschließt. Dazu kommt, dass das Vorhaben in mehr als 2.000 Metern Seehöhe zu realisieren war. Wie den Allianzvertrag zum GKI ließ die TIWAG auch jenen zu Kühtai 2 von externen Fachleuten evaluieren. Das Ergebnis: Die Projektkosten werden um mehr als 100 Millionen Euro niedriger ausfallen als dies bei der Errichtung von Kühtai 2 auf Basis eines Einheitspreisvertrages der Fall gewesen wäre. Auch konnte die Bauzeit um etwa ein Jahr verkürzt werden.

Ein weiterer Vorteil ist: Unweit von Kühtai 2 begann die TIWAG im Herbst 2025 im Inntal mit dem Bau des Ausleitungskraftwerks Imst-Haiming und konnte dabei einen Großteil der bei Kühtai 2 Beschäftigten einsetzen. Ihr zufolge „wäre das im Einheitspreisverfahren unmöglich gewesen, weil vor allem das (Kader-)Personal bei solchen Verträgen deutlich länger an ein Projekt gebunden ist. Wir hätten folglich komplett neues Personal rekrutieren oder den Baubeginn des Nachfolgeprojekts deutlich verschieben müssen“. Imst-Haiming hat eine Leistung von 62 MW und kann jährlich etwa 250 GWh Strom erzeugen. Die Inbetriebnahme des Kraftwerks ist für Herbst 2030 vorgesehen. Realisiert wird dieses Vorhaben ebenfalls mit einem Allianzvertrag, der auch hinsichtlich der Vergütungen ähnlich gestaltet ist wie jener zu Kühtai 2. 

Auch ihr bisher weitaus größtes Projekt wird die TIWAG mit einem Allianzvertrag realisieren: den Ausbau des Speicherkraftwerks Kaunertal, für den bis 2029 ein rechtskräftiger Teilbescheid angestrebt wird. Die TIWAG plant, einen Pumpspeicher mit 400 MW Leistung sowie einen neuen Speichersee mit 42 Millionen Kubikmetern Volumen zu errichten. Damit wird Kaunertal zu einer flexiblen Kraftwerksgruppe mit knapp 800 MW Gesamtleistung und einem Speichervermögen von 180 Millionen Kubikmetern. 

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