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Netzstabilität: Ohne Erdgas geht es nicht

Die österreichischen Gaskraftwerke sind für die sichere Stromversorgung bis auf Weiteres unverzichtbar. Sie stabilisieren das Übertragungsnetz nicht nur hierzulande, sondern auch in den Nachbarländern. 

Laut Klaus Kaschnitz, dem Betriebsdirektor des Übertragungsnetzbetreibers Austrian Power Grid (APG), sei klar: „Die Bedeutung der Gaskraftwerke für die Stromversorgung ist enorm hoch.“ Übers Jahr hinweg decken sie rund 15 Prozent des Bedarfs an elektrischer Energie in Österreich, in manchen Stunden sogar über 40 Prozent. Und nicht nur heimische Anlagen seien für die österreichische Stromversorgung von Bedeutung, erläutert Kaschnitz: „Zu manchen Zeiten ist es notwendig, Strom zu importieren.

Techniker klettert auf einem Strommast
© Karl Michalski

Am europäischen Strommix haben Gaskraftwerke einen Anteil von rund 20 Prozent. Das heißt, auch die nötigen Exportüberschüsse anderer Länder würden bei einer Gasverknappung geringer werden.“ Benötigt werden solche Anlagen insbesondere im Winterhalbjahr, wenn die Wasserkraftwerke und Photovoltaikanlagen vergleichsweise wenig Strom erzeugen, aber der Strombedarf wegen niedriger Temperaturen sein Maximum erreicht. Besonders kritisch wird es, wenn auch noch der Wind auslässt: „Die ‚kalte Dunkelflaute‘ macht uns am meisten Sorgen.“ 

Zugute komme Österreich bei intakter Gasversorgung laut Kaschnitz dabei: Etwa 85 Prozent der jährlich mit Gaskraftwerken erzeugten rund zehn Terawattstunden (TWh) Strom entfallen auf Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK), die zur Wärmeversorgung im Winterhalbjahr ohnehin in Betrieb sind. Nur 15 Prozent müssen eigens zur Netzstabilisierung aktiviert werden. Genutzt werden dafür im Bedarfsfall auch Anlagen, bei denen keine Wärmeauskopplung möglich ist: „Zur jahresdurchgängigen Absicherung der für den sicheren Betrieb der Übertragungsnetze nötigen Verfügbarkeit der Gas-Kraftwerke ist es notwendig, diese über Ausschreibungen als Netzreserve zu kontrahieren.“

Wie Kaschnitz betont, sei dabei zu beachten: Wären die mit Erdgas befeuerten KWK während des Winters nicht fast permanent am Netz, würde das den Redispatch-Bedarf im Winter mit einem Schlag vervielfachen. „Wir bräuchten dann nicht 1,6 TWh, sondern knapp zehn TWh. Und diese müssten mit flexiblen, jederzeit verfügbaren Kraftwerken im Osten erzeugt werden. Das wären letztlich aber wieder die Gaskraftwerke“, stellt Kaschnitz klar. „Ohne Gaskraftwerke wäre es auf absehbare Zeit sicher nicht möglich, das Netz stabil zu halten. Das ist undenkbar.“ Ein Embargo auf russisches Gas zu verhängen, sei natürlich eine politische Entscheidung. Doch ohne Gaskraftwerke „ist eine sichere Stromversorgung für Österreich nicht möglich“. Die Gasversorgung der Kraftwerke als Teil der „kritischen Infrastruktur“ müsste daher wohl auch im Falle eines Embargos und damit einer Energielenkung im Gassektor gewährleistet werden. Ansonsten scheint eine Ausweitung der Energielenkung auf den Strombereich unausweichlich.

„Gaskraftwerke laufen, um das System stabil zu halten, auch in den Nachbarländern. Diese Dienstleistung für die Nachbarn kompensiert auch fehlende Netzinfrastruktur.“ Johannes Mayer E-Control, Leiter der Abteilung Volkswirtschaft

Hinzu kommt: Mitten in Europa gelegen, ist das österreichische Übertragungsnetz eine Drehscheibe für weiträumigen Stromausgleich. Im Jahr 2021 wurden rund 17 TWh aus Deutschland importiert. Etwa zehn TWh davon dienten der Versorgung Österreichs, sieben TWh wurden primär in Italien und Südosteuropa benötigt. Dabei handelt es sich immer mehr um Ökostrom, der, abgesehen von seiner klimaverträglichen Erzeugung, wegen geringer variabler Kosten preisgünstig am Markt angeboten wird. Ohne die Gaskraftwerke als Backup zur kurzfristigen Absicherung des österreichischen Stromnetzes ließen sich auch derartige Transite zur grenzüberschreitenden Nutzung von erneuerbaren  Energien nicht mehr im heutigen Ausmaß gewährleisten. Laut Kaschnitz sei in Österreich seit 2010 etwa die Hälfte des mit kalorischen Kraftwerken erzeugten Stroms durch Strom aus Wind- und PV-Anlagen ersetzt worden. Für die ab 2030 geplante, bilanziell vollständige Ökostromversorgung sei es notwendig, die Netze zu verstärken und zu erweitern. Nur das erlaube den weiteren sukzessiven Ausstieg aus Gas und den sicheren, überregionalen Abgleich von Strommengen, der wegen der Volatilität der „Erneuerbaren“ steigen werde. Andernfalls könnte es notwendig werden, die Ökostromerzeugung zeitweilig lokal zu drosseln, um die Netzstabilität nicht zu gefährden. Bisweilen erfolge das schon jetzt. 
 

Jedenfalls erforderlich. 

Laut der E-Control seien die heimischen Gaskraftwerke notwendig für die sichere Stromversorgung in Österreich sowie seinen Nachbarländern, berichtet der Leiter der Abteilung Volkswirtschaft, Johannes Mayer: „Sie laufen, um das System stabil zu halten, auch in Ungarn, Slowenien sowie im Süden Deutschlands.“ Diese Dienstleistung für die Nachbarländer habe in den vergangenen Jahren „spürbar an Bedeutung gewonnen und kompensiert auch fehlende Netzinfrastruktur“, bestätigt der stellvertretende Leiter der Abteilung Strom der E-Control, Sven Kaiser: „Das hängt zusammen mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien in weiten Teilen Europas, aber auch mit der Außerdienststellung der deutschen Kernkraftwerke sowie mit den Entwicklungen im europäischen Stromhandel.“ Bis auf Weiteres seien die österreichischen Gaskraftwerke jedenfalls erforderlich, sowohl für die heimische Versorgung als auch für das europäische Energiesystem. 

Gasleitungsrohre
© AdobeStock

Was angesichts dessen bei einem Ausfall der Gaslieferungen aus Russland geschehen würde, sei laut Mayer nicht leicht einzuschätzen. Insgesamt könnte die EU seinen Schätzungen zufolge auch in diesem Fall zwar etwa 80 bis 90 Prozent der benötigten Gasmengen erhalten: „Die Frage ist aber, ob wir das Gas dorthin bekämen, wo es gebraucht wird.“

Und das lasse sich nicht so einfach beantworten. Jedenfalls notwendig wären dafür gesamteuropäische, weitreichende Lenkungsmaßnahmen, das heißt, „eine Art Nachkriegswirtschaft, die nur mehr bedingt mit einem Markt zu tun hätte“. Und ohne Zweifel wäre Österreich „eines der am meisten betroffenen Länder der EU“, stellt Mayer klar. Mit seinen umfangreichen Gasspeichern habe das Land freilich einen gewissen „Polster“. Wenn mit Russland indessen der weit wichtigste Gaslieferant ausfalle, „kann der Polster so groß nicht sein, dass wir das nicht in einigen Monaten spüren würden“. Die für die Sicherheit der Stromversorgung erforderlichen Gaskraftwerke wären von Energielenkungsmaßnahmen, wenn überhaupt, allerdings erst zu einem sehr späten Zeitpunkt betroffen, versichert Mayer: „Sie gehören ja zur kritischen Infrastruktur.“ Und deren Betrieb müsse so lange wie möglich aufrechterhalten werden.

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