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Keywan Riahi erklärt Sachstandsbericht des Weltklimarates

Mitte Mai ist ein neuer Abschnitt des Sachstandsberichts des Welt­klimarates erschienen. Mitautor Keywan Riahi erklärt die Kernbotschaften des fast dreitausend Seiten starken Papiers.
 

Hat Innovation schon zu einer Reduktion der Emissionen geführt?
Keywan Riahi: Beginnen wir mit dem Positiven. Die Emissionen sind in der vergangenen Dekade langsamer gewachsen. In einigen europäischen Ländern haben wir gesehen, dass nachhaltige Reduktionen möglich sind. Außerdem hat der Paris-Prozess zu einer gewissen Vereinheitlichung der Klimapolitik geführt. Im Energiesektor funktioniert Innovation auch deshalb, weil es hier verhältnismäßig wenige, dafür aber ökonomisch starke Akteure gibt. Die Kosten der Solarzelle sind in den letzten zehn Jahren um 85 Prozent gefallen, ebenso die Kosten von Windenergie und Batterien. Das ist aus historischer Sicht eine der Hauptheadlines des Berichts.

Ist das 1,5-Grad-Ziel noch erreichbar?
Riahi: Neu im Bericht ist eine Quantifizierung der Maßnahmen, die durchzuführen sind, wenn bestimmte Klimaziele erreicht werden sollen. Da sieht es nicht gut aus. Wenn wir das 1,5-Grad-Ziel erreichen wollen, dann brauchen wir eine Trendwende bei den Treibhausgasemissionen bis 2025. Bis 2030 müssen wir eine Reduktion von dreißig bis sechzig Prozent schaffen und bis 2050 müssen die CO2-Emissionen bei null anlangen. Wir sprechen von einem globalen Ziel. Das heißt, dass Länder wie Österreich, die auch die entsprechende Innovationskapazität haben, schon vor 2050 auf netto null CO2-Emissionen kommen müssen. Für das Zwei-Grad-Ziel bleibt etwas mehr Spielraum, da haben wir noch bis 2070 Zeit, um auf null CO2-Emissionen zu kommen. 

Welche Hebel haben wir noch?
Riahi: Rein ökonomisch betrachtet ist es möglich, dass wir bis 2030 eine Reduktion der Emissionen um die Hälfte erreichen mit einem CO2-Preis, der unter 100 Dollar pro Tonne liegt. Allerdings werden viele Staaten nicht die Stärke haben, die dafür nötigen Maßnahmen zu setzen. Aus diesem Grund sollten gerade Staaten, die einen hohen CO2-Ausstoß haben, an der Bedarfsseite Veränderungen herbeiführen. Das würde bedeuten, dass wir Dienstleistungen anders konsumieren als heute. Dafür braucht es eine sogenannte Shared Economy und sehr hohe Recyclingraten. Das hätte auch soziale und ökonomische Vorteile, weil damit die Kosten der Energiewende gesenkt würden. 

Welche Technologien könnten in Zukunft kommen? 
Riahi: Bis jetzt wurde die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre als eine technische Option dargestellt. Nun zeigen alle Studien relativ eindeutig, dass man nicht jede Aktivität auf diesem Planeten dekarbonisieren kann und wir zwar neunzig Prozent der Emissionen reduzieren können, aber eben nicht hundert. Die verbleibenden zehn Prozent müssen durch sogenannte Senken oder Nullemissionen abgefangen werden. Eine sehr attraktive Maßnahme hier wäre neben Aufforstung Biokohle. Biokohle wird aus Biomasse hergestellt und im landwirtschaftlichen Bereich in die Böden eingebracht. Dadurch wird CO2 gebunden, zugleich erhöht sich die Produktivität der Böden. Diese Möglichkeit ist auch auf kleiner Skala anwendbar und daher für Entwicklungsländer zugänglich. 

Was ist mit dem Individualverkehr?
Riahi: Der motorisierte Individualverkehr ist ein sehr großer Emissionsverursacher. Dennoch setzt der Bericht die kurzfristig zu erreichenden Einsparungspotenziale in diesem Bereich relativ niedrig an. Grund dafür sind die fehlende Infrastruktur und die nach wie vor vielfach geringe Attraktivität eines Umstiegs. Es ist tatsächlich eine sehr große Herausforderung, eine Lösung im Sektor Mobilität zu finden, denn, das belegen historische Beispiele sehr gut: Es hat noch nie eine erfolgreiche Transformation von einem besseren System auf ein schlechteres gegeben.

Keywan Riahi
© Matthias Heschl

Zur Person

Keywan Riahi ist der meistzitierte Klimaforscher der Welt. Er leitet das Energie­programm des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse in Laxenburg. Riahi berät die EU und die UN im Bereich der Nachhaltigkeitsziele.

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