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Ist die Wende noch zu schaffen?

 

Energiezukunft jetzt? Bis 2030 soll Österreichs Stromproduktion bilanziell klimaneutral sein. Das bedeutet, dass zumindest so viel an grünem Strom erzeugt wie verbraucht wird. Kann sich das ausgehen?

Das Ziel ist ambitioniert. Bis 2030 soll in Österreich die Energiewende vollbracht sein und die heimische Stromproduktion bilanziell klimaneutral erfolgen. An manchen Tagen, wenn die Bedingungen für Wind, Sonne und Wasser gut sind, produzieren viele österreichische Regionen schon heute mehr grüne Energie, als sie verbrauchen können. Über das ganze Jahr gerechnet sieht es allerdings anders aus.

Dass jeden Tag auch noch rund 15 Kilometer Stromkabel neu verlegt werden müssten, ist in dieser Rechnung aber erst gar nicht enthalten, ebenso die anderen Anforderungen des Netzausbaus: vom Trafotausch bis zur Verstärkung von Umspannwerken und dem Einbau von Smartmetern.

Das Gelingen der Energiewende ist auch wirtschaftlich wichtig: Der Zugang zu erneuerbarer Energie ist zu einem der wesentlichsten Kriterien bei Niederlassungs­entscheidungen geworden. © AdobeStock

„Solche Zahlen sind natürlich Näherungswerte, aber sie geben die Größenordnung schon richtig wieder, denn sie beruhen auf der plausiblen Annahme, dass wir 2030 einen Strombedarf von 83 TWh Stunden haben werden und bis dorthin daher zusätzliche 27 TWh aus erneuerbaren Energien brauchen“, kommentiert der Ökonom und Forscher am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz Jakob Mayer. 
 

Rahmenbedingungen als Schlüsselfaktor

Um diesen dringend notwendigen Ausbau zu schaffen, müssen einige Voraussetzungen in das richtige Verhältnis zueinander gebracht werden, die schon für sich alleine betrachtet nicht ganz einfach sind. Da wäre zunächst einmal die grundsätzliche Verfügbarkeit von Flächen, die sich für eine bestimmte Form der regenerativen Energiegewinnung eignen. 

„Rechnerisch müssen wir jetzt in zehn Jahren errichten,
wofür wir beim letzten Mal rund 30 Jahre gebraucht haben.“

Sie ist für die unterschiedlichen Energiearten wie Wasser, Wind und Sonne je nach Region verschieden groß, doch theoretisch betrachtet kein limitierender Faktor. Denn der Flächenverbrauch erweise sich, wie Jakob Mayer betont, als nicht übermäßig: „Bezogen auf die Gesamtfläche von Österreich sprechen wir von einem Bedarf im einstelligen Prozentbereich.“

Bei den nicht nur theoretisch, sondern auch tatsächlich nutzbaren Flächen ist die Lage allerdings anders, denn nicht jede im Prinzip nutzbare Fläche steht auch wirklich für die Energiegewinnung zur Verfügung. Akzeptanzprobleme und langwierige Genehmigungsverfahren sind hier die häufigsten Hürden. 

„Dass derlei Verfahren zeit- und kostenintensiv sind, ist eine triviale Beobachtung. Nicht trivial ist die Frage, wie lange eine optimale Verfahrensdauer aussieht“, merkt dazu Mayer an. Dass sich manche UVP-Verfahren über mehrere Jahre ziehen, in einigen wenigen Extremfällen sogar mehr als zehn Jahre dauern, behindert den Ausbau der Erneuerbaren aber ohne Zweifel. Und den ebenfalls dringend notwendigen Ausbau des Netzes ebenfalls.

Karl Steininger
„Raumordnung, Mietrecht, Baurecht und Energierecht sowie die Marktordnung im Elektrizitätsbereich müssen so umgestaltet werden, dass sie Anreize für die Energiewende setzen.“ Karl Steininger Professor für Klimaökonomie und nachhaltigen Wandel

Für Karl Steininger, Professor für Klimaökonomie und nachhaltigen Wandel, der derzeit in Oxford lehrt, wäre daher eine Änderung des Regulierungsrahmens ein ganz wichtiger Punkt, um den Erneuerbaren-Ausbau zu beschleunigen: „Raumordnung, Miet-, Bau- und Energierecht sowie die Marktordnung im Elektrizitätsbereich müssen so umgestaltet werden, dass die derzeit existierenden Hürden beseitigt und stattdessen klare Anreize gesetzt werden können.“
 

Es geht um mehr als die Ziele für 2030

Denn es gehe, so findet Steininger, um viel mehr als bloß die Frage, ob die bilanzielle Klimaneutralität bei der Energieproduktion bis 2030 erreicht werde oder nicht: „Das langfristige Ziel, also das Ziel generell und nicht nur bei elektrischem Strom, Null-Emissionen zu erreichen, ist wichtiger. 2030 kann durchaus noch ein Wärmekraftwerk auf Basis fossiler Energie in Betrieb sein, wenn die Erreichung dieses langfristigen Ziels bis spätestens 2040 gewährleistet ist.“ 

Ob das 2040-Ziel erreicht wird, bleibt allerdings aus heutiger Sicht ebenso offen wie die Erreichung der für 2030 angestrebten bilanziellen Klimaneutralität bei Strom. Gelinge es, sowohl auf der Nachfrageseite als auch im Bereich der Speicherung und der Netzeinbettung von erneuerbarer Energie gute Lösungen zu finden und sie auch umzusetzen, seien die Chancen aber durchaus intakt, finden Experten. 

Ein Blick über den Tellerrand scheint dabei allerdings unverzichtbar. Denn auch wenn die Stromversorgung bis 2030 weitegehend grün wird, werden andere Bereiche wie Industrie, Teile des Verkehrs und die Landwirtschaft auch in acht Jahren noch netto Treibhausgase emittieren. Umso wichtiger ist es, sich auch hier rechtzeitig vorzubereiten, um in Zukunft einen möglichst erfolgreichen Umstieg zu ermöglichen.

Der Investitionsbedarf für die Energiewende ist jedenfalls immens. Schon um das Ziel von 2030 bloß zu 86 Prozent zu erreichen, müssten jährlich rund zwei Milliarden Euro in den Ausbau der Erneuerbaren investiert werden, hat eine Studie der TU Wien bereits vor drei Jahren gezeigt. Ein Erneuerbaren-Anteil von hundert Prozent bedeutet einen Investitionsaufwand von zumindest 2,6 Milliarden jährlich. 

„Es gibt nicht die eine richtige Maßnahme, um die Energiewende zu erreichen.“ Jakob Mayer Wegener Center für Klima und Globalen Wandel

Diese Ausgaben – oder besser gesagt: der mit ihnen verbundene Ausstieg aus der fossilen Energiegewinnung – sollten allerdings auf keinen Fall gescheut werden, betont der Ökonom Mayer. Denn die Folgen einer verpassten Energiewende wären noch viel teurer: „Das ist schon mehrmals durchgerechnet und publiziert worden. Dabei sind einige Vorteile der Energiewende schwer quantifizierbar, schlagen sich aber langfristig auch positiv in der Gesamtrechnung nieder wie zum Beispiel reduzierte Gesundheitskosten aufgrund geringerer Emissionen oder gesteigerte Versorgungssicherheit aufgrund diversifizierter Energielieferketten.“
 

Grüner Standort

Dazu kommt: Jedes Jahr, ja jedes Monat, um das die Energiewende verschleppt wird, schadet dem Standort Österreich. Denn zunehmend wird die Existenz von erneuerbarer Energie zu einem wesentlichen Kriterium bei Niederlassungsentscheidungen. Wie wichtig, nicht zuletzt aufgrund der im Green Deal der EU verankerten Pflicht zur Nachhaltigkeit, grüner Strom für Unternehmen geworden ist, zeigt unter anderem Google. Im Vorjahr ist das Unternehmen eine Partnerschaft mit dem Energieunternehmen Engie eingegangen, die sicherstellen soll, dass die Server in den deutschen Rechenzentren von Google spätestens ab 2030 vollständig mit regenerativem Strom laufen.

Auch Unternehmen der produzierenden Industrie beteiligen sich inzwischen immer häufiger an Projekten, in denen erneuerbare Energie erzeugt wird. Der deutsche Stahlkonzern Salzgitter ist zum Beispiel Miteigentümer eines Offshore-Windparks. Diskutiert werden aber auch Modelle, bei denen Industrieunternehmen langfristige Verträge mit Betreibern von Anlagen zur grünen Energieerzeugung abschließen. Das würde einerseits Investitionen in erneuerbare Energie beschleunigen, andererseits für die industriellen Abnehmer aber den Vorteil bringen, dass sie bei entsprechenden Verträgen ihre Energiekosten besser kalkulieren könnten. Ob in Österreich solche Kooperationen denkbar sind, lässt sich schwer beurteilen. Dass man in Zukunft bei der Energiewende aber globaler denken müssen wird, ist für den Klimaökonomen Mayer klar.

Wobei er auch noch einen anderen wichtigen Punkt erwähnt wissen will: „Es gibt nicht die eine richtige Maßnahme, um die Energiewende zu erreichen.“ Vielmehr müsse im Hinblick auf das Erreichen der Ziele für 2030 ein Maßnahmenmix zum Tragen kommen, der in sich konsistent sei und Klimaneutralität ermögliche. „Sehr wichtig wäre dabei, dass Entscheidungstragende in Politik, Zivilgesellschaft und Unternehmen Mut, Entschlossenheit und Pragmatismus zeigen. Denn die Energiewende ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ Bei der den Energieversorgern allerdings eine ganz besondere Rolle zukommt.

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