Energie Kongress 2026: Wege zu einem sicheren, erneuerbaren Stromsystem
Krisen und geopolitische Spannungen stellen Europas Energieversorgung vor eine doppelte Herausforderung: Sie muss den Umstieg auf Erneuerbare Energien bewältigen und zugleich widerstandsfähiger gegen Lieferausfälle, Sabotage, Krieg und Desinformation werden.
Kontrolle über Energieressourcen ist geopolitische Macht. Diese Erkenntnis ist wahrlich nicht neu. Schon 1913 erklärte Winston Churchill, damals Marineminister seiner Majestät, die Kontrolle über die Energieversorgung zur zentralen Frage der Politik. Und schon damals formulierte er eine These, die bis heute gilt. Je diversifizierter sich eine Region in ihrer Energieversorgung aufstellt, umso sicherer kann sie sein, auch in stürmischen Zeiten zu bestehen. Bei Winston Churchill klang das im Original-Ton dann so: „Wir dürfen von keinem einzelnen Land, keinem einzelnen Unternehmen, keinem einzelnen Transportweg und keinem einzelnen Ölfeld abhängig sein. Die Sicherheit und Verlässlichkeit der Ölversorgung liegen in der Vielfalt.“

Was bedeutet zuverlässig?
Florence Gaub, Forschungsdirektorin am NATO Defense College, kennt dieses Zitat und sie bestätigt seine ununterbrochene Gültigkeit. „Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten bis zum Beginn der Invasion in der Ukraine nur selten über Energie als etwas Geopolitisches nachgedacht. Aber natürlich ist sie das. Wir haben das nur vergessen.“
Durch die aktuellen Krisen sei allerdings unübersehbar geworden, wie wichtig es ist, so viel Energie wie möglich selbst zu erzeugen und den Rest aus Quellen zu beziehen, bei denen man sich darauf verlassen kann, dass sie funktionieren. Wobei Unsicherheiten unvermeidbar sind. Als Europa auf russisches Erdgas setzte, meinten schließlich die dafür verantwortlichen Entscheider nicht nur eine günstige, sondern auch eine zuverlässige Quelle zu nutzen.
„Man muss Importketten nach politischer Stabilität und Zuverlässigkeit prüfen. Das ist aber immer auch ein bisschen geraten, denn die Zukunft hat das so an sich, dass sie nicht vorhersehbar ist.“ Hundertprozentige Sicherheit, sagt die Geopolitik-Expertin und Zukunftsforscherin, gibt es daher auch in der Energieversorgung nicht. „Außer, man macht sich wirklich autark. Aber das ist, glaube ich, illusorisch.“

Im Fadenkreuz hybrider Kriegsführung
Umso mehr sieht Gaub die europäische Energiewirtschaft in der Pflicht, Resilienz-Szenarien zu entwickeln. Denn die Energiewirtschaft stelle neben der IT-Infrastruktur und dem Gesundheitssektor ein bevorzugtes Ziel hybrider Kriegsführung dar.
Russland setze Sabotage, Cyberangriffe und andere Formen von Druck gegen Europas kritische Infrastruktur bereits seit 2014 ein. „Europa hat diese Entwicklung teilweise verschlafen und eher einzelne Vorfälle verwaltet, statt sie als grundlegende strategische Herausforderung zu betrachten.“ Heute, findet Gaub, behindern unterschiedliche Zuständigkeiten auf europäischer und nationaler Ebene immer noch den Aufbau einer wirksamen Gegenwehr.
Dass Europa beim Aufbau seiner Gegenwehr weiter sein sollte, als es ist, bestätigt auch Johannes Benigni, Director Energy & Politics bei JBC Vienna. Europas Gasversorgung habe sich seit dem Rückgang der russischen Lieferungen zwar grundlegend verändert. Flüssiggas kommt nun vorwiegend aus den USA und Pipelinegas aus Norwegen, doch diese Konzentration schafft ein neues Klumpenrisiko, gegen das man sich mit Diversifikation der Bezugsquellen wappnen muss. Das wiederum erzeugt aber neue Gefahren wie etwa ein verstärktes Exposure gegenüber Konflikten im Nahen Osten, die Verfügbarkeit und Preise sehr schnell beeinflussen können.
Raus aus den Fossilen
Diese Unsicherheit bleibt auch dann bestehen, wenn Europa seine Energieversorgung auf erneuerbare Quellen umstellt. Denn fossile Energieträger werden laut Benigni noch länger Teil des Systems bleiben.
Die veränderte politische Schwerpunktsetzung, die darin besteht, die Diskussion über Erneuerbare Energien stärker als bisher mit Energiesicherheit zu verbinden, sieht Benigni daher zwiespältig: „Wir brauchen Energy Security. Jetzt wird jeder sagen: Dafür ist es ideal, wenn wir von den Fossilen weggehen. Das stimmt auch. Nur: Wenn der Ausstieg aus den Fossilen so betrieben wird, dass er die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft in Frage stellt, dann ist das keine gute und keine resiliente Lösung.“
Die Herausforderung, erklärt der Energieexperte, besteht daher darin, die fossile Abhängigkeit zu reduzieren, ohne dabei die ökonomischen Grundlagen zu gefährden. Einen wichtigen Punkt auf dem Weg dorthin sieht Benigni in besserer Koordination. „Neue Stromspeicher, Windkraftanlagen und große Photovoltaikanlagen dürfen nicht unabhängig voneinander an beliebigen Standorten entstehen. Wir brauchen eine systematische Planung, damit die Kosten der Transformation darstellbar bleiben.“
Glaubwürdige Stärke
Resilienz des Stromsystems umfasst Versorgung, Infrastruktur und die Fähigkeit, auf Störungen zu reagieren. Sie braucht aber auch ein politisches Umfeld, das in der Lage ist, gegenüber Bedrohungen von außen Stärke zu zeigen und auch eine glaubwürdige Drohkulisse aufzubauen.
„Man muss nicht nur sagen, dass man bereit ist, sich zu verteidigen, sondern man muss das auch in einer Form tun, die die Gegenseite glaubt“, sagt Florence Gaub. Dazu gehöre manchmal auch eine entsprechend klare Sprache. „In Europa gibt es da oft Vorbehalte, da man meint, mit scharfen Worten Öl ins Feuer zu gießen.“ Ohne solche Worte ermutige man aber den Gegner dazu, die Grenzen immer weiter auszutesten.
Um die geopolitischen Herausforderungen der Zukunft zu bestehen, braucht Europa außerdem auch langfristige positive Vorstellungen über seine eigene Zukunft, findet Gaub: „Zu oft geht es darum, was wir nicht wollen: nicht wirtschaftlich absteigen, nicht an Bedeutung verlieren, nicht schrumpfen. Zu selten darum, was wir wollen.“
Das von vielen Menschen immer stärker erlebte Gefühl des Abstiegs, der Unsicherheit führt Lukas Bittner, Referatsleiter in der Abteilung Militärstrategie des Verteidigungsministeriums, auch auf bewusst eingesetzte Desinformation zurück. Gerade in existenziellen Bereichen wie Gesundheit oder Energie fällt Desinformation oft auf fruchtbaren Boden und kann dementsprechend viel Schaden anrichten, sagt er.
Bedrohung durch Desinformation
Als Beispiel nennt er die Situation vor und nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Bereits 2021 habe Russland militärisch Druck aufgebaut, während gleichzeitig die Situation bei den europäischen beziehungsweise österreichischen Gasspeichern zunehmend problematisch geworden sei. Mit Beginn des Krieges griff die russische Propaganda reale Sorgen über die Energieversorgung und steigende Preise auf. Sie verknüpfte diese mit der Behauptung, Europas Energiesicherheit sei ohne Russland nicht gewährleistet. Zugleich stellte sie die Sanktionen als ideologisch motiviert und den Umbau des Energiesystems als die wahre Ursache der Energiekrise dar. Die Schwierigkeit dabei, solche Narrative zu entlarven, beschreibt Bittner so: „Desinformation hat sehr oft auch eine reale Komponente dahinter. Das ist etwas, was wir oft unterschätzen.“
Hybride Bedrohungen, so sein Urteil, werden in Österreich und in Europa zudem nach wie vor unterschätzt. „Wir sprechen über Sabotage oder Cyberangriffe. Die gibt es auch. Doch ein wesentliches Mittel der hybriden Kriegsführung besteht darin, die Legitimität demokratischer Entscheidungen anzugreifen und so die gesellschaftlichen Gräben zu vertiefen.“ Einen guten Eindruck davon, wie weit das gehen kann, hat die Corona-Pandemie gegeben.
Brandbeschleuniger Transformationserschöpfung
Die Daten, die Meinungsforscher erheben, stützen die Analyse von Lukas Bittner. 2018 waren noch 66 Prozent der Österreicher mit der Demokratie im Land zufrieden. Inzwischen liegt der Wert bei 35 Prozent. Christoph Hofinger, Geschäftsführer von Foresight Research, warnt allerdings davor, sinkendes Vertrauen in politische Institutionen mit Desinformation allein zu erklären.
Es müssen schon auch die entsprechenden Rahmenbedingungen dazukommen, sagt er, und bedient sich dabei einer Waldbrand-Metapher: Eine Glasscherbe könne dort einen Brand auslösen, die eigentliche Ursache für den Brand sei aber Trockenheit.
„Die Scherben sind in diesem Bild die Desinformation. Die Scherben sind nicht die Ursache dafür, dass die Menschen in Österreich mit der Demokratie weniger zufrieden sind. Aber sie können in einem ausgezehrten Wald einen Brand auslösen.“ Mit einem ausgezehrtem Wald meint Hofinger ein Phänomen, das er Transformationserschöpfung nennt. Als ihre Ursache nennt er politische Versprechen, die nicht eingehalten wurden, oder schwer nachvollziehbare Prioritäten bei staatlichen Ausgaben.
Die Energiewirtschaft kann besonders leicht Ziel von Transformationsmüdigkeit werden, warnt Hofinger, weil ihre Entscheidungen unmittelbar in den Alltag eingreifen. Energiepreise belasten Haushaltsbudgets, Förderungen und Einspeisetarife beeinflussen private Investitionen. Windparks, Photovoltaikanlagen oder neue Leitungen verändern Gemeinden und Landschaften.
Resilienz durch Kommunikation
Der Umbau des Energiesystems ist konkret und sichtbar. Deshalb können hier Desinformation und alternative Fakten besonders gut auf einen emotional bereits vorgeheizten Boden fallen. Und deshalb können Kommunikation und das Herstellen von Akzeptanz als Gegenmittel gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Jede Eskalation können aber auch sie nicht verhindern.
Ein spannendes Beispiel zur Untermauerung dieser These ist die Kärntner Windkraftdebatte und die dazugehörige Volksbefragung im Jänner 2025. Dabei sprach sich eine knappe Mehrheit gegen weitere Windkraftanlagen auf „Bergen und Almen“ aus. Der Verfassungsgerichtshof erklärte die Befragung wegen der suggestiven Formulierung der Frage im Nachhinein für gesetzwidrig. Die politische Auseinandersetzung über den Windkraftausbau war damit allerdings nicht beendet.
Als Erkenntnis aus dieser Entwicklung ist für die Energiewirtschaft vor allem ein Punkt sehr wichtig, urteilt Bernhard Müller, Industry Lead Aerospace & Defence bei PwC Österreich: „Formale Genehmigungen allein garantieren die Umsetzung eines Projekts nicht. Wo Akzeptanz fehlt, können Projekte verzögert werden oder politische Mehrheiten verloren gehen.“ Deshalb sei es wichtig, den Bedarf für Infrastruktur noch besser zu erklären und Betroffene noch stärker in Planungsprozesse einzubeziehen.
Grenzen der Vernunft
Das ist allerdings keine einfache Aufgabe. Ein Windpark kann energiepolitisch begründet sein und trotzdem vor Ort auf Ablehnung stoßen, wie Elke Ziegler, Leiterin Aktuelle Wissenschaft im ORF. betont: „Diese emotionale Ebene ist hochrelevant, das sollte man nicht vergessen. Gerade in der Wissenschaft neigt man dazu, Emotionen zur Seite zu schieben.“
Das sei allerdings wenig sinnvoll, denn der Mensch ist nun einmal so verfasst, dass er Informationen nicht losgelöst von seiner eigenen Situation aufnehmen kann. „Man kann den Menschen noch so viele Fakten auf den Tisch legen: Wenn man sie nicht emotional abholt mit ihren Ängsten und Befürchtungen, wird man höchstwahrscheinlich scheitern, weil man mit der objektiven Information einfach nicht durchkommt“, erklärt Ziegler.
Fest steht jedenfalls: Die Anforderungen an das Stromsystem haben sich mit den Krisen der vergangenen Jahre beträchtlich erweitert. Versorgungssicherheit hängt nicht mehr nur davon ab, ob genügend Leistung und Übertragungskapazität vorhanden ist. Ebenso wichtig ist Beständigkeit gegen geopolitischen Druck, Diversifizierung der Bezugsquellen, der Schutz der Infrastruktur und die Fähigkeit, auf Störungen zu reagieren. Resilienz bedeutet inzwischen auch mehr als rein technische Maßnahmen. Sie benötigt auch eine Kommunikation, die Akzeptanz für energiewirtschaftliche Maßnahmen schafft.

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