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Ein One-Stop-Shop für Solarenergie-Services?

Walter Kreisel will mit neoom einen digitalen One-Stop-Shop für sämtliche Dienstleistungen rund um Solarenergie aufbauen. Investoren, darunter die mächtige B&C-Holding, zeigen sich von der Idee begeistert und haben allein heuer gut 40 Millionen Euro in das Projekt gesteckt. 
 

Der Videocall mit Walter Kreisel ist für den neoom-Gründer nicht untypisch. Zuerst wippt der Mann vor unerkennbarer Kulisse auf und ab, ein wenig so, als würde er auf einem zu kleinen Klapprad fahren oder gebückt durch eine Unterführung laufen. Dann kommen kurz das Innere eines Taxis und Kreisels Geldbörse ins Bild, dann sagt Kreisel: „Wart, ich muss kurz zahlen“ und marschiert anschließend im absoluten Eiltempo durch eine Shoppingmall. Wie sich später herausstellt, ist es das Innere des Wiener Hauptbahnhofs.

© Neoom

Ja, er sei gerade am Weg in die Wiener Niederlassung von neoom, sagt Kreisel, aber klar könne er reden. Was gemacht ist, ist schließlich gemacht.

Keine Zeit verlieren, handeln, was gemacht ist, ist gemacht – dieses Motto passt gut zu dem inzwischen 44-Jährigen. Bevor er neoom gründete, machte sich Kreisel unter anderem auch als jener Mann einen Namen, der gemeinsam mit seiner Familie hinter dem familieneigenen Betrieb Red Zac stand, später in Gebäudeautomatisierung und Energieeffizienz aktiv war und nebenbei auch einen Weg fand, um Wasser auf höchst unkonventionelle Art aus Luft zu gewinnen. Vor allem aber erfand er das Solarspeicherkraftwerk.
 

Das Solarspeicherkraftwerk

„Wir nennen es jedenfalls Solarspeicherkraftwerk“, sagt Kreisel. „Aber du kannst es auch anders nennen, einen wirklich eingeführten Namen dafür, was wir machen, gibt es ohnehin noch nicht. Dazu ist es zu neu, zu revolutionär.“ 

it dieser Einschätzung dürfte Kreisel, auch wenn ihm ein gewisser Hang zu marketinggerechter Überhöhung nicht abzusprechen ist, tatsächlich recht haben. Denn ein One-Stop-Shop für alles rund um Solarenergie, das ist tatsächlich disruptiv.

Und muss näher erklärt werden. Was neoom will und was Investoren gerade erst im Mai in einer weiteren Finanzierungsrunde mit frischem Kapital belohnt haben, beschreibt Kreisel so: „Gerade für Private ist das Errichten einer PV-Anlage nach wie vor mit ziemlich viel Aufwand verbunden. Sie müssen zunächst einmal einen Elektriker finden, der überhaupt die Zeit und Muße hat, sie zu planen und zu bestellen und dafür zu sorgen, dass sie zeitgerecht geliefert wird. Dann muss sie montiert werden und der Betrieb selbst ist immer auch mit der Frage verbunden, wie man den gerade produzierten Strom am besten verwertet.“
 

Eine für alles

Die Lösung von neoom heißt: eine Plattform und eine dazugehörige App, über die all das und noch viel mehr abgewickelt werden kann. Nach der Online-Kontaktaufnahme mit neoom wird der User gebeten, klar definierte Bilder von seinem Haus in die App hochzuladen und bekommt in weiterer Folge innerhalb von kürzester Zeit einen Planungs- und Preisvorschlag. Als nächster Schritt werden über die neoom-Plattform Solarteure bzw. Installationspartner, sogenannte neoom-Systempartner, für die praktische Umsetzung des Projekts beauftragt.

Walter Kreisel, neoom-Gründer

„Einen wirklich eingeführten Namen dafür, was wir machen, gibt es ohnehin noch nicht. Dazu ist es zu neu, zu revolutionär.“

Walter Kreisel neoom-Gründer

Auch die Dimensionierung des dazu passenden Stromspeichersystems übernimmt neoom gemeinsam mit seinen Systempartnern. Vor allem sorgt die App aber auch für die Steuerung, wann der Solarstrom gespeichert, wann er selbst genutzt, zum niedrigsten Preis bezogen und höchsten Preis ins Netz gespeist werden soll. Außerdem können Kunden sich mithilfe der neoom-App auch ihre CO2-Reduktion durch das Nutzen eines E-Autos zertifizieren lassen und so für das Zertifikat im Rahmen des Treibhausgesetz-Quotenhandels Prämien kassieren.

„Darauf bin ich extra stolz“, sagt Kreisel. „Denn warum sollen nicht auch Private von der CO2-Vergütung profitieren, wenn sie durch ihre Investition in die Energie- und Mobilitätswende Emissionen einsparen?“ Auch der Beitritt zu Energiegemeinschaften und der Kauf und Verkauf von Strom zwischen den Mitgliedern mit 58 Prozent niedrigeren Netzkosten in einer solchen Gemeinschaft funktioniert über die neoom-App, in der bereits mehr als 4.000 Mitglieder registriert sind.
 

Inspiration aus Cupertino

Diese ganzen Features seien ein ganz wichtiger Kern seiner Idee, betont der neoom-Gründer. Denn in der idealen Welt des Walter Kreisel soll es keine einzige Funktion rund um Solarenergie geben, die sich nicht im Rahmen des digitalen neoom-Universums abbilden ließe. Die Inspiration dazu kommt offensichtlich aus Cupertino. „Wir sind dabei, das ‚Apple der Energiewende‘ zu werden“, formuliert Kreisel daher und ergänzt: „Wir bauen digitale Netze, damit die realen Stromnetze besser genutzt und ausgelastet werden können. Denn nur so kann Geld gespart werden und die Energiewende schneller gelingen.“

Dabei ist Kreisel in Sachen Klima- und Umweltschutz eigentlich ein Spätberufener. Lange Zeit, erzählt er, habe er Menschen, die in wallenden Kleidern und Jesus-Sandalen für die Umwelt protestieren, komisch gefunden. Streng genommen findet er sie noch immer etwas eigenwillig. Weshalb er in seinem Auftreten und Dresscode auch nicht gerade wie ein Klimaschützer strengster Observanz wirkt. Doch das Anliegen selbst, der Wunsch, die Erde vor dem drohenden Hitzekollaps zu bewahren, das hat den zweifachen Vater absolut gepackt.

Was neoom betrifft, ist er auf diesem Weg schon ein gutes Stück vorangekommen. Bei Batteriespeichern hat das Unternehmen in Österreich inzwischen einen Marktanteil von rund 20 Prozent. In der DACH-Region beschäftigt man an vier Standorten (Freistadt, Wien, Nürnberg, Zürich) 230 Personen und verfügt über ein stark wachsendes Installations- und Systempartner-Netzwerk von über 350 Mitgliedern. Und schließlich, das erwähnt Kreisel besonders gern: neoom wird bis Ende dieses Jahres mehr als 10.000 Geräte mit knapp 400 MW Leistung installiert haben.
 

Jagd auf 100 Millionen

Ein kleiner Fisch ist man mit solchen Daten nicht mehr. Inzwischen habe neoom auch den Breakeven geschafft und sei profitabel, erzählt Kreisel. Aus dem Start-up-Alter ist das Unternehmen damit draußen, auch wenn sowohl im oberösterreichischen Headquarter in Freistadt – in neoom-Diktion: Free City – als auch in der Wiener Niederlassung ein bewusst lockerer Umgang gepflegt wird.

Bei 54 Millionen Euro lag der Umsatz von neoom im Vorjahr. Nun soll die 100-Millionen-Marke gesprengt und mit der Ausweitung des Geschäfts in weitere europäische Staaten sowie der Einführung eines Finanzierungs- und Mietkaufmodells für Solarspeicherkraftwerke ein weiteres Kapitel aufgeschlagen werden. Unterstützung sei da immer willkommen, sagt Kreisel. „Worum es uns jetzt geht, ist, das Unternehmen auf einen langfristigen und stabilen Wachstumspfad zu skalieren. Dafür braucht man auch Kapital und Investoren, deshalb sind wir sehr froh, dass neben B&C auch andere nicht nur ihr Kapital, sondern auch ihr Know-how und vor allem Herzblut bei uns einbringen.“  

Sie tun es offensichtlich gern, wie der Kapitalzufluss zeigt.

Walter Kreisel (44)
 

stieg nach einer Elektro-Lehre zunächst in den familieneigenen Betrieb Red Zac ein, baute dort eine eigene Abteilung auf und war in Folge mitverantwortlich für den Markterfolg und die Expansion, die das Unternehmen um die Jahrtausendwende erlebte. Später war er als Unternehmer unter anderem im Bereich Energieeffizienz und Management unterwegs. „Viel zu früh“, wie er heute sagt. „Das hat damals niemand verstanden.“ 2018 gründete er neoom. Heute ist das Unternehmen in der DACH-Region aktiv, eine Expansion in weitere europäische Länder bereits geplant. 

uch in seinem Privatleben zeigt sich Kreisel, Vater von Zwillingen, überaus aktiv. Er war unter anderem gemeinsam mit Cousin Philipp sowie Kurt Lengauer und Rajal Clemens Indoor-Mountainbike-Weltmeister, Dritter bei der legendären Salzkammergut-Trophy, einem der härtesten Mountainbike-Rennen der Welt (diesmal mit Lukas Kaufmann und Alfred Schabauer), und erfüllte sich noch rechtzeitig vor dem 40. Geburtstag den Wunsch, einen Marathon zu finishen. Eine Kilimandscharo-Umrundung und daraus resultierendes Engagement für Entwicklungshilfeprojekte mit Karibu World in Indien und Afrika gehen ebenfalls auf sein Konto.

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