Bild im Seitenkopf

Digitalisierung: warum das Stromnetz intelligent werden muss

Die Energiewende ist nicht nur ein Kraftakt für die Unternehmen im Bereich Stromerzeugung – bis 2030 müssen Photovoltaik, Wind- und Wasserkraft massiv ausgebaut werden, um Österreich komplett mit erneuerbarem Strom zu versorgen. Sie stellt auch die Netzbetreiber vor enorme Herausforderungen. Neben den großen Kraftwerken, die ihren Strom direkt in die oberste Netzebene – das Übertragungsnetz – einspeisen, müssen künftig auch viele kleine und mittlere Kraftwerke, etwa PV-Anlagen und Windräder über die Verteilernetze angeschlossen werden. Hinzu kommt, dass die Stromerzeugung bei diesen Anlagen stark von den Witterungsbedingungen abhängt und im Tagesverlauf starken Schwankungen unterliegt. Dadurch wird es für die Netzbetreiber immer schwieriger, ihr System im Gleichgewicht zu halten. Die Lösung? Das Stromnetz soll digitaler und damit „intelligenter“ werden. 

Vom Rollenzählwerk zur digitalen Anzeige

Nach wie vor finden sich in vielen österreichischen Haushalten noch Stromzähler, in denen sich eine Scheibe dreht -  die mechanischen Ferraris-Zähler, bei denen der Verbrauch in Kilowattstunden auf einer analogen Anzeige per Rollenzählwerk angezeigt wird.

Sie werden in den kommenden Jahren durch elektronische Energiezähler ersetzt werden. Besuche vom Stromableser werden dann der Vergangenheit angehören – bei den neuen digitalen Zählern, den Smart Metern kann der Verbrauch aus der Ferne abgefragt werden. Daten wie Energieverbrauch und Leistung können dabei laufend erfasst werden. Ausgelesen werden die Werte einmal täglich oder alle 15 Minuten – letzteres jedoch nur auf ausdrücklichen Wunsch. Die Energielieferanten erhalten die Daten einmal im Monat zur Erstellung der Rechnung – unerwartete Stromnachzahlungen gehören damit bald der Vergangenheit an. Die gewonnenen Daten werden künftig aber auch dazu beitragen das Netz stabil zu halten.

Smart Meter
© Christian Fischer

 

Wesentliche Grundlage einer sicheren Stromversorgung ist nämlich eine möglichst genaue Prognose: Wann und wo wird wie viel Strom benötigt - und wann und wo wird voraussichtlich wie viel Strom verfügbar sein. Je genauer diese Informationen im Vorhinein bekannt sind, umso leichter kann die Lücke zwischen Erzeugung und Verbrauch geschlossen werden. Künftig wird eine Vielzahl von Konsumentinnen und Konsumenten selbst Energie etwa über PV-Anlagen auf dem Dach erzeugen und überschüssigen Strom ins Netz einspeisen. Das macht eine zuverlässige Prognose immer schwieriger – aktuelle und verlässliche Daten gleichen diesen Nachteil wieder aus.

Das Stromnetz optimal nutzen

In Zukunft soll das gesamte europäische Stromnetz intelligenter werden. Dadurch ändert sich auch die Rolle der Netzbetreiber. Ihre Aufgabe wird neben dem Betrieb und dem weiteren Ausbau der Netze das Management der Datenströme zwischen Stromverbrauchern, Stromhändlern und Stromerzeugern bzw. den Betreibern von Speichern sein. Durch diese Vernetzung werden künftig auch Verbraucher wie Industriebetriebe in der Lage sein auf die aktuelle Netzsituation zu reagieren. Sie können also ihren Verbrauch reduzieren, wenn gerade wenig Strom verfügbar ist, oder umgekehrt.

Auch „neue“ Verbraucher können so besser in das Stromsystem eingebunden werden – etwa die Ladeinfrastruktur für E-Autos oder Wärmepumpen, die mit elektrischer Energie sehr effizient Wärme gewinnen können. Moderne Technologie kann also dazu beitragen, die bestehende Netzinfrastruktur noch besser zu nutzen. 

Neue Möglichkeiten für Stromkundinnen und Stromkunden

Für die Dezentralisierung des Stromsystems sind Smart Meter unerlässlich. So wird die flächendeckende Einbindung von kleinen PV-Anlagen auf Einfamilienhäusern erst mithilfe der neuen Stromzähler möglich. Über die elektronischen Zähler können der Stromverbrauch und – wenn vorhanden - die Eigenerzeugung – daheim jederzeit ausgelesen werden.

Das ermöglicht ein treffsicheres und aktives Energiemanagement und eröffnet neue Möglichkeiten. Künftig werden sich Haushalte, die selbst Energie produzieren, zu lokalen Energiegemeinschaften zusammenschließen können. Strom kann damit gemeinsam erzeugt und verbraucht werden. Auch wer selbst keinen Strom produziert soll künftig an Energiegemeinschaften teilnehmen und regional produzierten Ökostrom kaufen können.

Davon abgesehen, bringen Smart Meter den Kundinnen und Kunden eine Reihe weiterer Vorteile: Mit Smart Metern können Geräte, die viel Strom verbrauchen, einfacher identifiziert werden und intelligente Verbraucher werden künftig dann laufen, wenn der Strom in großen Mengen verfügbar ist. E-Autos könnten also genau dann geladen werden, wenn der Strom gerade besonders günstig ist.

Flexible Stromtarife werden möglich

Möglich wird das durch flexible Stromtarife, bei denen Kundinnen und Kunden direkt von den Preisentwicklungen auf den Märkten profitieren können. Für Anbieter eröffnen sich durch die Digitalisierung des Stromsystems ganz neue Geschäftsmodelle. Damit diese sensiblen Verbrauchsdaten sicher sind, hat die E-Wirtschaft in Österreich gemeinsam mit den Herstellern der Geräte strenge Standards ausgearbeitet, die deutlich über die Datenschutz-Grundverordnung der EU hinausgehen.