Factsheet Merit Order
Preisbildungsmechanismus im europäischen Strombinnenmarkt
Der europäische Strommarkt funktioniert wie ein gemeinsamer Marktplatz. Merit Order und Pay-as-Clear sorgen dafür, dass Strom zu jeder Viertelstunde dort erzeugt wird, wo er gesamtwirtschaftlich am günstigsten ist, und dort ankommt, wo er gebraucht wird. Alternative Modelle würden die Versorgungssicherheit schwächen, Kosten erhöhen und Investitionen in Erneuerbare gefährden.
Merit Order sorgt dafür, dass immer zuerst der günstigste Strom genutzt wird
Die Merit Order stellt sicher, dass Kraftwerke nach ihren tatsächlichen Grenzkosten eingesetzt werden:
- Erneuerbare zuerst (Grenzkosten nahe Null)
- dann flexible Kraftwerke
- teure Kraftwerke nur, wenn sie wirklich gebraucht werden
Warum das wichtig ist:
- Kein anderes Marktmodell garantiert systemisch den prioritären Einsatz der Erneuerbaren und niedrigere volkswirtschaftliche Kosten.
- Ohne Merit Order würden teurere Kraftwerke künstlich bevorzugt oder günstige verdrängt werden.
- Das würde die gesamtwirtschaftlichen Stromkosten erhöhen.
Pay-as-Clear garantiert Versorgungssicherheit in jeder Viertelstunde
Im Pay-as-Clear-System erhalten alle eingesetzten Kraftwerke den Preis des letzten noch benötigten Kraftwerks (Einheitspreis).
Warum das notwendig ist:
- Kraftwerke müssen vorab investieren, obwohl sie zum Teil nur wenige Stunden im Jahr gebraucht werden.
- Ohne diese Erlöslogik gäbe es zu wenig (Reserve-)Kapazitäten, und somit höhere Blackout-Risiken.
Alternative (Pay-as-Bid) wäre schlechter für die Kund:innen, da Anbieter ihre Angebotspreise strategisch erhöhen würden.
Dadurch würde der Markt insgesamt intransparenter und teurer werden. Die volkswirtschaftlichen Kosten würden also insgesamt steigen. Besonders kleine Akteure hätten Nachteile.
Merit Order ist Voraussetzung für Investitionen in Erneuerbare
Investor:innen brauchen transparente Preisbildung, stabile Marktregeln und eine europäische Skalierung. Würde man das System aufbrechen, steigt das regulatorische Risiko, sinkt die Investitionsbereitschaft und der Erneuerbaren-Ausbau würde teurer und/ oder langsamer werden.
Der europäische Strombinnenmarkt senkt langfristig die Kosten für alle
Ein europäischer Strombinnenmarkt mit gekoppelten Märkten ermöglicht:
- Stromimporte, wenn sie günstiger sind
- Stromexporte, wenn Überschüsse bestehen
- gemeinsame Nutzung von Kraftwerks- und Netzkapazitäten
Ohne europäischen Strombinnenmarkt und gekoppelte Märkte müsste sich jedes Land für jede Viertelstunde selbst vorsorgen. Dafür wäre der Aufbau massiver Überkapazitäten nötig. Im Ergebnis würde Strom dauerhaft teurer werden.
Es geht um Versorgungssicherheit zu jeder (Viertel-)Stunde – nicht im Jahresdurchschnitt!
Im Jahr 2025 konnte Österreich seinen Strombedarf nur in rund 23 % aller (Viertel-) Stunden vollständig durch im Inland erzeugten erneuerbaren Strom decken. In den übrigen 77 % der Stunden war Österreich auf Importe oder auf konventionelle Kraftwerke angewiesen.
Diese (viertel-)stundenbasierte Betrachtung erklärt, warum trotz hoher erneuerbarer Jahresanteile die Preisbildung häufig nicht durch erneuerbare Energien dominiert wird. Preisentscheidend sind jene (Viertel-)Stunden, in denen flexible, aber kostenintensive Kraftwerke zur Absicherung der Versorgung benötigt werden.
Österreich braucht Importe – Mengenwirkung versus Preiswirkung
Erneuerbare Energien verdrängen fossile Kraftwerke mengenmäßig deutlich und senken damit Emissionen sowie den Einsatz teurer Brennstoffe. Sie bestimmen den Strompreis jedoch nur in jenen (Viertel-)Stunden, in denen sie tatsächlich das letzte benötigte Kraftwerk darstellen. Der preisdämpfende Effekt erneuerbarer Energien ist daher real, aber zeitlich begrenzt und nicht proportional zur erzeugten Energiemenge.
Europäische Preise schützen auch österreichische Konsument:innen
Österreich profitiert regelmäßig von oft günstigeren Importen, insbesondere bei Lastspitzen, im Winter, nachts und bei geringer erneuerbarer Erzeugung (z. B. in schwachen Wasserjahren). Bei Überschüssen kann Österreich zu diesem europäischen Marktpreis ins Ausland exportieren.
Ohne europäische Preisbildung müssten diese Mengen aus teuren heimischen Kraftwerken kommen. Im Ergebnis wären die Preise für die Endkund:innen höher und volatiler.
Der europäische Strommarkt spart zig Milliarden Euro pro Jahr.
Der europäische Strombinnenmarkt ist der größte integrierte Strommarkt der Welt. 11,3 Millionen km Stromleitungen und -kabel allein in der EU – genug, um die Erde 282-mal zu umrunden – versorgen mehr als 450 Millionen Menschen mit Strom.
Ein integrierter EU-Energiemarkt ist der kosteneffektivste Weg, eine sichere, nachhaltige und bezahlbare Stromversorgung für EU-Bürger:innen zu gewährleisten. Durch gemeinsame Marktregeln und grenzüber-schreitende Infrastruktur kann Strom in einem EU-Land erzeugt und in einem anderen verbraucht werden.
ACER bezifferte 2022 die Vorteile der Integration in der letzten Dekade auf 34 Mrd. Euro pro Jahr, insbesondere die Konsument:innen haben vom gewählten Marktdesign profitiert, auch die öster-reichischen Konsument:innen. Mit einer vertieften Integration könnten die Einspa-rungen bis 2030 auf 40 bis 43 Mrd. Euro pro Jahr steigen.
Die Merit Order stellt sicher, dass stets zuerst jene Kraftwerke eingesetzt werden, die die geringsten Grenzkosten aufweisen. Erneuerbare Energien werden daher immer priorisiert genutzt. Kein alternatives Marktmodell garantiert systematisch niedrigere gesamtwirtschaftliche Stromkosten.
Das Pay-as-Clear-Prinzip stellt sicher, dass ausreichend Erzeugungskapazitäten für Knappheitssituationen vorgehalten werden. Es ist die Grundlage für Investitionen in Versorgungssicherheit und Flexibilität. Alternative Modelle würden die Transparenz verringern, Kosten erhöhen und Investitionsanreize schwächen.
Der europäische Strombinnenmarkt ermöglicht günstige Importe in Zeiten niedriger Preise und den Export von Überschüssen. Ohne diese Marktintegration müsste sich jedes Land jederzeit vollständig selbst versorgen – mit erheblich höheren Kosten. Europäische Preise sind daher kein Nachteil, sondern der Grund dafür, dass Strom insgesamt günstiger ist, als er in einem national abgeschotteten System wäre.
Die bestehende Marktlogik bringt inhärente Zielkonflikte mit sich: Während erneuerbare Energien langfristig Kosten senken, erhöhen sie kurzfristig die Anforderungen an Netze, Speicher und Flexibilität. Diese Zielkonflikte sind kein Marktversagen, sondern Ausdruck der Transformation des Energiesystems.
Fazit:
Hohe Strompreise trotz hoher erneuerbarer Anteile sind kein Widerspruch, sondern das Ergebnis viertel-stündlicher Preisbildung aufgrund von Knappheit und hohen fossilen Grenzkosten in einem integrierten europäischen Markt. Die Lösung liegt nicht im Aufbrechen des Marktdesigns, sondern im weiteren Ausbau erneuerbarer Energien, von Netzen, Speichern und Flexibilität – um die Anzahl knapper Stunden nachhaltig zu reduzieren.


