Bild im Seitenkopf

Trendforum: Wasserstoff - ein Gamechanger bei der Versorgungssicherheit?

Online

Welche Rolle spielt Wasserstoff in der österreichischen E-Wirtschaft – und was braucht es, damit die österreichische Wasserstoffwirtschaft künftig im Spitzenfeld mitspielen kann? Diese Fragen standen Mitte Juni im Zentrum des Oesterreichs Energie Trendforum zum Thema Wasserstoff.

„Lange Zeit war Österreich EU-weit unter den Vorreitern bei Wasserstoff und hat im Zuge der EU-Ratspräsidentschaft im Herbst 2018 die europäische Wasserstoffinitiative ins Leben gerufen. Im folgenden Jahr hat die Arbeit an der nationalen Wasserstoffstrategie begonnen. Seither hört man nur noch wenig davon“, so beschrieb Oesterreichs Energie Generalsekretärin Barbara Schmidt den im Zuge des Trendforums zum Thema Wasserstoff den österreichischen Status Quo. „Mittlerweile hat die EU eine Strategie, ebenso Deutschland. Es ist also höchste Zeit, auch die österreichische vorzulegen. Denn die E-Wirtschaft hat lange Invesitionszyklen und braucht Planungs- und Investitionssicherheit“, so Schmidt. Im Sinne der Versorgungssicherheit sei es unabdingbar, den Wasserstoff auf die richtige Art und Weise in das Energiesystem zu integrieren.

 

Drei Einsatzbereiche für Wasserstoff

Oesterreichs Energie Präsident Michael Strugl sieht in der E-Wirtschaft vor allem drei Einsatzbereiche von „grünem“ Wasserstoff: Erstens könne dieser der saisonalen Speicherung von Ökostrom dienen. Zweitens eigne er sich als Brennstoff für klimaneutral thermische Kraftwerke, die auch weiterhin für die Versorgungssicherheit unverzichtbar sind. Drittens könnten die Elektrolyseure, mit denen der Wasserstoff erzeugt wird, zur Bewältigung kurzfristiger Ungleichgewichte von Stromerzeugung und Verbrauch genutzt werden – also zur Bereitstellung von Regelenergie.

„Unverzichtbar für das Gelingen der Energiewende ist die verstärkte Sektorkopplung zwischen den Systemen für die Strom- und Gasversorgung. Hier könnte grüner Wasserstoff eine entscheidende Rolle spielen“, so Strugl. Das größte Problem dabei sind die derzeit noch hohen Kosten. „Es ist daher nötig, die Erzeugung und Nutzung von Wasserstoff anfangs finanziell zu unterstützen. Auch die neuen erneuerbaren Energien wie Windkraft oder Photovoltaik haben Anreize benötigt, um marktfähig zu werden. Das wird beim Wasserstoff nicht anders sein“, sagt Strugl.

Studie untermauert Einschätzungen

Diese Einschätzungen unterstützt auch eine Studie des Beratungsunternehmens Frontier Economics. Studienautor Christoph Gatzen unterscheidet darin drei zentrale Ansätze bei der Nutzung von Wasserstoff: Die Dekarbonisierung bestimmter Wirtschaftsbereiche, die saisonale Verlagerung von Energie und die Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit.

„Österreich hat einen Primärenergiebedarf von etwa 400 Terawattstunden pro Jahr. Mit Strom können davon nur rund 70 gedeckt werden. Das heißt: Wir brauchen den grünen Wasserstoff, wir brauchen die grünen Moleküle. Diese sollten so weit möglich in Österreich erzeugt werden. Es wird aber auch nötig sein, grünen Wasserstoff zu importieren“, erklärt Gatzen.

Zunächst gelte es, durch finanzielle Unterstützung die dafür notwendige Infrastruktur aufzubauen. Im nächsten Schritte müssen die Technologien zur Wasserstofferzeugung und -nutzung dann in die Netze zur Energieversorgung integriert und ein Level-Playing-Field geschaffen werden. „Hilfreich wäre dabei ein klares CO2-Preis-Signal“, so Gatzen.

Erster Schritt: 50 Millionen Euro pro Jahr

Auch Staatssekretär Magnus Brunner bekräftigt die Bedeutung einer österreichischen Wasserstoffstrategie: „Wir hoffen, dass wir diese bald vorlegen können.“ Einen Teil der Strategie habe die Bundesregierung bereits in das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz integriert, das derzeit auf parlamentarischer Ebene verhandelt wird. Es sieht vor, dass bis 2030 pro Jahr 50 Millionen Euro an Förderungen für Investitionen in die Wasserstoff-Infrastruktur zur Verfügung stehen. „Der erste Schritt ist getan“, so Brunner. Weitere Schritte würden folgen, etwa der Aufbau des im Regierungsprogramm vorgesehenen Wasserstoff-Kompetenzzentrums.

Grundsätzlich riet Brunner zu Pragmatismus: „Das Ziel muss natürlich sein, in Österreich ausschließlich grünen Wasserstoff zu nutzen. Aber zumindest übergangsweise müssen auch andere Wasserstoffarten Verwendung finden dürfen. Das ist nicht zuletzt notwendig, damit wir internationale Entwicklungen auf technologischer Ebene nicht verschlafen“. Letztlich geht es Brunner beim Einsatz von Wasserstoff in Österreich um drei Themen: erstens Investitionen und Anreizsysteme, zweitens Innovationen und drittens um die Zusammenarbeit von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

Plädoyer für CO2-Bepreisung und Pragmatismus

Laut Thorsten Herdan vom deutschen Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sieht sich Deutschland hinsichtlich der Nutzung von Wasserstoff ähnlichen Herausforderungen gegenüber wie Österreich. Vor etwa einem Jahr habe die Regierung in Berlin ihre nationale Wasserstoffstrategie veröffentlicht. Diese fordere im Wesentlichen, Wasserstoff zu nutzen, wo es keine anderen Möglichkeiten zur Dekarbonisierung der Energieversorgung gebe, etwa in der Stahlindustrie, der Chemiebranche oder dem Schiffsverkehr.

Aber auch die Versorgungssicherheit sei angesichts des Ausstiegs aus Kern- und Kohlekraftwerken dabei ein zentrales Thema. „Erdgas darf im Sinne des Klimaschutzes mittel- bis langfristig nicht mehr genutzt werden. Wasserstoff ist also elementar wichtig.“ Um diesem zum Durchbruch zu verhelfen, braucht es laut Herdan einen angemessenen CO2-Preis, eine gemeinsame Planung der Strom- und Gasinfrastruktur und einen gewissen „Pragmatismus in der Aufbauphase der Wasserstoffwirtschaft“. „Blauer Wasserstoff, der aus den Abgasen von Kraftwerken und Fabriken gewonnen wird, ist besser als gar keiner“, so Herdan.

Pilotprojekte: Von der Stahlindustrie bis zur Pistenraupe

Theresia Vogel, Geschäftsführerin Klima- und Energiefonds (KLI.EN), berichtet, dass bereits jetzt in Österreich etliche Pilotprojekte für die Nutzung von grünem Wasserstoff durchgeführt werden.

Sie betreffen etwa die Dekarbonisierung der Stahlindustrie oder die Entwicklung von LKWs und Spezialfahrzeugen wie Traktoren und Pistenraupen. Große Erdgasunternehmen wiederum beschäftigen sich mit der saisonalen Speicherung von „grünem“ Wasserstoff in ehemaligen unterirdischen Gaslagerstätten. Dies finde auch internationale Beachtung. Österreich sei daher gut beraten, sich an europäischen Forschungs- und Entwicklungsprojekten zu beteiligen.