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Wie viel Staat verträgt der Strommarkt?

Unter Ökonominnen und Ökonomen gilt die Merit Order weitgehend unumstritten als die beste Art, einen möglichst effizienten Strommarkt zu organisieren und Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dennoch stehen Rufe nach stärkeren staatlichen Eingriffen in Krisenzeiten immer wieder auf der Tagesordnung.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass der Satz im Englischen viel besser klingt als im Deutschen: If it ain‘t broke, don‘t fix it. Oder eben übersetzt: Repariere nichts, was nicht kaputt ist. Im deutschsprachigen Raum gibt es tatsächlich den auffallend häufigen Wunsch, Dinge zu verändern, die funktionieren, dafür aber die wirklich dringlichen Baustellen zu ignorieren. Ein gutes Beispiel dafür ist die aktuelle Diskussion über die Preisbildung am Strommarkt und die Annahme, die Merit Order sei lediglich eines von vielen politisch gewählten Systemen, das man nach Belieben ändern oder sogar abschaffen könne.

Dabei herrscht unter Ökonominnen und Ökonomen – anders als in der aufgeheizten öffentlichen Debatte – weitgehend Einigkeit darüber, dass sich das bestehende System – als grundlegendes Prinzip des Zusammenspiels von Angebot und Nachfrage auf einem Wettbewerbsmarkt – auch in Krisenzeiten bewährt hat, nämlich insofern, als dass sich die Knappheit in Preissignalen ausgedrückt hat. Und auch das Prinzip der einheitlichen Marktpreise (pay-as-clear) ist kein Spezifikum des Strommarkts. Im Gegenteil: Gerade bei homogenen Gütern wie Strom ist eine einheitliche Preisbildung nach Grenzkosten in einer Marktwirtschaft die gängige Methode der Preisfindung. „Ob Strom aus einem Gaskraftwerk kommt oder einem Windpark, aus dem In- oder Ausland verändert seine Eigenschaften nicht. Es ist immer das gleiche Produkt. In solchen Märkten greift das ‚Law of One Price‘. Es wäre ja auch unlogisch, wenn dasselbe Gut am selben Markt unterschiedliche Preise erzielen würde“, erklärt Philipp Ortmann, Research Engineer am Austrian Institute for Technology (AIT).

„Ein Preis von 50 Euro für die Megawattstunde, den sich die Industrie erwartet, ist schlicht und einfach unrealistisch. Um diesen Betrag kriegt man in Mitteleuropa Strom nicht produziert und zum Kunden geliefert.“ Lion Hirth Professor für Energiepolitik an der Hertie School in Berlin und Geschäftsführer von Neon

Grenzkostenbasierte Preise sind Marktwirtschaft

Und dennoch bekommt das Prinzip der Merit Order mit Pay-as-clear im Strommarkt viel mehr, oft negative, Aufmerksamkeit als in anderen Märkten, wo es ebenfalls für die Preisbildung verantwortlich ist. Für Michael Böheim, Senior Economist am WIFO, ist der Grund dafür ziemlich einfach: „Beim Strom ist der Effekt unmittelbar sichtbar, bei anderen Produkten, sagen wir zum Beispiel Energy Drinks, nicht so. Zugleich muss man feststellen, dass das System während der Energiekrise rund um den Beginn des Ukrainekrieges funktionierte. Es hat die Bereitstellung von Energie sichergestellt, wenn auch zu temporär sehr hohen Preisen.“

Als weiteres Argument kommt hinzu: Solange man im Rahmen einer Marktwirtschaft bleiben will, gibt es keine Alternativen zur Merit Order. Lion Hirth, Professor für Energiepolitik an der Hertie School in Berlin und Geschäftsführer des Energieberatungsunternehmens Neon meint sogar: „Wenn jemand sagt, er möchte im Strommarkt von der Merit Order abrücken, dann sagt er in Wirklichkeit nichts anderes als: Er möchte in den funktionierenden freien Wettbewerb auf dem Strommarkt staatlich eingreifen.“ (Siehe Interview)

 

Mögliche Markteingriffe im Vergleich

Kein Modell überzeugt wirklich

Anbieter bekommen den Preis, den sie bieten

Pro: Eventuell geringerer Strompreis in Krisenzeiten 

Contra: Anbieter ändern Bieterverhalten, dann entsteht kein Verbilligungseffekt, Fehlanreize für ineffiziente Kraftwerke, zu wenig Deckungsbeiträge 

Markttrennung in Erneuerbare und konventionelle Energien

Pro: Hoffnung auf einen günstigen grünen Teilmarkt

Contra: Technisch kaum durchführbar, sehr schwer administrierbar, kann Markt zerstören und Versorgungssicherheit gefährden

Gaskraftwerke werden über einen Preisdeckel subventioniert

Pro: Senkt den Spotpreis, wenn Gas preissetzend ist

Contra: Keine reale Entlastung, da Staat sich die Subventionen über Steuern zurückholt, negative Folgen für Investitionsklima

Referenzpreis mit Ausgleich nach unten und oben

Pro: Hohe Investitionssicherheit, begrenzt etwaige „Übergewinne“

Contra: Schmälert zum Teil die Deckungsbeiträge, erzeugt schwächere Knappheitssignale

Preise je Netzknoten statt großer Zonen

Pro: Sehr gezielte Investitionssignale, nah am realen physikalischen Netz

Contra: Komplex, hohe Umstellungskosten, Akzeptanzprobleme

Staat setzt Preise fest

Pro: Weniger Marktvolatilität

Contra: Ineffizient, wenig Innovation, intransparent, hoher Steuerungsaufwand

Einen solchen Eingriff zu wollen oder nicht zu wollen, ist auch eine Frage der wirtschaftspolitischen Positionierung. Während Marktliberale bei Eingriffen naturgemäß skeptisch sind, sehen andere Denkschulen das gelassener. Bei der Preisbildung am Strommarkt gibt es neben grundsätzlichen Überlegungen allerdings auch valide Modellrechnungen, die zeigen, dass ein Abrücken von der Merit Order den Strommarkt nicht effizienter machen würde. Die meisten Studien zum Strommarktdesign kommen jedenfalls zu dem Ergebnis, dass ein Energy-Only Markt, dessen Preisbildung grenzkostenbasiert über die Merit Order erfolgt, die besten Ergebnisse liefert. 

Effizientes System

„Wir haben am AIT die unterschiedlichsten Varianten des Strommarktdesigns durchgerechnet, also Energy-Only Markt, strategische Reserve, Kapazitätsmarkt und einen echten Flexibilitätstender“, erzählt Tara Esterl, Head of Competence Unit Integrated Energy Systems am AIT. „Da hat sich klar gezeigt, dass ein Energy-Only Markt, zumindest in der Theorie, ein optimales Ergebnis liefert, also den bestmöglichen Trade-off aus Effizienz und Versorgungssicherheit.“

Tara Esterl, Head of Competence Unit Integrated Energy Systems, AIT
„Nach unseren Berechnungen sind gut gestaltete Förderungen nicht so teuer wie angenommen und können volkswirtschaftlich betrachtet positive Effekte bewirken.“ Tara Esterl Head of Competence Unit Integrated Energy Systems, AIT

Als alternative Ergänzung zum Energy-Only Markt nennt Esterl indessen das Ins­trument von zweiseitigen CfDs (Contracts of Difference), also ein Preisabsicherungsinstrument, bei dem die Produzenten von erneuerbarem Strom einen fixen Preis (Referenzwert bzw. strike price) zugesichert bekommen, um auch unter Bedingungen niedriger Marktpreise den Ausbau weiter finanzieren zu können. Erlöse, die aufgrund der jeweiligen Marktsituation höher liegen als dieser Beitrag, müssen die Stromproduzenten in diesem Modell zurückzahlen. „Nach unseren Berechnungen sind gut gestaltete Förder- bzw. Absicherungsmechanismen nicht so teuer wie angenommen und können volkswirtschaftlich betrachtet positive Effekte bewirken“, sagt Esterl.

Für Lion Hirth sind Förderungen für Erneuerbare, die es, sei es in Form von Marktprämien, CfDs, Einspeisetarifen oder welchen Instrumenten auch immer de facto in ganz Europa gibt, ein weiterer Grund, an der Merit Order und einheitlichen Marktpreisen (pay-as-clear) festzuhalten und den Preis nicht nach unten zu regulieren: „Wenn der Strompreis künstlich gedrückt wird, dann muss mehr an Förderungen bezahlt werden. Was allenfalls gespart wird, darf die Allgemeinheit erst recht wieder über Steuern zahlen.“

Förderdruck durch künstliche Preise

Innerhalb des Energy-Only Markts plädieren manche Expertinnen und Experten auch für eine Umstellung vom derzeitigen zonalen System, in dem der Preis für ganze Gebotszonen, meist Länder, berechnet wird, auf ein nodales System, in dem der Preis für jeden einzelnen Netzknoten berechnet wird. „Ökonomisch würde das Sinn machen, weil ein solches System genau dort Investitionsanreize setzt, wo sie am meisten gebraucht werden. Der Markt wäre dann auch näher am physikalischen System“, erklärt Tara Esterl. „Allerdings dürfte es schwierig sein, Akzeptanz für ein System zu schaffen, in dem es sehr viele Preiszonen gibt. Zudem verursacht die Anpassung der Infrastruktur an ein nodales System zunächst einmal hohe Zusatzkosten.“

Die Umstellung auf ein nodales Strommarktdesign würde zu einer starken Fragmentierung der Preise führen, wodurch Liquidität und Handelstiefe deutlich sinken, Hedging komplexer und teurer wird und kleinere Marktteilnehmer verdrängt werden könnten – trotz effizienterer Netzbewirtschaftung. Ob die Merit Order ausreichend Anreize für Investitionen in Erneuerbare setzt und so quasi automatisch dafür sorgt, dass stets genug Strom produziert wird, oder ob es zusätzliche Maßnahmen braucht, wird in der Diskussion um das aktuelle Stromdesign ebenfalls oft thematisiert. Lion Hirth sagt, dass er in diesem Punkt seine Meinung über die Jahre geändert hat: „In einem funktionierenden Markt sollten Knappheitspreise, die entstehen, wenn nicht genug produziert wird, für Investitionen sorgen. Ich sehe aber, dass das Vertrauen in diese Funktionsweise von Knappheitspreisen nicht wirklich gegeben ist.“ Insofern gesteht er zu, dass man im Sinne der Versorgungssicherheit in Europa auch irgendeine Form von Kapazitätsmärkten benötigen wird, die Unternehmen dafür bezahlen, dass sie Produktionsressourcen bereithalten.

Philipp Ortmann, Research Engineer, AIT
„In Märkten wie Strom greift das ,Law of One Price‘. Es wäre ja auch unlogisch, wenn dasselbe Gut am selben Markt unterschiedliche Preise erzielen würde.“ Philipp Ortmann Research Engineer, AIT

Falsche Erwartungen

Auf jeden Fall kritisch sieht Hirth Forderungen nach einem Industriestrompreis. „Ein Preis von 50 Euro für die Megawattstunde Strom insgesamt, den sich die Industrie erwartet, ist schlicht und einfach unrealistisch. Um diesen Betrag kriegt man in Mitteleuropa Strom nicht produziert und zum Kunden geliefert, weder in einem fossilen noch in einem dekarbonisierten System. In einem dekarbonisierten System liegen wir eher bei einem realistischen Preis von 150 bis 200 Euro. 50 Euro, das geht nur mit dauerhaften Subventionen.“ Die könne man natürlich fordern, sagt Hirth, doch bevor so etwas beschlossen wird, sollte man eine breite Diskussion darüber führen, ob das wirklich allgemein gewollt wird.

Diese Diskussion ist allerdings alles andere als einfach. Philipp Ortmann etwa sagt: „Ich denke nicht, dass man das pauschal beantworten kann, aber wahrscheinlich wäre eine solche Förderung noch relativ gut eingesetzt. Sie wäre besser als eine Förderung des gesamten Stromverbrauchs, weil die Wertschöpfung der Industrie in Österreich hoch ist. Andererseits ist auch klar: Förderungen erzeugen einen Gewöhnungseffekt. Es ist viel leichter, eine Förderung zu beschließen als sie wieder zurückzunehmen.“

Michael Böheim, Senior Scientist, WIFO
„Wenn man den Marktmechanismus umstellt, dann sollte man auf jeden Fall die Lehren aus der verunglückten Abwicklung der Strompreisbremse beachten, die am Ende die Inflation ziemlich begünstigt hat.“ Michael Böheim Senior Scientist, WIFO

Viele Optionen

WIFO-Ökonom Michael Böheim macht noch auf einen anderen Punkt aufmerksam: „Wenn man den Marktmechanismus umstellt, dann sollte das so passieren, dass sowohl die Anreize zum Ausbau als auch die ökonomischen Effekte der Verbilligung erhalten bleiben. Auf jeden Fall muss man die Lehren aus der verunglückten Abwicklung der Strompreisbremse beachten, die am Ende die Inflation ziemlich begünstigt hat.“

Lion Hirth findet ohnehin, dass Diskussionen über Markteingriffe wenig erfolgversprechend sind. Statt sich darin zu verirren, sollte man jene Optionen forcieren, die das Stromsystem besser, effizienter und kostengünstiger machen. „Da gibt es jede Menge an Möglichkeiten, wie etwa Digitalisierung oder das konsequente Wählen der finanziell günstigsten Varianten, auch wenn die manchmal unbeliebt sind. Also zum Beispiel große Solarparks statt teurer Auf-Dach-PV, bei Übertragungsnetzen Freileitungen statt Erdkabel, Verzicht auf Biogas, das die Landwirtschaft zwar toll findet, das aber extrem teuer ist, und noch unzählige Dinge mehr.“

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