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Mehr Wind statt Sonne

Der österreichische Netzinfrastrukturplan sollte überarbeitet werden, um eine ökonomisch effiziente Transformation des Energiesystems zu sichern. Die Strategie-Empfehlung von Oesterreichs Energie liegt seit kurzem vor.  

 

Inspektionsingenieure seilen sich an einem Rotorblatt einer Windturbine ab
© AdobeStock/Tarnero

Überarbeitungsbedürftig ist nach Ansicht von Oesterreichs Energie der Österreichische Integrierte Netzinfrastrukturplan (ÖNIP). Seine derzeitige Version wurde im April 2024 veröffentlicht und wird der seit damals teilweise erheblich veränderten Lage nicht mehr gerecht. Bekanntlich wurde in dem Plan angenommen, der energetische Endverbrauch an elektrischer Energie werde von knapp 64,5 Terawattstunden (TWh) 2021 bis 2040 auf rund 121 TWh ansteigen. „Die größten Zuwächse verzeichnet der Verkehrssektor mit knapp 22 TWh und der Umwandlungseinsatz (insbesondere Elektrolyse) mit rund 16 TWh bis 2040.

Während der Industriesektor ebenfalls einer Zunahme von knapp 11 TWh bis 2040 unterliegt, bleibt der Bedarf im Gebäudesektor relativ stabil“, hieß es im ÖNIP. Gedeckt werden sollte der Bedarf durch die Steigerung der Stromproduktion mittels Erneuerbarer Energien um etwa 90 Prozent auf 133 TWh. Davon wären inklusive der zur Zeit der Erstellung des ÖNIP bereits bestehenden Anlagen 48 TWh auf die Wasserkraft entfallen, 41 auf die Photovoltaik, 29 auf die Windkraft sowie 15 auf Biomasse und „grüne“ Gase. In Übereinstimmung mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) vom Sommer 2021 sah der ÖNIP vor, bereits ab 2030 den Strombedarf Österreichs „bilanziell zu 100 Prozent“ mithilfe der „Erneuerbaren“ zu decken. Für 2040 strebt Österreich bekanntermaßen die „Klimaneutralität“ an, die jedoch bis dato nirgendwo rechtsverbindlich verankert ist. Laut dem ÖNIP war geplant, bis 2030 rund acht Prozent des „theoretisch-technischen Potenzials“ von 279 TWh pro Jahr für die Stromerzeugung mit PV-Anlagen auszuschöpfen, bis 2040 sollte dieser Wert auf knapp 15 Prozent ansteigen. Hinsichtlich der Windkraft nahmen die Autoren des ÖNIP ein theo­retisch-technisches Potenzial von 228 TWh pro Jahr an, das bis 2030 zu neun Prozent und bis 2040 zu 13 Prozent erschlossen werden sollte. Nur mehr ein „Restpotenzial“ von 6,9 bis 10,1 TWh pro Jahr wurde demgegenüber der Wasserkraft zugebilligt: „Während die größten Optimierungspotenziale in Oberösterreich zu finden sind, weisen Tirol und Steiermark die größten Ausbaupotenziale auf.“

Der „PV-Boom“ der ver­gangenen Jahre sei zwar grundsätzlich positiv, manifestiere sich aber mittlerweile „auch in deutlich steigenden Netztarifen“.

Entsprechend diesen Potenzialen wäre dem ÖNIP zufolge das Übertragungsnetz für Strom zu erweitern gewesen, wobei grobe Trassenkorridore umrissen wurden. Hinsichtlich des Gas-Fernleitungsnetzes ging es primär um „Umwidmungen und Ausbauten“ für die Versorgung mit („grünem“) Wasserstoff. Der diesbezügliche Bedarf „in der Industrie, bei KWK-Anlagen und im Güterverkehr“ wurde mit 29 TWh im Jahr 2040 beziffert. 

Überarbeitete Vision 

Oesterreichs Energie begrüßte den ÖNIP grundsätzlich, warnte jedoch vor der zu starken Gewichtung der PV. „Der ausgeprägte Fokus auf Sonnenenergie würde im Sommer zu einem massiven Stromüberschuss führen, im Winter bräuchten wir aber weiterhin viel thermische Leistung, um den Strombedarf zu decken. Ideal wäre aus unserer Sicht eine stärkere Verlagerung des Ausbaus hin zur Windenergie. Am Ende soll das System nicht nur sicher und sauber, sondern auch leistbar sein“, hieß es in einer Aussendung. Seine Überlegungen zu einer technisch realisierbaren und ökonomisch effizienten Transformation des Energiesystems formulierte der E-Wirtschafts-Verband in der „Stromstrategie 2040“, die er auf seinem Kongress in Villach im September 2024 veröffentlichte. 

Seit kurzem liegt nun eine aktualisierte Version der „Stromstrategie“ vor. Erarbeitet wurde diese ebenso wie die ursprüngliche Version von Compass Lexecon. Ihr zufolge dürfte der Strombedarf von rund 68 TWh im Jahr 2020 bis 2040 um 81 Prozent auf 123 TWh ansteigen. Die voraussichtliche Erzeugung wird laut dem Zielbild bei etwa 125,9 TWh liegen, womit Österreich, wie politisch gewünscht und energiewirtschaftlich sinnvoll, Nettoexporteur elektrischer Energie würde. Nach wie vor wäre die Wasserkraft mit einer jährlichen Durchschnittserzeugung von rund 52,4 TWh die weitaus wichtigste Technologie. Anders als im ÖNIP käme an zweiter Stelle jedoch die Windkraft mit 35,7 TWh. Erst den dritten Rang nähme die PV mit 22,9 TWh ein. Gegenüber dem ÖNIP würden somit die Wind- und die Wasserkraft erheblich stärker gewichtet als die PV.  

Oesterreichs Energie erläutert dies wie folgt: Der „PV-Boom“ der vergangenen Jahre sei zwar grundsätzlich positiv, manifestiere sich aber mittlerweile „auch in deutlich steigenden Netztarifen. Um diese Kosten zu dämpfen, sollte PV künftig geordneter ausgebaut und besser ins System integriert werden. Die Zeit dafür gäbe es - insgesamt liegt der Zubau bei dieser Technologie derzeit deutlich über dem Zielpfad“. Demgegenüber müsse bei der Wind- und der Wasserkraft deutlich nachgebessert werden. 

Mehrere Empfehlungen 

Neben der Optimierung der Ausbaupfade für die „Erneuerbaren“ empfiehlt Oesterreichs Energie im „Zielbild“ fünf weitere Maßnahmen, um die Kosten für die Transformation des Energiesystems zu dämpfen. Diese umfassen die konsequente Umsetzung der im Elektrizitätswirtschaftsgesetz vorgesehenen Spitzenkappung für die Windkraft und die PV. Es gilt, Einspeisespitzen zu reduzieren, um den Netzausbau zu dämpfen und die vorhandene Infrastruktur besser auszulasten. Überdies ist es notwendig, die leistungsorientierten Netztarife weiterzuentwickeln. Die Netzkosten müssen stärker nach der in Anspruch genommenen Kapazität als nach dem Arbeitspreis berechnet werden. Auch ist es ratsam, „Anreize für netzdienliches Verhalten zu schaffen und für eine stabilere Netzfinanzierung zu sorgen“.

Ein weiterer Punkt besteht darin, die Marktpreise stärker auch auf kleinere Einspeiser elektrischer Energie in die öffentlichen Netze wirken zu lassen. Dies bedeutet, die Vergütung in größerem Ausmaß „am tatsächlichen Vermarktungserfolg der Anlage auszurichten und somit die Marktintegration zu erhöhen“. Hinsichtlich des „grünen“ Wasserstoffs empfiehlt Oesterreichs Energie einen „Realitätscheck“. Die Annahmen im ÖNIP hinsichtlich seines „Hochlaufs“ erscheinen im Lichte neuer Daten als deutlich zu optimistisch. Sinnvoll wäre es hingegen, „Angebot und Nachfrage strategisch gemeinsam zu planen“. Außerdem wäre es wichtig, die Elektrifizierung des Energiesystems konsequent voranzutreiben. „Strombasierte Anwendungen in Industrie, Wärme und Mobilität sind gezielt auszubauen, um fossile Energieträger zu ersetzen, Nachfragepotenziale für erneuerbaren Strom zu erschließen und die Systemeffizienz zu erhöhen“, so der Verband.

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