Studie: Konjunkturmotor E-Wirtschaft
Der Wirtschaftswissenschaftler und Universitätsprofessor Christian Helmenstein hat den ökonomischen Fußabdruck der E-Wirtschaft errechnet und weist darauf hin, dass weitere Belastungen der Branche volkswirtschaftlich kontraproduktiv wären.

Die von Ihnen gerade fertiggestellte Studie zum ökonomischen Fußabdruck der österreichischen E-Wirtschaft kann mit einigen spannenden Fakten und Zahlen aufwarten.
So zeigt sich etwa, dass die Bruttowertschöpfung der heimischen E-Wirtschaft fast 20 Milliarden Euro ausmacht.
Christian Helmenstein: Der genannte Wert von nahezu 20 Milliarden Euro entspricht 4,15 Prozent der gesamten österreichischen Wirtschaftsleistung. Damit hat jeder 24. Euro, der hierzulande erwirtschaftet wird, einen direkten Bezug zum laufenden Geschäftsbetrieb in der E-Wirtschaft. Diese enorme Leistung wird von 104.600 Beschäftigten erarbeitet.
Darüber hinaus tragen weitere knapp 20.000 Personen – das ist für mich persönlich die beeindruckendste Zahl – dafür Sorge, dass wir auch in Zukunft verlässlich mit umweltverträglicher Energie versorgt sein werden. Sie gestalten jenseits der täglichen Versorgungsleistung die Energiezukunft Österreichs, indem sie die Investitionen der E-Wirtschaft planen und umsetzen. Dass man den substanziellen Beitrag der E-Wirtschaft zur Wertschöpfung unterschätzt, liegt paradoxerweise auch daran, dass selbige ihren Job so professionell erledigt. Wir betätigen einen Schalter und das Licht geht an, der Computer startet, die Waschmaschine läuft. Genau diese Zuverlässigkeit führt dazu, dass die Leistung der E-Wirtschaft mitunter für fast selbstverständlich erachtet wird, zudem ist ihr Produkt – elektrischer Strom – weder sichtbar noch tangibel.
Ein weiters auffallendes Faktum aus Ihrer Studie ist: Im Gegensatz zu vielen anderen Sektoren konnte die E-Wirtschaft auch in der Krise wachsen.
Helmenstein: Wir haben dazu eine Simulationsrechnung durchgeführt. Im Betrachtungszeitraum ist das österreichische Bruttoinlandsprodukt real um 0,8 Prozent gesunken. Die E-Wirtschaft hat im selben Zeitraum aber 0,2 Prozentpunkte zum BIP beigetragen. Das bedeutet: Ohne die Expansion der E-Wirtschaft wäre die letzte Rezession noch um ein Viertel schärfer ausgefallen. Dabei waren die Rahmenbedingungen alles andere als ideal. Es gab eine rezessionsbedingt geringere Nachfrage aus der Industrie, während das Angebot teilweise durch eine geringere Wasserführung der Binnengewässer beeinträchtigt wurde. Ein überragend positiver Effekt ist zukünftig vor allem aus den Investitionen in zusätzliche Erzeugungskapazitäten, den Netzausbau und in Speichermedien zu erwarten.
Wenn es der Branche so gut geht, dann sind Belastungen, gegen die sie sich so vehement wehrt, doch angesichts der allgemeinen Teuerung vertretbar. Krisenabgaben und Strompreisbremsen, welche die E-Wirtschaft in Kauf nehmen muss, senken immerhin die Energiepreise und wirken so inflationsdämpfend.
Helmenstein: Das ist eine kurzsichtige, geradezu zukunftsvergessene und vom ökonomischen Standpunkt her betrachtet durchaus fragwürdige Sichtweise. Wenn es eine Angebotsverknappung gibt, die preistreibend wirkt, und dieser Effekt unwillkommen ist, dann lautet die ökonomisch erstbeste Antwort, das Angebot auszuweiten. Investitionsprojekte werden nach Rentabilitätskriterien kalkuliert. Jede zusätzliche Belastung der E-Wirtschaft impliziert somit einen Verlust an Projektvorhaben mit erheblichen Folgeschäden: Während der Errichtungsphase gehen der Wirtschaft expansive Impulse verloren, nach Bauabschluss fehlt die kapazitive Ausweitung des Marktangebotes und schließlich entgeht der Gesellschaft der transformative Beitrag eines Ausbaus der Erneuerbaren.
Angesichts des allgemeinen Rufs nach schneller Entlastung der Konsumentinnen, Konsumenten und Betriebe könnte man allerdings sagen: Wir haben gerade eine Krise, da müssen manche Investitionen eben warten.
Helmenstein: Darin liegt der Irrtum: Spätestens nach dem letzten Energiepreisschock im Jahr 2022 hätte jedem bewusst sein müssen, dass die Preise ohne Angebotsausweitung dauerhaft höher als nötig bleiben würden und infolge geopolitischer Schocks jederzeit wieder hochschnellen könnten. Es gibt aber noch einen anderen, schwerwiegenden und dennoch häufig ignorierten Negativeffekt aus einer fiskalischen Belastung der E-Wirtschaft. Um die Energietransformation zu schaffen, sind bis zum Jahr 2040 finanzielle Mittel in der Größenordnung von zumindest 100 Milliarden bis 140 Milliarden Euro erforderlich. Wer die Eigenkapitalausstattung der Elektrizitätsversorgungsunternehmen durch Abgaben schwächt, leistet einer Verschlechterung ihrer Bonität Vorschub, was höhere Finanzierungskosten bedingt, die am Ende von privaten Haushalten ebenso wie von öffentlichen, gewerblichen und gemeinnützigen Endverbrauchern getragen werden müssen. Bei den gewaltigen Summen, um die es geht, lösen schon um Hundertstel-Prozentpunkte höhere Finanzierungskosten zusätzliche Belastungen im hohen zweistelligen bis dreistelligen Millionenbereich aus und sind damit alles andere als vernachlässigbar. Um noch einmal die Größenordnung zu verdeutlichen: Wir sprechen, auf jährliche Zeitscheiben verteilt, über zusätzliche Investitionen in Höhe von rund acht Milliarden Euro pro Jahr. Das entspricht den gesamten jährlichen Ausrüstungsinvestitionen der österreichischen Industrie zusammengenommen. Durch die Energietransformation verdoppeln sich also die Investitionsvolumina im sekundären Sektor.
Trotzdem ist antizyklisch in der Krise investieren nicht gerade einfach.
Helmenstein: Wenn es aber gelänge, endlich die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, zum Beispiel durch den Beschluss des Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetzes, würden wir uns gewissermaßen aus der Krise herausinvestieren können. In den letzten Jahrzehnten wurde jede Stagnations- beziehungsweise Rezessionsphase durch exportgetriebenes Wachstum beendet. Derzeit deuten die Vorzeichen nicht darauf hin, dass sich dies kurzfristig wiederholen lässt, selbst dann nicht, wenn sich die Zeiten für den globalen Handel wieder verbessern. Dazu wurde die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Wirtschaft zu sehr belastet, zudem nimmt der Wettbewerb durch neue Anbieter laufend zu. Jener dringend benötigte Impuls, der uns aus der Quasi-Stagnation herausreißen würde, ist mithin nicht mehr wie alle Dekaden zuvor aus der Außenwirtschaft zu erwarten. Umso mehr müsste er aus der Investitionstätigkeit kommen. Je rascher und kräftiger das passiert, desto besser.
Warum?
Helmenstein: Verzögerungen von Investitionsvorhaben sind nicht kostenneutral. Es macht einen enormen Unterschied, ob ein Projekt heuer oder erst in einigen Jahren operativ wird. Wird ein Projekt aufgeschoben, laufen die Planungskosten schon aufgrund permanenter regulatorischer Änderungen weiter, Rechts- und Finanzierungskosten schwellen an, die Anschaffungskosten von Investitionsgütern erhöhen sich. Dabei haben wir noch nicht den wohl größten Nachteil verzögerter Investitionen berücksichtigt: Jede Verspätung impliziert entgangene volkswirtschaftliche Vorteile. Wenn ein Projekt fünfzehn Jahre verzögert wird, dann finanzieren wir es, volkswirtschaftlich gesehen, de facto zweimal.
Christian Helmenstein ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Privatuniversität Schloss Seeburg/Salzburg sowie Mitglied des Vorstandes beziehungsweise Geschäftsführer des Economica Instituts für Wirtschaftsforschung in Wien.

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