Ein zweites Leben für PV-Module
Mit 2nd Cycle haucht Simon Prüller ausrangierten PV-Modulen neues Leben ein. Etwas, das bis vor Kurzem zwar als technisch möglich, wirtschaftlich aber als nicht darstellbar galt.
Wie so oft im Leben stand auch am Beginn dieser Business-Idee das Hörensagen. Nach seinem Maschinenbaustudium war Simon Prüller gemeinsam mit dem späteren Co-Founder Gerald Eichler im Projektgeschäft unterwegs und hörte dabei so manche spannende Geschichte. Eine Frage, die damals, wir schreiben das Jahr 2022, in Gesprächen immer wieder auftauchte, betraf die Zukunft der PV-Branche. Oder genauer gesagt, die stetig zunehmende Zahl ausrangierter PV-Module und ihre weitere Verwendung.


Recyclingprozesse sind technisch zwar bereits möglich, doch es bleibt schwierig, diese wirtschaftlich im großen Maßstab zu betreiben. Denn neue Module können inzwischen sehr günstig angeschafft werden, der Rohstoffwert, der beim Recycling erzielt werden kann, erweist sich hingegen als nicht allzu hoch. Die meisten in der Branche sehen darin vor allem einen Faktor, der gegen Recycling spricht und somit ein Problem. Prüller und Eichler erkannten hingegen die Chance.
Vorzeitig aussortiert
„Sehr viele PV-Module sind zum Zeitpunkt ihres Ausbaus in einem technischen Zustand, der eine problemlose weitere Nutzung für zehn oder sogar fünfzehn Jahre erlauben würde“, sagt Prüller. „Vor allem Betreiber größerer Anlagen tauschen Module vorzeitig, um durch den Einsatz neuer Modelle noch mehr an Effizienz zu gewinnen.“
Die Idee von 2nd Cycle, wie Prüller und Eichler ihr Start-up nannten, bestand darin, die ersetzten Module so aufzubereiten, dass ihre Weiternutzung attraktiv werden würde. „Wir hatten uns in den Kopf gesetzt, eine Anlage zu bauen, die die ausrangierten PV-Module automatisiert identifiziert, reinigt und mittels elektrischer und optischer Prüfverfahren auf ihre Weiterverwendbarkeit testet“, erzählt Prüller. „Schon bald haben wir allerdings gesehen, dass das eine ziemlich kostenintensive Angelegenheit ist. Denn was wir vorhatten, das fällt eindeutig in den Bereich Sondermaschinenbau. Das sind große, komplexe Anlagen, nichts, was man einfach so nebenbei im Vorbeigehen schaffen und schon gar nicht als Privatperson mit beschränkten Ressourcen finanzieren kann.“
Das Unternehmen
2nd Cycle FlexCo
Sitz: Amstetten
Gründung: 2024
Märkte: Österreich, Einstieg in den europäischen Markt geplant
Geschäftsmodell: Automatisierte Reuse- und Recycling-Technologie für PV-Module
Auf der Suche nach Investoren
Und so begann parallel zur Entwicklung der Anlage auch die Suche nach Investoren, die, wie Prüller sich erinnert, nicht unbedingt einfach war. Schließlich sagten mit dem Amstettner Recycling-Profi Müller-Guttenbrunn (MGG) und dem Business Angel Michael Altrichter aber engagierte und überaus branchenaffine Partner zu.
Der Aufbau des Prototypen konnte also beginnen: eine rund 30 Meter lange Prüflinie, die die Module automatisiert untersucht und die automatisch klassifiziert, welche davon noch wiederverwendbar sind und welche recycelt werden müssen. Die nicht weiter nutzbaren Module werden gleich in der Anlage so weit getrennt, dass ihre Bestandteile in vorhandene Recyclingprozesse integriert werden können. „PV-Module bestehen zu etwa 70 bis 75 Prozent aus Glas sowie aus Aluminium, Silizium, Kunststoffen und kleineren Mengen von Silber und Kupfer“, erklärt Prüller. „Das alles lässt sich, wenn es gut getrennt ist, perfekt wiederverwerten.“
Sehr hohe Reuse-Quoten
Schon jetzt zeigt die Erfahrung allerdings, dass ein sehr großer Teil der Module ohnehin nicht recycelt werden muss: „Wenn sie unbeschädigt ausgebaut werden, können je nach Projekt fünfzig bis achtzig Prozent – in Einzelfällen sogar bis zu neunzig Prozent – in einen zweiten Lebenszyklus überführt werden“, sagt Prüller.
Dass das derzeit nicht flächendeckend passiert, liegt unter anderem daran, dass alte Module nur dann verkauft und weitergenutzt werden können, wenn sie über einen detaillierten Prüfbericht verfügen, der dem Käufer Sicherheit in Haftungs- und Sicherheitsfragen gibt. Und ein solcher Bericht ist teuer.

Zur Person
Simon Prüller (32)
Der Mostviertler besuchte die HTL Waidhofen, studierte danach Maschinenbau in Leoben und arbeitete in der Folge gemeinsam mit seinem späteren Co-Founder Gerald Eichler als Projektleiter im Sondermaschinenbau. Bei Projekten in der PV-Industrie bekam er unter anderem die regen Diskussionen um Reuse und Recycling von ausgebauten PV-Modulen mit und beschloss eines Tages, selbst aktiv zu werden.
Mit 2nd Cycle gründeten Prüller und Eichler ein Start-up, dass sich das Ziel gesetzt – und inzwischen auch erreicht - hat, eine ebenso nachhaltige wie wirtschaftliche Wiederverwertung von PV-Modulen zu implementieren. Als Zielgruppe von 2nd Cycle definiert Prüller Recycler, Energieunternehmen und Betreiber großer PV-Anlagen.
„Genau hier setzen wir mit unserer Anlage an“, sagt Prüller. „Denn solange ein klassischer Labortest pro Modul bis zu 100 Euro kosten kann und ein neues Modul vielleicht nur 50 Euro kostet, kann das Reuse-Konzept nicht wirtschaftlich sein. Mit Automatisierung und KI-gestützten Bildanalyseverfahren lassen sich die Prüfkosten allerdings auf einige wenige Euro senken und genau das tut unsere Anlage.“
270.000 Module pro Jahr
Dazu kommt der Vorteil der Skalierbarkeit. 2nd Cycle hat eine Lösung konzipiert, die bis zu 270.000 Module pro Jahr verarbeitet. Der Personalaufwand bleibt dabei gering. Durch Automatisierung und Robotikeinsatz, etwa beim Handling der schweren Module, reicht im Grunde eine Person, um die Maschine am Laufen zu halten.
Der andere Grund, an dem das Reuse von PV-Modulen bislang oft scheiterte, ist der Transport. Denn ohne eine entsprechend darauf ausgerichtete Infrastruktur zerbrechen sehr viele Module auf dem Weg. Mit der SolarBox, wie 2nd Cycle sie nennt, hat sich das Start-up von Prüller und Eichler auch dieses Problems angenommen. „Die Box erlaubt es, die Module sicher zu beladen und zu entladen. Auch damit können wir den Reuse-Anteil signifikant heben“, sagt Prüller.
Als Technologieanbieter positioniert
Erste Geschäftsfälle gibt es bereits: Im Moment werden die aufbereiteten Module vor allem in Österreich verkauft, die Mengen steigen dabei kontinuierlich, so dass man inzwischen auch Projekte mit mehreren tausend Modulen realisiert. Auch erste Kontakte zu Interessenten im Ausland, etwa in Großbritannien, wo größere Anlagen entstehen sollen, hat 2nd Cycle geknüpft.
Für Prüller ist das der Weg, den er in Zukunft beschreiten will: Anlagen entwerfen, sie an die Bedürfnisse einzelner Recycler anpassen, aber nicht selbst betreiben. „In der Anfangsphase betreiben wir unsere Anlagen für Reuse und Recycling auch selbst zu Entwicklungszwecken. Dabei prüfen wir PV-Module und führen geeignete Module wieder dem Markt zu. Strategisch liegt unser Fokus jedoch klar auf der Rolle als Technologieanbieter. Wir entwickeln und liefern die Anlagen sowie die dazugehörige Software, mit der unsere Partner die Prozesse dann selbst betreiben können“, skizziert Prüller den Plan für die Zukunft.

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