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Trendforum: Standortfaktor Versorgungssicherheit

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Versorgungssicherheit als oberstes Ziel

Energiewende und Versorgungssicherheit sind kein Widerspruch – auch in einem erneuerbaren Stromsystem kann eine sichere Stromversorgung aufrechterhalten werden. Dafür braucht es allerdings entsprechende Rahmenbedingungen.

„Versorgungssicherheit ist unser wichtigstes Ziel. Wir müssen gewährleisten, dass der Strom zur Verfügung steht und zuverlässig zum Verbraucher transportiert wird. Dass das funktioniert, ist nicht selbstverständlich, und es funktioniert nicht zum Nulltarif“, sagte Michael Strugl, Präsident von Oesterreichs Energie, der Interessenvertretung der E-Wirtschaft. Um das hohe österreichische Sicherheits- bzw. Zuverlässigkeitsniveau aufrecht zu erhalten, sei allerdings eine Reihe von Maßnahmen erforderlich, so Strugl im Rahmen des Oesterreichs Energie Trendforums am 25. Februar.

Insbesondere müssten die Übertragungs- und Verteilernetze ertüchtigt und erweitert werden um die zunehmenden Mengen an Elektrizität aus Windparks und Solaranlagen aufzunehmen. Zudem braucht es künftig Speicher und andere Flexibilitätsoptionen um saisonale Schwankungen auszugleichen. Strugl hob außerdem die längerfristige Bedeutung flexibler thermischer Kapazitäten hervor: „In Texas haben wir kürzlich gesehen, was passieren kann, wenn man alles dem Markt überlässt und möglichst geringe Kosten als oberstes Ziel verfolgt.“

Strugl betonte zudem die Bedeutung des Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzes, das seit Jahresbeginn überfällig sei und nun umgehend beschlossen werden müsse. Ebenso wichtig sei eine rasche Genehmigung des im Dezember beschlossenen Gesetzes zur Neugestaltung der Netzreserve durch die Europäische Kommission, so Strugl.

Netze stehen vor Herausforderungen

Gerhard Christiner, der Technische Vorstand des Übertragungsnetzbetreibers Austrian Power Grid (APG), unterstrich die Bedeutung der Versorgungssicherheit. Bereits die Liberalisierung des Marktes vor rund 20 Jahren habe massive Veränderungen mit sich gebracht. So hat etwa die sukzessive Abschaltung von Kraftwerken, die für die Systemstabilität zwar hilfreich, wirtschaftlich aber unrentabel waren, zu erheblichen Belastungen in den Übertragungsnetzen geführt. Mit dem rasanten Ausbau der erneuerbaren Energien kämen nun weitere Herausforderungen hinzu: „Diese Veränderungen muss man gut managen. Es wird immer schwieriger, die Versorgungssicherheit, die Marktentwicklung und den Ausbau der Erneuerbaren in Balance zu halten.“

Der Störfall am 8. Jänner habe gezeigt, dass die Übertragungsnetze noch nicht optimal für die neuen Verhältnisse ausgestaltet sind. Es komme immer häufiger zu Situationen, in denen auf dem Großhandelsmarkt vereinbarte Handelstransaktionen physikalisch nicht dargestellt werden könnten. In diesen Fällen muss auf flexible Kraftwerke zurückgegriffen werden um kritische Situationen zu vermeiden: „Dafür brauchen wir die Netzreserve.“

Als seinen größten Wunsch bezeichnete Christiner den möglichst raschen positiven Abschluss der vielen anhängigen Genehmigungsverfahren seines Unternehmens. Außerdem benötige die E-Wirtschaft Planungssicherheit, um den seitens der Politik angestrebten Ausbau der erneuerbaren Energien zu bewerkstelligen.

Spannungsfeld zwischen Versorgungssicherheit, Leistbarkeit und Nachhaltigkeit

Christoph Maurer, der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Consentec, betonte, dass Versorgungssicherheit aus zwei Blickwinkeln betrachtet werden könne: Der erste ist die Versorgungszuverlässigkeit, die die Kunden wünschen. „Das ist die Verbraucherperspektive“, erläuterte Maurer. Beim zweiten Aspekt, der „Systemperspektive“ gehe es neben der Frage der Systemsicherheit um eine sichere Deckung des Strombedarfs. Versorgungssicherheit ist nur dann gegeben, wenn alle drei Bereiche erfüllt werden, so Maurer.

In der Vergangenheit erbrachten die großen Kraftwerke mit ihren Schwungmassen wertvolle Dienstleistungen im Bereich Systemsicherheit. Diese Dienstleistungen ließen sich auch in einem erneuerbaren Energiesystem darstellen, so Maurer. Dazu müssten aber auch die Betreiber von Ökostromanlagen in die Pflicht genommen werden. Bei thermischen Anlagen, werde man fossile Brennstoffe auf absehbare Zeit weiter brauchen, langfristig gehe es aber darum diese Anlagen auf einen Betrieb mit Wasserstoff vorzubereiten.

„Das bekannte energiepolitische Zieldreieck aus Versorgungssicherheit, Leistbarkeit und Nachhaltigkeit bildet stets ein Spannungsfeld. Hier wird es künftig notwendig sein, Kosten-Nutzen-Rechnungen anzustellen und Kompromisse zu schließen“, so Maurer.

Europa als Vorreiter

Catharina Sikow-Magny, die Direktorin für den Binnenmarkt in der Generaldirektion Energie der EU-Kommission, betonte die Bedeutung von Interkonnektoren im Rahmen der Versorgungssicherheit. Diese Verbindungen zwischen den Mitgliedsstaaten ermöglichen es Strom zu importieren, wenn er benötigt wird. Die Europäische Union könne dabei als globaler Vorreiter angesehen werden, so Sikow-Magny.

Die EU-Kommission arbeite gemeinsam mit den Mitgliedsstaaten, den Regulatoren und den Übertragungsnetzbetreibern kontinuierlich daran, dieses System noch zuverlässiger und resilienter zu machen. Dabei spiele die länderübergreifende Planung und Zusammenarbeit eine entscheidende Rolle. Neben bewährten Zugängen werden in Zukunft neue Methoden wie Demand Response an Bedeutung gewinnen. Zudem werde künftig die verstärkte Kopplung der Stromversorgung mit anderen Teilen des Energiesystems einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten.

Im vergangenen Sommer hat die EU-Kommission eine umfassende Strategie zur Integration der Energiesysteme veröffentlicht. Für heuer sind laut Sikow-Magny weitere Rechtsakte geplant, darunter ein großes Paket zur Neugestaltung des Gasmarktes.

Studienpräsentation, Christoph Maurer, Consentec