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Sabine Herlitschka im Interview

Sabine Herlitschka, CEO von Infineon Technologies Austria, über Leistungselektronik als Schlüssel zur Dekarbonisierung, Europas 
Schwächen bei der Skalierung und warum technologische Souveränität nicht mit Autarkie verwechselt werden darf.

Sabine Herlitschka, CEO von Infineon Technologies Austria
Sabine Herlitschka, CEO von Infineon Technologies Austria

Die Energiewirtschaft steht vor einer tiefgreifenden Transformation. Welche Rolle spielen Schlüsseltechnologien wie Halbleiter in 
diesem Prozess?

Sabine Herlitschka: Halbleiter entscheiden darüber, ob die Energiewende nur geplant wird – oder ob sie tatsächlich funktioniert. Leistungshalbleiter sind das technologische Rückgrat moderner Energiesysteme. Sie bestimmen, wie effizient Strom erzeugt, umgewandelt, verteilt und genutzt wird. Ob in Netzen, in industriellen Anlagen oder bei Erneuerbaren Energien – überall dort, wo Effizienz, Stabilität und Zuverlässigkeit gefragt sind, entscheidet Mikroelektronik über die Leistungsfähigkeit des Systems.

Inwiefern sind Halbleiter eine Voraussetzung für die Digitalisierung und Dekarbonisierung von Energiesystemen?

Herlitschka: Digitalisierung und Dekarbonisierung sind technisch untrennbar miteinander verbunden. Energiesysteme werden zunehmend dezentral und volatil – ohne digitale Steuerung, Sensorik und Leistungselektronik sind sie nicht stabil betreibbar.

Der größte technologische Hebel liegt in der Effizienz entlang der gesamten Energiepfade. Laut Internationaler Energieagentur gehen weltweit noch rund 60 Prozent der eingesetzten Primärenergie bei Umwandlung, Transport und Nutzung verloren. Moderne Leistungshalbleiter setzen genau hier an: Durch effizientere Energieumwandlung und intelligente Steuerung lassen sich 25 bis 40 Prozent dieser systemischen Verluste vermeiden. Auch für Infineon ist dieser Effekt konkret messbar. Allein am Standort Villach wurden im Geschäftsjahr 2025 rund 8 Milliarden Chips produziert, die über ihre Nutzungsdauer CO2-Einsparungen von rund 14 Millionen Tonnen ermöglichen – mehr als ein Fünftel der gesamten CO2-Emissionen Österreichs im Jahr 2022.

Welche Bedeutung hat KI im Zusammenspiel mit Hardware-Innovationen?

Herlitschka: Künstliche Intelligenz entfaltet ihren Nutzen erst dann vollständig, wenn sie mit leistungsfähiger Hardware zusammenspielt. Daten zu analysieren reicht nicht – entscheidend ist, Ergebnisse in Echtzeit im System umzusetzen. In industriellen Anwendungen hilft KI, Prozesse vorauszudenken, während Halbleiter diese Entscheidungen direkt in Steuerung, Regelung oder Energiefluss übersetzen. Die eigentliche Innovation entsteht dort, wo Software und Hardware gemeinsam entwickelt werden – zuverlässig, skalierbar und industrietauglich.

Wie abhängig ist Europa von globalen Lieferketten bei Schlüsseltechnologien?

Herlitschka: Wir haben in den vergangenen Jahren sehr deutlich gesehen, wie verwundbar Europa durch technologische Abhängigkeiten ist. Technologische Souveränität heißt, wesentliche Kompetenzen im eigenen Wirtschaftsraum halten und gezielt weiterentwickeln zu können. Das bedeutet nicht Autarkie – diese Vorstellung wäre naiv. Entscheidend ist, in kritischen Schlüsseltechnologien handlungsfähig zu bleiben. Nicht alles überall können zu wollen, sondern gezielt herausragende Stärken bei strategischen Kompetenzen zu entwickeln und zu sichern.

Perspektivisch brauchen wir einen integrierten Binnenmarkt für Energie. Ein zentraler Punkt, der sowohl im Letta- als auch im Draghi-Report klar adressiert wird.

Welche Herausforderungen bestehen bei der Skalierung von Innovationen in Europa?

Herlitschka: Europa ist stark in der Entwicklung neuer Technologien, aber oft zu langsam in der Skalierung. Lange Genehmigungsverfahren, fragmentierte Märkte und komplexe Regulierung verzögern den Übergang von Innovation in industrielle Realität. Global wettbewerbsfähig ist nicht, wer die besten Ideen hat, sondern wer sie am schnellsten und zuverlässigsten in die Produktion bringt. Und natürlich sind wir auch von den Erzeugungskosten abhängig – Energiepreise, die deutlich über denen anderer Weltregionen liegen, helfen hier nicht.

Gerade beim Energiesystem zeigt sich, wie wichtig es ist, europäisch zu denken und zu handeln. Perspektivisch brauchen wir eine echte europäische Energieunion – ein integrierter Binnenmarkt für Energie. Nicht umsonst ist das ein zentraler Punkt, der sowohl im Letta- als auch im Draghi-Report klar adressiert wird.

„Technologische Souveränität heißt, wesentliche Kompetenzen im eigenen Wirtschaftsraum halten und gezielt weiterentwickeln zu können. Das bedeutet nicht Autarkie.“ Sabine Herlitschka CEO von Infineon Technologies Austria

Wo sehen Sie die größten Wettbewerbsnachteile Europas im globalen Technologiewettbewerb?

Herlitschka: Zu den größten Herausforderungen zählen hohe Energie- und Produktionskosten sowie ein vergleichsweise langsamer Markthochlauf neuer Technologien. Ein oft unterschätzter Hebel ist die öffentliche Beschaffung. Die öffentliche Hand ist einer der größten Nachfrager im Markt und kann durch innovationsorientierte Nachfrage entscheidend dazu beitragen, neue Technologien schneller in die Breite zu bringen. Ebenso entscheidend ist die konsequente Umsetzung des europäischen Binnenmarkts. Zu oft agieren wir noch in fragmentierten nationalen Märkten. Ein funktionierender Binnenmarkt ist einer der stärksten Wettbewerbshebel Europas – wir müssen ihn auch als solchen nutzen.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welche Rolle werden europäische Technologieunternehmen 2035 im globalen Energiesystem spielen?

Herlitschka: Europa hat das Potenzial, eine führende Rolle einzunehmen – nicht als reiner Anwender, sondern als Kontinent weltweit führender Technologie- und Systemanbieter. Wenn es gelingt, industrielle Exzellenz, Innovationskraft und Nachhaltigkeit zu verbinden, werden europäische Unternehmen zentrale Bausteine der globalen Energieinfrastruktur liefern. Die technologischen Voraussetzungen sind vorhanden. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Europa dazu in der Lage ist – sondern ob wir bereit sind, diese Stärken in der notwendigen Größenordnung in industrielle Realität zu übersetzen.

Zur Person

Sabine Herlitschka 
ist CEO von Infineon Technologies Austria. Die promovierte Lebensmittel- und Biotechnologin zählt zu den profiliertesten Technologie- und Industrie-Managerinnen Österreichs.

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