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Netzpaket für Europa

Mit dem European Grids Package hat die EU ein Instrument auf den Weg gebracht, das die Strommarktintegration und den Ausbau der europäischen Übertragungsnetze beschleunigen soll. Doch was bedeutet das für Österreich? 

Das Ziel ist nicht leicht zu erreichen. Mit der Verabschiedung der Elektrizitätsbinnenmarktverordnung von 2019 hat sich die EU einen gemeinsamen Strommarkt zum Ziel gesetzt, in dem Strom gehandelt werden kann und die Preise der einzelnen Zonen möglichst konvergieren.

Die Praxis sieht anders aus. „In Europa ist es derzeit nicht möglich, Strom zu jedem Zeitpunkt in unbegrenzter Menge von A nach B zu transportieren. Fehlende Stromleitungen und Engpässe im Übertragungsnetz begrenzen den Stromhandel und damit auch den physikalischen Stromaustausch“, erklärt Gerhard Christiner, Vorstandssprecher des österreichischen Übertragungsnetzbetreibers APG.

Fragmentierter Markt

Als Konsequenz zerfällt der europäische Binnenmarkt regelmäßig in regionale Gebotszonen, die Biddingzones, die großteils den Nationalstaaten entsprechen. Innerhalb dieser Biddingzones bilden sich Preise entsprechend der regionalen Merit Order beziehungsweise der preissetzenden regionalen Kraftwerks­technologien. Daraus wiederum resultieren Preisunterschiede zwischen den Zonen, die zu einer beträchtlichen volkswirtschaftlichen Zusatzbelastung führen. So hatte Österreich im Jahr 2025 einen durchschnittlichen Preisunterschied zu Deutschland von 9,6 Euro pro MWh. „Bei einem Strombedarf von rund 70 TWh bedeutet das für den österreichischen Stromkunden Mehrkosten in der Höhe von etwa 600 Millionen Euro“, sagt Gerhard Christiner und ergänzt: „Ein leistungsfähig ausgebautes Übertragungsnetz ist die Voraussetzung, um im europäischen Binnenmarkt integriert zu sein und den österreichischen Stromkunden den Zugang zu den günstigsten europäischen Stromquellen zu ermöglichen.“

 

Die Grafik zeigt die durchschnittlichen Preisunterschiede an den Gebotszonengrenzen im Single-Day-Ahead-Coupling in Euro/MWh. Je höher der Wert, desto stärker der Engpass. Quelle: Acer. Stand: 2024.

Viele Engpässe

Alle einzelnen europäischen Engpässe aufzuführen, ist beinahe unmöglich. Aus österreichischer Sicht lassen sich dennoch einige Nadelöhre identifizieren, die sich auf das heimische Stromsystem besonders negativ auswirken, allen voran die innerdeutsche Nord-Süd-Achse, die Windenergieerträge aus Norddeutschland nach Süden transportiert. Diese Stromflüsse sind so hoch, dass es innerdeutsch immer wieder zu Überlastungen kommt. Zugleich haben Polen und Tschechien Ausweichmöglichkeiten über ihr Gebiet durch die Installation von Phasenschiebertransformatoren massiv eingeschränkt. 

„An der Grenze zwischen Deutschland und Österreich sind die schwachen 220 kV Kuppelleitungen oftmals Ursache für ein Decoupling Österreichs aus dem europäischen Binnenmarkt. Auch die innerösterreichischen 220 kV Leitungen entsprechen nicht mehr den Erfordernissen eines europäischen Binnenmarktes. Sie sind die Hauptursache dafür, dass Österreich rund 7.500 Stunden im Jahr aus dem europäischen Strommarkt entkoppelt ist“, erklärt Christiner.

 

Deutschlandleitung und Österreich

Um die Engpässe an der Grenze zu Deutschland zu beheben, gilt die 380-kV-Deutschlandleitung zwischen St. Peter am Hart in Oberösterreich und Altheim bei Landshut in Bayern als zentral. Sie soll bis 2027 fertiggestellt sein. Wichtig wäre aber auch ein weiterer Ausbau des 380 kV Netzes in Kärnten sowie der Ersatz oder die Verstärkung alter 220 kV Leitungen wie jener Richtung Ungarn.  

Um sein Netz zu schützen, verwendet auch Österreich Phasen­schieber­transformatoren, allerdings primär innerösterreichisch. Grundsätzlich gelten sie als nützlich, aus größerer Perspektive sind sie aber nicht ganz unproblematisch: „Solange alle Akteure im Sinne einer möglichst guten Verteilung der Stromflüsse und somit Auslastung ihrer Netze handeln, ist dieses Instrument absolut hilfreich. Wenn es aber nur dazu verwendet wird, um Stromflüsse abzudrängen und seinem Nachbarn zuzuschieben, wird es schwierig“, urteilt Christiner.

Europäische Herausforderung

Damit spricht der APG-Vorstand einen weiteren entscheidenden Punkt an: Maßnahmen zur Stärkung der Netzinfrastruktur können, wenn sie erfolgreich sein sollen, nur mit Rücksicht auf das europäische Ganze erfolgen.

Gerhard Christiner, APG-Vorstand

„Von österreichischer Seite versucht man in Brüssel ein Bewusstsein zu schaffen, dass es nicht sein kann, dass ein kleines Land wie Österreich das Netz auch für den europäischen Stromhandel ausbaut, dafür aber keinen echten Benefit bekommt.“

Gerhard Christiner APG-Vorstand

Sehr prägnant formuliert das, mit einem Blick auf Versorgungssicherheit, Christian Zinglersen, bis 2025 Direktor der EU-Energieregulierungsagentur ACER: „Damit die EU energiepolitisch unabhängiger werden kann, müssen die Mitgliedsstaaten stärker voneinander abhängig werden. Die Integration der 27 nationalen Energiesysteme in einen einzigen EU-weiten Markt ist dafür entscheidend.“ 
Das European Grids Package ist ein Schritt in diese Richtung. Es soll den Ausbau beschleunigen, unter anderem durch die weitere Stärkung des überwiegenden öffentlichen Interesses beim Netzausbau, verkürzte Genehmigungsfristen oder die Einführung eines digitalen Einheitsportals für sämtliche Genehmigungsschritte, einschließlich des Zugangs zu Umwelt- und Geodaten. Damit wird ein gesamteuropäischer Rahmen geschaffen. 

Vorgaben zeigen Wirkung

Gerade in Deutschland führt die Umsetzung europäischer Vorgaben bereits zu mehr Momentum beim Ausbau, wie Gerhard Christiner bemerkt: „In Deutschland lässt sich gut beobachten, dass die Teil-Umsetzung der RED-III-Richtlinie in nationales Gesetz eine deutliche Beschleunigung im Netzausbau zur Folge hat. Dementsprechend hoffe ich, dass in Österreich das Erneuerbaren-Ausbaugesetz bald beschlossen wird, denn da sind wichtige Dinge festgeschrieben wie das überragende öffentliche Interesse, die Festlegung von Grenzwerten, oder die Möglichkeit, Trassenkorridore per Verordnung auszuweisen.“
Im Rahmen des European Grids Package ist auch die Notwendigkeit einer gerechteren Kostenverteilung Thema. Dabei geht es unter anderem um die für Österreich wichtige Frage, wie Länder mit hohem Stromtransitaufkommen entschädigt werden sollen.

Der europäische Ausgleichsmechanismus ITC wird von den betroffenen Netzbetreibern jedenfalls als unzureichend kritisiert. Für ganz Europa sind dafür pro Jahr gerade einmal 100 Millionen Euro vorgesehen. Österreich enthält daraus rund fünf Millionen. „Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein“, kommentiert APG-Vorstand Christiner. „Von österreichischer Seite versucht man in Brüssel ein Bewusstsein zu schaffen, dass es nicht sein kann, dass ein kleines Land wie Österreich das Netz auch für den europäischen Stromhandel ausbaut, dafür aber keinen echten Benefit bekommt. Aus meiner Sicht wird ein kluges gemeinsames Vorgehen von Politik, Regulierungsbehörde und Übertragungsnetzbetreiber ein entscheidender Faktor in dieser Frage sein.“

Verbesserungsbedarf

In diesem Punkt ortet auch die ENTSO-E, der Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber, Nachbesserungsbedarf. Zwar zielt das European Grids Package darauf ab, die Kosten für grenzüberschreitende Infrastrukturprojekte fair auf alle Länder zu verteilen und nicht nur auf das Land, in dem die Leitung physisch gebaut wird. Doch die damit verbundene Idee, die Erlöse der nationalen Netzbetreiber aus der Vergabe knapper grenzüberschreitender Übertragungskapazitäten zu 25 Prozent in einem gemeinsamen Topf zu bündeln und für den Infrastrukturausbau zu verwenden, stößt auf wenig Zustimmung.

Konkret kritisiert ENTSO-E, dass die neue Vorgabe funktionierende nationale Regelungen aushebeln, Investitionsanreize verzerren und rechtliche Folgefragen nach sich ziehen würde. Sollte sie dennoch umgesetzt werden, fordern die europäischen Netzbetreiber zumindest den Verbleib der Erlöse im jeweiligen Mitgliedsstaat.

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