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Michael Baminger ist neuer Präsident

Mit Michael Baminger übernimmt ein Vertriebsexperte die Präsidentschaft von Oesterreichs Energie. Im Antrittsinterview mit StromLinie spricht der CEO der Salzburg AG über die Kosten der Energietransformation, warum politische Zielbilder allein nicht ausreichen und weshalb die Transformation nur mit mehr Realismus und gesellschaftlicher Akzeptanz gelingen kann. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssten dabei gemeinsam an einem Strang ziehen.

MMag. Michael Baminger, E.M.B.L.-HSG, Präsident von Oesterreichs Energie
© Thomas Topf

Ihr Vorgänger Michael Strugl hat sechs Jahre geprägt, die von Energiekrise, Krieg, Preisexplosionen und Versorgungssorgen dominiert waren. Ist die Krise inzwischen das neue Normal?

Michael Baminger: Vorweg muss man festhalten, dass die zwei Amtsperioden die Michael Strugl als Präsident an der Spitze von Oesterreichs Energie stand, wirklich herausfordernde Jahre waren und ihm die Branche für seinen Einsatz sehr dankbar ist. Aber um auf ihre Frage zurückzukommen: Ich weigere mich zu sagen, Krise sei für uns das neue Normal. Die Energiewirtschaft stand in den vergangenen 30 Jahren vor großen Herausforderungen – und wird auch in den nächsten 30 Jahren vor Neuen stehen.

Was ist heute die größte Herausforderung für die österreichische Stromwirtschaft?

Baminger: Eine der größten Herausforderungen ist es, die Energietransformation und ihre Zusammenhänge laufend zu erklären: transparenter zu machen, was dahintersteckt, und deutlich zu zeigen, dass die Energiewirtschaft ein zentraler, unverzichtbarer Teil der Lösung ist. 

Sie kommen stärker aus der Kunden-, Vertriebs- und Versorgungsperspektive als viele Ihrer Vorgänger. Wie prägt das Ihren Zugang zur Präsidentschaft – und welche eigenen Akzente wollen Sie setzen?

Baminger: In der E-Wirtschaft geht es oft um große Systeme, milliardenschwere Investitionen und komplexe Gesetze. Bei allen großen Fragen, und das möchte ich in meine Präsidentschaft übersetzen, müssen wir uns immer wieder fragen: Was bedeutet das konkret für die Kundinnen und Kunden? Die Energietransformation wird nur gelingen, wenn wir die Menschen mitnehmen. Das beginnt schon im Kleinen, zum Beispiel bei der Stromrechnung: Warum sehen die gesetzlichen Regelungen vor, dass sie so kompliziert ist?  

„Politische Zielbilder sind wichtig. Aber Physik, Technik und Betriebswirtschaft orientieren sich nicht an politischen Wünschen.“ Michael Baminger Präsident von Oesterreichs Energie

Weil Sie die Stromrechnung ansprechen: Die E-Wirtschaft steht derzeit häufig im Zentrum von Debatten: Einerseits soll die Branche bei der Energietransformation vorangehen, gleichzeitig aber auch für Versorgungssicherheit sorgen – und das vor allem zu günstigen Preisen …

Baminger: Leistbarkeit, Versorgungssicherheit und Dekarbonisierung sind unsere zentralen Ziele – und sie stehen in einem permanenten Spannungsfeld. Diesen Zielkonflikt bestmöglich zu managen, ist unsere Aufgabe. Nach Jahren der Diskussion über Zielbilder geht es jetzt vor allem um die Umsetzung. Hier sehe ich meine Rolle als Präsident von Oesterreichs Energie: Ich will klar machen, dass wir nicht nur Interessenvertretung sind, sondern dass wir auch den Systemüberblick haben. Dass wir jene sind, die Kompetenz bereitstellen können und schon mitten in der Umsetzung sind.  

Lange wurde die Energiewende vor allem als Technologieprojekt gesehen. Heute geht es stärker um Netze, Infrastruktur, Kosten und Akzeptanz. Ist die Debatte realistischer geworden?

Baminger: Ich bin sehr froh, dass wir ein bisschen Entideologisierung geschafft haben. Die Zeiten, in denen Politiker den Menschen erklärt haben, die Sonne schicke keine Rechnung, sind inzwischen vorbei. Dieser Satz hat der Energietransformation mehr geschadet als genutzt, weil die Menschen rechnen können. Und wenn am Ende nicht stimmt, was man erklärt, funktioniert der Change nicht. Veränderung gelingt nur mit Klarheit und Ehrlichkeit über Chancen und Herausforderungen.

Es wird Milliardeninvestitionen in Netze, Speicher und Erzeugung brauchen, um die Energietransformation erfolgreich abzuschließen. Haben die Menschen ausreichend verstanden, warum dieser Ausbau notwendig ist – und wie erklärt man, dass diese Infrastruktur letztlich auch bezahlt werden muss?

Baminger: Man darf den Menschen durchaus zutrauen, dass sie Dinge verstehen. Unsere Aufgabe ist es, die Vor- und Nachteile offen und direkt zu benennen. Die Transformation wird nicht unsichtbar, nicht gratis sein und spürbare Eingriffe in bestehende Strukturen erfordern. Darüber muss man ehrlich sprechen. Wir leben Gott sei Dank in einem Land, in dem Meinungspluralität gilt. Wichtig für unsere Branche ist, diese Meinungspluralität mit Fakten zu versorgen. 

Ist das bisher nicht gut genug gelungen?

Baminger: Wir kommen aus einer stark ideologisch geprägten Debatte und bewegen uns nun in Richtung einer sachlicheren aber oft zu detaillierten Diskussion. Ich glaube, der Sweet Spot liegt irgendwo in der Mitte. Über Fakten reden, aber auf einer Flughöhe, die das Gesamtsystem im Auge hat. 

MMag. Michael Baminger, E.M.B.L.-HSG, Präsident von Oesterreichs Energie
© Thomas Topf

Derzeit sind Wechselraten bei Stromkundinnen und Stromkunden so hoch wie nie, gleichzeitig steigen die Anforderungen an Investitionen und Netze. Wie schafft die Branche den Spagat zwischen Leistbarkeit für Kunden und wirtschaftlicher Stabilität der Energieunternehmen?

Baminger: Da sind wir in keiner anderen Lage als alle anderen Unternehmen: Wir stehen im Wettbewerb, Wechselraten sind vitaler Ausdruck von Konkurrenz. Gleichzeitig sind wir Unternehmen auf Wachstumskurs. Aber, und das unterscheidet uns vielleicht: Wir werden enorm investieren müssen. Dafür braucht es wirtschaftlich gesunde Unternehmen. Debatten über Eigenkapitalquoten oder Übergewinne in einzelnen Jahren greifen zu kurz, wenn wir über Investitionen für die nächsten 50 bis 100 Jahre sprechen.

Wo sehen Sie derzeit die größte Diskrepanz zwischen politischen Zielsetzungen und energiewirtschaftlicher Realität?

Baminger: Politische Zielbilder sind wichtig. Aber Physik, Technik, Mathematik und Betriebswirtschaft orientieren sich nicht an politischen Wünschen. Wir müssen die Realität anerkennen, wenn wir die Transformation erfolgreich gestalten wollen, auch wenn man keinen Sympathiepreis dafür bekommt. Ein Beispiel: Wenn wir darüber reden, dass wir das Netz ausbauen müssen, damit die Energietransformation überhaupt funktionieren kann, dann ist es zwar unpopulär, dass das Geld kostet, aber es ist ein Faktum. Entscheidend ist nicht, wer am Ende Recht behält, sondern wie wir die Transformation effizient, ökologisch verträglich und im Interesse der Kundinnen und Kunden umsetzen.

Der Ukraine-Krieg, geopolitische Spannungen und die Debatte über Europas strategische Souveränität haben Themen wie Resilienz und Versorgungssicherheit ins Zentrum gerückt. Erhält die Energiewirtschaft dadurch heute den strategischen Stellenwert, der ihr als Rückgrat von Industrie, Wohlstand und Gesellschaft eigentlich zukommt?

Baminger: Der positive Aspekt der aktuellen Entwicklung ist, dass das Bewusstsein für Versorgungssicherheit, Leistbarkeit und Resilienz deutlich gestiegen ist. Die Energiewirtschaft bewegt sich in einem klassischen Präventionsparadoxon: Wenn alles funktioniert, merkt niemand, wie viel Aufwand dahintersteckt. Deshalb hilft jedes zusätzliche Bewusstsein für die Bedeutung von Versorgungssicherheit und Energiesouveränität.

„Die Energie­transformation gelingt nur, wenn wir die Menschen mitnehmen. Sie ist Teamarbeit.“ Michael Baminger

Müssen wir energiepolitisch autark werden? 

Baminger: Autarkie ist in er aktuellen politischen Debatte ein Modewort geworden. Aber Autarkie bedeutet Abschottung. Darum kann es nicht gehen. Gerade im europäischen Verbund sind größere Energiesysteme sicherer und effizienter. Tatsächlich geht es um Souveränität und Souveränität bedeutet, Abhängigkeiten zu reduzieren und die eigene Handlungsfähigkeit zu stärken. Genau da müssen wir hin.  

Verändert sich dadurch die Rolle der Energiewirtschaft – vom Versorger im Hintergrund hin zu einer strategischen Infrastrukturbranche?

Baminger: In der öffentlichen Wahrnehmung, in der Präsenz des Themas und auch in der Intensität der Debatte sicherlich ja. Faktisch war die Energiewirtschaft aber schon vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren eine Grundlage für Wohlstand, Lebensqualität und wirtschaftlicher Entwicklung. In diesem Sinn hat sich ihr Stellenwert nicht verändert. Gestiegen ist jedoch das Bewusstsein dafür, dass Versorgungssicherheit und Leistbarkeit keine Selbstverständlichkeiten sind. Darin liegt auch die Chance, die Energietransformation besser zu erklären und dafür breite Unterstützung zu gewinnen.

Wie beurteilen Sie die Versorgungssicherheit für den kommenden Herbst und Winter – auch angesichts der nicht enden wollenden Auseinandersetzung am Golf?

Baminger: Österreich ist für den kommenden Herbst und Winter gut aufgestellt. Die Diversifizierung der europäischen Gasversorgung war ein wichtiger und erfolgreicher Schritt. Gleichzeitig bleibt Gas ein international gehandelter Rohstoff, dessen Preis stark auf geopolitische Erwartungshaltungen reagieren. Aktuell sehen wir weder bei der Versorgungssicherheit noch bei den Strompreisen eine Situation wie 2022. Dennoch bleibt Wachsamkeit geboten. Die Verlängerung der strategischen Gasreserve ist daher richtig. Langfristig stärken vor allem der Ausbau erneuerbarer Erzeugung und höhere heimische Kapazitäten unsere Resilienz und Souveränität. Insgesamt bleibt es ein Fahren auf Sicht.

Michael Baminger, 43, 
ist seit 15. Juni Präsident von Oesterreichs Energie. Der Vorstandssprecher der Salzburg AG ist seit Mitte der 2000er Jahre in der Energiewirtschaft tätig. Von 2015 bis 2019 führte er die ENAMO-Gruppe, einen der größten österreichischen Stromvertriebe. Nach deren Übernahme durch die Energie AG Oberösterreich übernahm er die Geschäftsführung der neu gegrün­deten Energie AG Oberösterreich Vertrieb GmbH. 2023 wechselte er an die Spitze der Salzburg AG. 

Wenn wir in drei Jahren auf Ihre Präsidentschaft zurückblicken: Woran würden Sie messen, ob Ihre Amtszeit erfolgreich war – und welche großen Baustellen müssten bis dahin zumindest sichtbar vorangekommen sein?

Baminger: Erfolgreich war meine Präsidentschaft, wenn die Energiewirtschaft noch stärker als kompetenter Partner und Enabler der Transformation wahrgenommen wird. Vor allem aber müssen wir bei Netzausbau, Erzeugung und Dekarbonisierung sichtbar vorangekommen sein. Das ist keine Aufgabe der Branche allein. Die Energietransformation ist Teamarbeit aller – von E-Wirtschaft, Politik, Unternehmen und Privaten. Wenn es uns gelingt, dieses gemeinsame Verständnis zu stärken und die Umsetzung zu beschleunigen, dann würde ich sagen: Ich war erfolgreich. 

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