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Leuchttürme der Energiewende: Projekt Kühtai

Flexibilität in der Stromerzeugung senkt Kosten. Um die Produktion noch flexibler zu gestalten, wird bis 2026 die Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz ausgebaut.

Mit rund einer Milliarde Euro Investitionsvolumen ist es das derzeit größte Ausbauprojekt des landeseigenen Tiroler Energieversorgers TIWAG: der Ausbau des in den 1980er-Jahren errichteten Pumpspeicherkraftwerks Sellrain-Silz, gelegen etwa 40 Kilometer westlich von Innsbruck. Bei dem „Erweiterungsprojekt Kühtai“ genannten Vorhaben entsteht neben dem Jahresspeicher Finstertal mit seinen 60 Millionen Kubikmetern Nutzinhalt auf etwas geringerer Seehöhe der neue Speicher Kühtai, der rund 31 Millionen Kubikmeter Wasser fassen kann. Zwischen den beiden Becken errichtet die TIWAG einen Druckstollen sowie das Kavernenkraftwerk Kühtai 2. Dieses wird mit zwei reversiblen Pumpturbinen mit einer Nennleistung von je 95 Megawatt ausgestattet. Die Wasserversorgung des neuen Speichers erfolgt über einen Beileitungsstollen mit sechs Wasserfassungen. Aufgestaut wird das Wasser hinter einem 113 Meter hohen Steinschüttdamm. Geplant ist, den Ausbau 2026 abzuschließen.

© TIWAG

Laut Projektleiter Klaus Feistmantlhabe das Projekt einen wesentlichen Vorteil: Die TIWAG verfügt in der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz künftig um etwa 50 Prozent mehr Speichervolumen. Das ermöglicht, die Stromerzeugung noch besser an den Strombedarf anzupassen – nicht nur im Tages- und Wochenzyklus, sondern auch über längere Perioden hinweg. Der Grund: Die generell höhere Produktion aus erneuerbaren Quellen im Sommer erlaubt es, Wasser für das Winterhalbjahr zu speichern. Der Speicher wird damit zu einer „grünen Batterie“ für die kalte Jahreszeit. Die Energie steht also genau dann zur Verfügung, wenn der Strombedarf saisonal bedingt besonders hoch ist. Somit erhöht die TIWAG mit dem Vorhaben die Sicherheit der Versorgung ganz Österreichs mit elektrischer Energie.
 

Mehr Flexibilität

Wichtig dafür ist das Konzept der Kraftwerksgruppe: Um mit dem Wasser aus dem neuen Speicher Kühtai Strom zu erzeugen, muss dieses zuvor in den höher gelegenen Speicher Finstertal gepumpt werden. Erst von diesem aus ist die Turbinierung möglich. Für die Flexibilität der Kraftwerksgruppe entscheidend ist dabei, dass für die Nutzung des Wassers zur Stromerzeugung zwei Möglichkeiten bestehen. Die erste ist, das Wasser über die bestehenden Kraftwerke Kühtai und Silz in den Inn abzuarbeiten. Zweitens aber kann die TIWAG das in den Speicher Finstertal gepumpte Wasser über den Druckstollen und das neue Kraftwerk Kühtai 2 zum Speicher Kühtai zurückführen. Das ermöglicht, erhebliche Wassermengen je nach Bedarf zwischen den Speichern Finstertal und Kühtai beliebig oft hin- und herzupumpen bzw. zu -turbinieren. Die jährliche Stromerzeugung der Gruppe erhöht sich durch den Ausbau um etwa 216 Gigawattstunden (GWh) oder 41 Prozent auf 747 GWh. Zudem benötigt die TIWAG um rund 15 GWh Strom pro Jahr weniger für den Pumpbetrieb.
 

Ausbau im Hochgebirge

Die Bauarbeiten erfolgen im hochalpinen Gelände auf mehr als 2.000 Metern Seehöhe. Zur Sicherung der Baustelle musste die TIWAG Schutznetze gegen Steinschlag mit rund vier Kilometern Gesamtlänge errichten, ebenso wie 22 Lawinensprengmasten. Die Arbeiten unter Tage, insbesondere das Vortreiben der Stollen, erfolgen ganzjährig.

Das Erweiterungsprojekt Kühtai in Zahlen

Genehmigungsantrag: 2009
Genehmigung (Bundesverwaltungsgericht): 2019
Baubeginn: 2020
Inbetriebnahme: 2026
Speichervolumen: Erhöhung um 50 % bzw. 31 Millionen Kubikmeter
Mehrerzeugung an Strom: 216 GWh/Jahr (bisher 531 GWh)
Investition: ca. eine Milliarde Euro
Effekt: weitere Steigerung der Flexibilität der Stromerzeugung sowie der Versorgungssicherheit

Ober Tage sind Arbeiten im Winterhalbjahr nur begrenzt möglich: Temperatu- ren um minus zehn Grad sind nicht selten und unterbinden den klassischen Erdbau. Nach umfangreichen Vorarbeiten im Jahr 2020 begann die TIWAG im April 2021 mit dem eigentlichen Bau.

Zum Jahresende 2021 seien Feistmantl zufolge bereits mehrere Kilometer an Stollen ausgebrochen. Seit kurzem ist der Ausbruch der Kaverne für das Kraftwerk Kühtai 2 im Gang.

Für den Staudamm hob die TIWAG 2021 einen rund 30 Meter tiefen Graben aus und legte die Felsoberfläche frei, um darauf den Dichtkern des Damms zu errichten. Voraussichtlich noch im Frühjahr beginnt das schichtweise Aufschütten des Damms. Ebenfalls im Gang ist der Vortrieb des etwa 25 Kilometer Beileitungsstollens für die Wasserfassung. Dieser wird durchgängig ausgebrochen. „Die Logistik dahinter ist schon etwas Besonderes“, konstatiert Feistmantl.

Im Zuge des Projekts erfolgen umfangreiche Ausgleichs- bzw. Renaturierungsmaßnahmen. Unter anderem wurden Feuchtböden mit darauf lebenden Pflanzengesellschaften (Kleinseggenried) mit rund einem Hektar Gesamtfläche aus dem zukünftigen Speicherbereich entnommen und an geeignete Stellen im Kühtai umgepflanzt. Ferner renaturiert die TIWAG im Oberinntal auf etwa drei Kilometern Länge den Inn, um ihm wieder eine eigendynamische Entwicklung zu ermöglichen. Im Unterinntal wiederum werden die Innauen um rund drei Hektar erweitert.

Fast zehn Jahre nahm das Genehmigungsverfahren für den Ausbau von Sellrain-Silz in Anspruch, eines der längsten in der bisherigen Geschichte der österreichischen Elektrizitätswirtschaft. Zu hoffen sei laut Feistmantl daher, „dass die Politik entsprechend ihrer energiepolitischen Ziele Maßnahmen setzt, um den weiteren Ökostromausbau zu beschleunigen“.

Weiterführenden Informationen

www.erneuerbareplus.at

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