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Klimaforscher Keywan Riahi: Energieversorger leisten Pionierarbeit

Der Grazer Klimaforscher Keywan Riahi über die Pionierleistung der heimischen E-Wirtschaft, schlecht verzinste Klimainvestitionen in Europa – und warum er allen Unkenrufen zum Trotz zuversichtlich ist, dass die Menschheit die schlimmsten Auswirkungen der Klimakrise abwenden können wird.

Keywan Riahi
Keywan Riahi: Der Mathematiker leitet das Energieprogramm des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse und ist seit Jahren einer der führenden Autoren des UNO- Weltklimarates IPCC. © Matthias Heschl

Vor einigen Wochen wurde der neue IPCC-Bericht zur Erderwärmung veröffentlicht, der für ziemliches Aufsehen gesorgt hat. Haben Sie daran direkt mitgearbeitet?

Keywan Riahi: In dem ersten Teil des Berichts der IPCC geht es um Klimaprojektionen – daran war ich nur indirekt beteiligt, weil darin die von uns modellierten Klimaszenarien Verwendung finden. Zwei meiner Kollegen hier in Laxenburg waren daran übrigens sogar federführend beteiligt. Direkter Mitautor bin ich im Teil 3, dem Vermeidungskapitel des IPCC-Berichts, der im März erscheinen wird.

Im Bericht selbst, der jetzt schon für 2030 eine Erderwärmung von 1,5 Grad vorhersagt, wird vermerkt, dass nichts von dem, was man über den Klimawandel weiß, neu ist. Was ist die eigentliche Bedeutung der Veröffentlichung?

Riahi: Wir wissen seit langem sicher, dass der Temperaturwandel in den nächsten Jahrzehnten je nach globaler Reaktion zwischen 1,5 und 5 Grad sein wird. Wo der Bericht einen Quantensprung darstellt, ist das Wissen, wie sich dieser Temperaturwandel in die Häufigkeit und Intensität von Extremereignissen umwandelt. Wir haben viele neue Studien und bessere, neue empirische Daten zu den lokalen und regionalen Auswirkungen auf die Häufigkeit von Extremereignissen. Wir haben ebenso verbesserte Modelle, die aus den globalen Szenarien auch regionale Extremereignisse erarbeiten. Das bedeutet, wir können heute viel besser abschätzen, was die Auswirkungen des Klimawandels auf die Menschen sind.

So entwickeln sich Emissionen und Klima bis 2100

Der Weltklimarat (IPCC) hat 5 narrative Szenarien entwickelt, welche die wichtigsten demographischen,
technologischen, politischen, sozioökonomischen, institutionellen und Lebensstil-Trends im Rahmen dieser sozioökonomischen Entwicklungspfade (Shared Socioeconomic Pathways) beschreiben.

Was die Szenarien beschreiben

SSP1 Diese beiden Szenarien sind am ehesten mit dem Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens vergleichbar, das vorsieht, die Erderwärmung bis 2100 auf unter 2 °C zu begrenzen.

SSP2 Dieses Szenario könnte eintreffen, wenn die aktuellen klimapolitischen Ziele weltweit wie geplant umgesetzt werden.

SSP5 Diese Szenario bildet den klimapolitischen Worst Case. Dabei wird ein weitgehendes Scheitern aller klimapolitischen Ambitionen und ein sehr hohes globales Wachstum auf Basis von fossilen Energieträgern angenommen.

Klar ist: Nichts von dem, was wir derzeit als Klimawandel spüren, wird rückgängig zu machen sein. In einem Interview haben Sie zuletzt gesagt: „Wir können für die Zukunft wählen, ob wir Vermeidungskosten in Kauf nehmen oder weitere Klimaänderungskosten zu zahlen bereit wären.“ Gerade für entwickelte Industrienationen sei eine Umstellung dramatisch günstiger. Warum?

Riahi: Wenn Sie die Emissionsvermeidungskosten verschiedener Regionen vergleichen, schneiden jene Länder, die fossile Energie exportieren, natürlich viel schlechter ab. Wir haben schlicht geringere Stranded Costs – und einen doppelten Gewinn, wenn wir das System vollständig reformieren, weil wir das Geld, das wir für Erdöl und Erdgas ausgeben, anderweitig investieren können. Ein Gewinn, selbst wenn die Wertschöpfungskette der Bereitstellung der lokalen Energie teurer ist. Die Vermeidungskosten in Prozent vom Bruttosozialprodukt sind in Europa halb so hoch wie im globalen Schnitt, im Nahen Osten und Russland doppelt so hoch – und in Afrika, Asien, und Lateinamerika rund am globalen Durchschnitt.

„Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Emissionsvermeidung in Prozent vom Bruttosozialprodukt sind in Europa halb so hoch wie im globalen Schnitt.“ Riahi über die Kosten von Klimawandel­schäden im Vergleich zu Vermeidungskosten.

Was sind denn die Kosten in Prozent vom Bruttosozialprodukt?

Riahi: Da schwanken die Annahmen natürlich aufgrund der Komplexität sehr stark, zwischen ein und bis zu 10 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts. Unter der Annahme, dass wir global kollaborieren und tatsächlich dort Maßnahmen setzen, wo sie global am günstigsten sind, zeigen die einschlägigen Studien einen Mittelwert von 3–4 Prozent GDP-Loss zur Erreichung des 1,5-Grad-Szenarios. Es ist aber klar: Hier geht es nur um die Vermeidungskosten. Die Kosten des Nichtstuns, also die Kosten, die uns durch Klimaänderung ökonomisch entstehen, sind weitaus höher. Und nicht monetär bewertbare Faktoren sind da nicht eingerechnet: Was ist der Wert einer Spezies, die nicht zur Landwirtschaft beiträgt, beispielsweise?

Sie sagen, dass die Maßnahmen dann am effizientesten sind, wenn sie dort vorgenommen werden, wo sie den meisten Nutzen stiften. Das ist eigentlich das Argument der Gegner der höchst ambitionierten Klimaschutzmaßnahmen in Europa. Ein eingesetzter Euro Investition ist in Europa viel schlechter verzinst, als wenn er in Afrika oder Asien investiert wird. Was ist Ihr Gegenargument?

Riahi: Um das Klima global zu stabilisieren, benötigen wir Nullemissionen. Um das zu erreichen, braucht es einen fundamentalen strukturellen Wandel. Man muss in jenen Ländern, in denen Innovationskraft und die Kapazität vorhanden ist, zeigen, dass dieser Wandel durchführbar ist. Erst dann, wenn Lösungen bug-free sind, können sie global umgesetzt werden. Aber es macht natürlich durchaus Sinn, erneuerbare Energien in Afrika auszubauen und sich das als Teil der eigenen Klimaschutzaufwendungen gutschreiben zu lassen.

Elektroauto an Stromtankstelle vor Bürogebäude Elektromobilität
Elektromobilität: Ein neues dienstleistungsorientiertes Mobilitätssystem wird sich nur durchsetzen, wenn es für den Verbraucher mehr Nutzen hat als der eigene Wagen, meint Riahi. © AdbobeStock

Wenn es um die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen geht, scheint Österreich im Vergleich mit anderen EU-Staaten ziemlich im Hintertreffen zu sein. Noch gibt es keine nationale CO2-Bepreisung, auf das Energieeffizienzgesetz wartet die E-Wirtschaft seit langem. Warum ist Österreich so langsam?

Riahi: In vielen Bereichen ist Österreich auch führend, nur nicht bei den Klimamaßnahmen. Im Bereich ökologischer Landwirtschaft, bei den Luftreinhaltegesetzen und der Wasserqualität ist Österreich unter den Weltführern – nur wenn es um die Leistungen in einem treibhausgasneutralen Umfeld geht, passiert da nicht viel. Dafür gibt es einige Gründe: Zum einen starten wir von einem relativ hohen Niveau, etwa im Elektrizitätsbereich. Da leisten wir – auch aufgrund des hohen Wasserkraftanteils – für das Ziel der Klimaneutralität in Europa gerade Pionierarbeit. Aber das größte Potenzial, was zusätzliche Klimamaßnahmen anbelangt, wird national nicht im Stromsektor zu holen sein – das wird im Transport und im Industriesektor passieren müssen. Wir müssen das zweischneidige Schwert scharf schleifen und die Bedarfssysteme so rasch wie möglich elektrifizieren.

„Wir werden niemals vom Auto auf ein schlechteres System umsteigen.“ Riahi über Mobilitätskonzepte der Zukunft.

Österreich hat sich das Ziel gesetzt, bis 2030 nur noch Strom aus nachhaltigen Quellen zu produzieren. Ein Kraftakt, der Netzausbau, Netz­umbau und unzählige große und kleine Projekte mit unheimlich langen Verfahrensdauern beinhaltet. Gerade da hakt es. Viele Experten sagen: Großprojekte wie die Donaukraftwerke, die für die positive Klimabilanz Österreichs verantwortlich sind, wären heute gar nicht umsetzbar. Können partizipative Demokratien große Systemumstellungen, die so schnell gehen müssen, überhaupt stemmen?

Riahi: Absolut. Nur die Zielkonflikte müssen transparent als diese diskutiert werden. Nicht jedes Wasserkraftwerk wird gebaut werden können. Ich glaube, es ist auch gar nicht notwendig, auf eine Produktionsexplosion – also den riesigen Ausbau der Produktionssysteme – hin zu planen. Wir müssen neben der Umstellung im Produktionsbereich auch den Konsum durch Digitalisierung optimieren. Datenflüsse zwischen allen einzelnen Endnutzungsgeräten müssen komplett friktionsfrei sein: Jedes Auto muss wissen, wie viel der Strom kostet, der gerade geladen wird, muss verbunden sein mit öffentlichem Verkehr, der die Frequenz darauf aufbaut, wo die Menschen hinwollen. Dann wird man es schaffen, besseres Service mit einem Bruchteil der derzeitigen Infrastruktur und des derzeitigen Energiebedarfs bereitzustellen.

Kaum eine andere Branche hat das, was Sie für die Zukunft fordern, nämlich Sharing Economy, so stark für die Zukunft gesetzlich geregelt wie die Energiewirtschaft: sogenannte Energiegemeinschaften, also eine Gruppe, die den Strom, den sie erzeugt auch selbst verbraucht. Ist das die Zukunft?

Riahi: Da gibt es ein riesiges Potenzial, etwa durch Kleinproduzenten, die zu gleichwertigen Marktteilnehmern werden. Aber fast genauso wichtig ist es sicherzustellen, dass die großen Unternehmen für ihre Resilienz als Dienstleistung vom Staat unterstützt werden. Ich bin überzeugt, dass in der Zukunft die EVUs mehr Resilienzmanager des Systems als große Stromproduzenten sein werden. In Österreich wahrscheinlich in etwas geringerem Maße als international – dies vor allem wegen des großen Wasserkraftpotenzials. In Ländern, die von einem System kommen, das sehr auf fossile Strombereitstellung setzt, wird das System wohl noch viel radikaler umgebaut werden müssen als hierzulande. Wenn wir Elektrifizierung der Bedarfssysteme schaffen, wird es nicht dazu führen, dass Strom ein schlechteres Geschäft für EVUs wird. Jemand muss sicherstellen, dass Strom zu jedem Zeitpunkt jederzeit gedeckt werden kann. Die Resilienz als Dienstleistung anzubieten, können nur die Großen, es wird nicht immer ökonomisch sein – und genau da muss und wird es auch Unterstützung von der Politik geben.

„Auch wenn Klimamaßnahmen in den Entwicklungsländern günstiger sind, müssen wir hier die Lösungen erfinden und bug-free bekommen, um sie global umsetzen zu können.“ Riahi über das Argument, Klimainvestitionen seien in Europa weniger effizient eingesetzt.

Wenn Sie den CEO eines großen EVU beraten müssten, was würden Sie ihm strategisch raten?

Riahi: Ich würde raten, den Umbau zu einem Resilienzunternehmen vorzunehmen. Es wird auch notwendig sein, viel enger mit der Bedarfsseite zusammenzuarbeiten, um ein optimales Produktions- und Demand-Management betreiben zu können. Hierzu muss die Datenvernetzung der verschiedenen Akteure im Stromsystem forciert werden. Da werden die EVUs eine entscheidende Rolle spielen – und somit entweder ein Teil der Lösung oder des Problems werden. Das ist die strategische Entscheidung.

Ihre Kollegen in der Klimawissenschaft gehen davon aus, dass es gerade in entwickelten Volkswirtschaften durchaus auch Emissionssenker, also als Negativ-Emittenten, geben müssen wird. Sehen Sie Unternehmen der Energiebranche auch in dieser Rolle?

Riahi: Natürlich ist das denkbar. Es gibt ein großes Portfolio von Maßnahmen, mit denen man CO2 aus der Atmosphäre entnehmen kann: Diese reichen von der Aufforstung bis zur Energieerzeugung durch Biomasse, wo CO2 aus dem Rauchgas entnommen wird und wieder in Lagerstätten gepumpt wird; oder etwa Direct CO2 Capture, wo das CO2 direkt aus der Atmosphäre entnommen und gelagert wird. Technologisch wird in diesem Bereich intensiv geforscht und einige Pilotprojekte werden bereits gebaut. Ich persönlich denke, es wird Nischenmärkte geben – wie groß diese werden, wird davon abhängen, wie erfolgreich wir darin sind, die Sektoren zu dekarbonisieren und wie hoch der Preis für den letztlich verbleibenden CO2-Anteil ist, den wir abbauen müssen. Es kann durchaus sein, dass da die Aufforstung reichen wird.

„Im Energiebereich leisten wir für das Ziel der Klimaneutralität in Europa gerade Pionierarbeit.“ Riahi über das 100-Prozent-Ziel der E-Wirtschaft 2030.

Was wird der Energieträger der Zukunft sein?

Riahi: Wasserstoff kann durchaus auch ein Energieträger der Zukunft sein – aber, und ich glaube ich verrate Ihnen da nichts Neues: Strom dürfte sich als der wichtigste Energieträger der Zukunft durchsetzen. Wenn wir unser Transportsystem komplett elek­trifizieren, dann haben wir ein sehr sauberes System.

Das bedeutet, Sie sehen Wasserstoff, also die Brennstoffzelle, im Mobilitätsbereich nicht als Zukunftstechnologie?

Riahi: Wenn Sie mich vor 20 Jahren gefragt hätten, hätte ich gesagt: „Oh doch.“ Damals habe ich sogar ein ziemlich bekanntes Paper zu dem Thema verfasst, das noch immer zitiert wird. Aber mein Verständnis aus der Technologiediffusion sagt mir: Wie stark eine Technologie lernt, hängt maßgeblich davon ab, wie groß die Stückzahl ist. Elektromobilität hat den großen Vorteil, mittlerweile ein Massenprodukt zu sein. Der Preisverfall und die Innova­tionen im Batteriespeicherbereich sind derzeit so stark, dass dieser Vorteil von der Brennstoffzelle vielleicht nicht mehr aufgeholt werden kann.

Was bedeutet das für den Energieträger „grüner“ Wasserstoff? Um für den großen, industriellen Einsatz – etwa zur Stahlproduktion, wo man hunderttausende Tonnen benötigt – zur Verfügung zu stehen, braucht es ja eine Kommerzialisierungsphase …

Riahi: Wasserstoff wird seine Nischenmärkte haben. Wasserstoff kann von jedem Synthesegas erzeugt werden und ist somit auch gut kombinierbar mit CO2-Abscheidung. Er kann auch durch die Elektrolyse aus erneuerbaren Quellen erzeugt werden. Die vielen Erzeugungsmöglichkeiten und die gute Speicherbarkeit sind die Stärke von Wasserstoff. Eine industrielle Verwendung scheint mir daher durchaus sinnvoll und möglich. Im Transportsektor halte ich das jedoch für eher unwahrscheinlich.

Die Umstellung unseres Transportsystems wird wohl ohne Verzicht nicht gehen …

Riahi: Genau das glaube ich eben nicht. Wir werden niemals, um ein Beispiel zu nennen, vom Auto auf ein schlechteres System umsteigen.

Wie kann denn so ein besseres System für Menschen aussehen, die ihren Wagen als Ausdruck persönlicher Freiheit oder Ausdruck individuellen Wohlstands sehen?

Riahi: Das ist die große Herausforderung: Wie können wir ein neues dienstleistungsorientiertes Mobilitätssystem so designen, dass es für den Verbraucher mehr Nutzen hat? Wenn es ein System gibt, das einen von A nach B günstiger und mit einer besseren Mobilitätsqualität befördern würde, ist der Umstieg vom Auto kein Verzicht. Verzichtvermeidung funktioniert nur, indem man ein besseres System schafft. Ein neues Mobilitätssystem ist keinesfalls Straßenbahn für alle.  Zusätzliche Infrastrukturmaßnahmen müssen z. B. ein dichtes Ladenetz zur Verfügung stellen, um bequemes und rasches „Auftanken“ zu ermöglichen.  Langfristig braucht es innovative Lösungen, wie zum Beispiel induktives Aufladen des E-Autos während der Fahrt. Dann würde das E-Auto eindeutig besseren Service bieten. Wenn wir auch eine Sharing-Economy ermöglichen, hätten wir den zusätzlichen Benefit einer höheren Lebensqualität, da wir Flächen, auf denen wir uns heute stauen oder die wir verparken, mit Leben füllen können. Aber ich glaube, wir sind die ersten Schritte dieses Weges schon unterwegs: Die Möglichkeit, in der Stadt autofrei zu leben, führt dazu, dass die Anzahl der Menschen, die keinen Führerschein mehr haben, stark steigt. Und für viele Menschen in Städten ist es – auch wenn die Verkaufszahlen der großen Hersteller noch anderes erzählen – mittlerweile ein wenig peinlich, einen SUV zu fahren…

„Wichtig ist es sicherzustellen, dass die großen Unternehmen der E-Wirtschaft für ihre Resilienz als Dienstleistung vom Staat unterstützt werden.“ Riahi über die Rolle der Energieversorger im Zusammenspiel mit Energiegemeinschaften.

Sehen Sie bei Elektromobilität nicht auch Nachfrageprobleme? Wie man hört, werden etwa in China beispielsweise E-Mobilitätspläne zurückgefahren, weil die Versorgung von ganz China mit entsprechenden Starkstromleitungen zu Kupferengpässen führen würde …

Riahi:(lacht) Der Mining-Sektor ist nicht der innovativste. Wenn wir uns die Historie der Ressourcen anschauen, haben wir letztendlich immer mehr Ressourcen abgebaut als angenommen. Sobald Mineralien oder Rohstoffe wichtig wurden, fanden wir Wege und Innovationen, sie zu schürfen. Möglicherweise wird es zu kurzfristigen Verknappungen kommen – aber wenn man etwas aus der Geschichte des Systemwandels lernen kann, ist es das, dass die Ressource-Constraints nicht den Ausschlag geben, sondern die Innovationskraft und Richtung. Somit ist die Frage eher, welches Material in der Zukunft den Kupfer oder andere knappe Materialien ersetzen kann – das ist aus heutiger Sicht schwer vorherzusehen.

Eine Abschlussfrage: Wenn ich Sie richtig interpretiere, setzen Sie vor allem auf technologische Innovation und Disruption, um den Klimawandel zu bekämpfen – und weniger auf politische Maßnahmen?

Riahi:(lacht) Ich glaube, da interpretieren Sie mich völlig falsch. Ich bin sehr optimistisch, was die technologischen Fähigkeiten und den Werkzeugkasten betrifft, der uns zur Verfügung steht. Und die gute Nachricht: Es gibt viele Alternativen, nicht nur einen richtigen technologischen Weg. Was ich allerdings glaube, ist, dass es weitaus mutigere Politikmaßnahmen braucht als jene, die wir derzeit setzen: Wir haben das in den 60er- und 70er-Jahren gekonnt – und damals das jetzige Energiesystem aufgebaut. Eine entscheidende Frage ist, ob die Politik heute auf ähnliche Weise die Rahmenbedingungen für die neue, verbesserte und klimafreundliche Infrastruktur setzen kann.

Zur Person

Der Grazer Keywan Riahi ist laut Reuters der einflussreichste Klimaforscher der Erde. Im Brotberuf leitet der Mathematiker das Energieprogramm des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse und ist seit Jahren einer der führenden Autoren des UNO-Weltklimarates IPCC. Im August hat der Weltklimarat mit einem aufrüttelnden Bericht über den fortschreitenden Klimawandel, an dem Riahi mit­gearbeitet hat, für Schlagzeilen gesorgt.

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