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Gasversorgung: Neue Rahmenbedingungen

Mit dem Ende des Erdgas-Transits durch die Ukraine hat sich die Versorgungssituation für Österreich diametral geändert. Weder die Stromwirtschaft noch Verbraucher:innen und Industrie müssen Engpässe befürchten, doch das neue Jahr begann mit einigen Unbekannten. Und mit beträchtlicher Preisvolatilität.
 

Es war eine 180-Grad-Wende. Floss bis Jahresanfang Erdgas vor allem aus dem Osten nach Österreich, so hat sich seit dem Transitstopp durch die Ukraine und dem Ausstieg der OMV aus dem Gazprom-Liefervertrag die Situation völlig gedreht. Seit Jahresbeginn kommt Pipelinegas nach Österreich vor allem aus Deutschland, wird aber oft weiter nach Italien transitiert. Österreich selbst versorgt sich derzeit zu einem großen Teil aus den Speichern.

Bis Dezember 2024 kam Pipeline-Gas vor allem über die Ukraine-Leitung nach Österreich.

„Seit Jahresbeginn haben wir eine komplett andere Versorgungssituation“, bestätigt E-Control-Vorstand Alfons Haber. „Die Versorgung ist aber gesichert.“ Anders als in jener Zeit, in der vor allem langfristige Verträge mit Russland die Erdgasversorgung gewährleisteten, kauft Österreich nun Gas auf dem Weltmarkt ein. Der ist einerseits stark geopolitischen Verwerfungen ausgesetzt, andererseits bietet er aber die Möglichkeit, neben längerfristigen Geschäften, auch kurzfristig jene Mengen zu beschaffen, die benötigt werden. 
 

Keine Engpässe

„Allerdings ist der Preis hoch und daher muss eine dementsprechende Zahlungsbereitschaft vorhanden sein, um das Gas auch zu bekommen“, wirft Bernhard Painz, Vorstand der AGGM Austrian Gas Grid Management, ein. Im Februar hat der Gaspreis mit 60 Euro pro MWh einen Höchststand seit zwei Jahren erreicht, fiel dann aber relativ schnell wieder.

Dafür ist Europa aber weitgehend unabhängig von russischen Lieferungen. Über die TurkStream-Pipeline fließt zwar noch immer russisches Gas, doch im Vergleich mit 2024, als der Transit noch über die Ukraine lief, haben sich die Mengen halbiert. Der größte Teil des über die TurkStream-Pipeline gelieferten Gases wird in Ungarn verbraucht, ein kleinerer Teil geht Richtung Slowakei weiter. Der große Rest Europas nutzt kein russisches Pipelinegas mehr. 

Sehr wohl kommt aber noch russisches LNG in die EU, wie Anton Pichler, Energiemarktexperte und Assistenzprofessor am Institut für Transport und Logistik der WU Wien, ausführt: „Allerdings ist die tatsächliche Herkunft des Gases oft schwer zu beurteilen, weil die notwendigen Daten fehlen. Von Frankreich und Belgien weiß man, dass sie größere Mengen an russischem LNG gekauft haben. Das lässt den Schluss zu, dass russisches LNG preislich wahrscheinlich kompetitiv ist.“ 
2024 hat die EU knapp 40 Prozent ihres Erdgasimports über LNG gedeckt, rund 20 Prozent davon waren russisches LNG. Diese Menge, sagen Expertinnen und Experten, darunter auch der E-Control-Vorstand Alfons Haber, könnten zukünftig aber durchaus substituiert werden. 

Prof. DI Dr. Alfons Haber, MBA; Vorstand der E-Control
„Möglicherweise wird es im Sommer einen weiteren Preisdruck geben, wenn die Speicher für das vierte Quartal 2025 und das erste Quartal 2026 aufgefüllt werden müssen.“ Alfons Haber Vorstand E-Control

Es war eine 180-Grad-Wende. Floss bis Jahresanfang Erdgas vor allem aus dem Osten nach Österreich, so hat sich seit dem Transitstopp durch die Ukraine und dem Ausstieg der OMV aus dem Gazprom-Liefervertrag die Situation völlig gedreht. Seit Jahresbeginn kommt Pipelinegas nach Österreich vor allem aus Deutschland, wird aber oft weiter nach Italien transitiert. Österreich selbst versorgt sich derzeit zu einem großen Teil aus den Speichern.

„Seit Jahresbeginn haben wir eine komplett andere Versorgungssituation“, bestätigt E-Control-Vorstand Alfons Haber. „Die Versorgung ist aber gesichert.“ Anders als in jener Zeit, in der vor allem langfristige Verträge mit Russland die Erdgasversorgung gewährleisteten, kauft Österreich nun Gas auf dem Weltmarkt ein. Der ist einerseits stark geopolitischen Verwerfungen ausgesetzt, andererseits bietet er aber die Möglichkeit, neben längerfristigen Geschäften, auch kurzfristig jene Mengen zu beschaffen, die benötigt werden. 
 

Keine Engpässe

„Allerdings ist der Preis hoch und daher muss eine dementsprechende Zahlungsbereitschaft vorhanden sein, um das Gas auch zu bekommen“, wirft Bernhard Painz, Vorstand der AGGM Austrian Gas Grid Management, ein. Im Februar hat der Gaspreis mit 60 Euro pro MWh einen Höchststand seit zwei Jahren erreicht, fiel dann aber relativ schnell wieder.

Dafür ist Europa aber weitgehend unabhängig von russischen Lieferungen. Über die TurkStream-Pipeline fließt zwar noch immer russisches Gas, doch im Vergleich mit 2024, als der Transit noch über die Ukraine lief, haben sich die Mengen halbiert. Der größte Teil des über die TurkStream-Pipeline gelieferten Gases wird in Ungarn verbraucht, ein kleinerer Teil geht Richtung Slowakei weiter. Der große Rest Europas nutzt kein russisches Pipelinegas mehr. 

„Russisches LNG kommt noch in die EU. Von Frankreich und Belgien weiß man, dass sie größere Mengen an russischem LNG gekauft haben.“ Anton Pichler Energiemarktexperte und Assistenzprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien

Sehr wohl kommt aber noch russisches LNG in die EU, wie Anton Pichler, Energiemarktexperte und Assistenzprofessor am Institut für Transport und Logistik der WU Wien, ausführt: „Allerdings ist die tatsächliche Herkunft des Gases oft schwer zu beurteilen, weil die notwendigen Daten fehlen. Von Frankreich und Belgien weiß man, dass sie größere Mengen an russischem LNG gekauft haben. Das lässt den Schluss zu, dass russisches LNG preislich wahrscheinlich kompetitiv ist.“ 
2024 hat die EU knapp 40 Prozent ihres Erdgasimports über LNG gedeckt, rund 20 Prozent davon waren russisches LNG. Diese Menge, sagen Expertinnen und Experten, darunter auch der E-Control-Vorstand Alfons Haber, könnten zukünftig aber durchaus substituiert werden. 

Dazu kommt: Mittel- und langfristig ist zwar nach wie vor zu erwarten, dass die Nachfrage nach Gas als Folge der Dekarbonisierungs-Bemühungen europaweit sinkt, in näherer Zukunft könnte aber eher das Gegenteil eintreten. Wenn Deutschland in den nächsten Jahren wie geplant weiter aus der Kohleverstromung aussteigt, wird es dementsprechend mehr Gas als Reserve zur etwaigen Netzstützung benötigen. „Die Planungen in Deutschland gehen von rund 20 GW zusätzlicher Gaskraftwerkskapazität aus“, benennt AGGM-Chef Bernhard Painz die Größenordnung. 

Bernhard Painz, Vorstand der Austrian Gas Grid Management
„Aktuell muss eine dementsprechende Zahlungsbereitschaft vorhanden sein, um das am Markt vorhandene Gas auch zu bekommen.“ Bernhard Painz Vorstand Austrian Gas Grid Management

Zukunft des Ukraine-Transits

Wie sich die Preissituation entwickeln wird, hängt auch von der zukünftigen Nutzung oder eben Nichtnutzung der Ukraine-Pipeline ab. Von Seiten der Slowakei gibt es Bemühungen, eine Aufhebung des Transitstopps zu erreichen. Offen ist freilich, ob diese Bemühungen erfolgreich sein können und um welche Mengen es sich dann handeln würde. „Russland importiert auch Gas aus Kasachstan und Aserbaidschan. Man könnte also bei bestimmten Mengen von russischem Gas dieses Gas als nichtrussisch betrachten, was der Ukraine erleichtern würde, den Transitstopp aufzuheben“, erklärt Painz eine der Varianten, die ventiliert werden. „Solche Lösungen sind denkbar“, fügt er an. „Ob sie auch tatsächlich machbar sind, ist eine andere Frage.“ 

Zumindest ein Element, das entlastend wirken wird, ist fix: Deutschland hat mit 1. Jänner 2025 die Speicherumlage für Gas, das nach Österreich geleitet wird, aufgehoben. Seit Oktober 2022 hat Österreich rund 60 Millionen Euro an Deutschland für die Speicherumlage bezahlt. Der österreichische Standpunkt war immer, dass diese Umlage gegen europäisches Recht verstößt. 

Stefan Wagenhofer, Vorstand Gas Connect Austria
„Ein Weg, der die Speicher­entnahmen eindämmen kann, wäre es, die Speichertarife nicht bevorzugt nieder zu halten.“ Stefan Wagenhofer Geschäftsführer Gas Connect Austria

Mit der Zäsur am 1. Jänner ändert sich auch die Situation bei der Wiederbefüllung der Speicher. Klar ist, dass der Einspeicherbedarf im kommenden Sommer groß sein wird. „Bleiben die Speicherentnahmen weiter auf dem Niveau von Dezember und Jänner, wird er bis Ende März bei rund 70 Prozent des Füllstands zu Winterbeginn liegen“, sagt Stefan Wagenhofer, der Vorstand der Gas Connect Austria. Zugleich zeigen die Rechenmodelle der E-Control, dass die Befüllbarkeit auf jeden Fall gegeben ist – auch beim Szenario eines kalten Winters und weiter ausbleibender Gaslieferungen über die Ukraine. 
 

Speicherbefüllung

„Die Herausforderungen bei der Wiederbefüllung zeigen, wie wichtig die Entscheidung für den WAG-Loop war und wie wichtig es ist, weiterhin die Leitungskapazitäten für den Transport von Erdgas aus dem Westen auszubauen“, betont Stefan Wagenhofer. Und verdeutlicht diese Aussagen in einem konkreten Szenario: „Wenn es darum gehen wird, die slowakischen und tschechischen Speicher nach dem Winter wieder aufzufüllen, wird das mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem beträchtlichen Teil über Deutschland und dann über Österreich erfolgen. Bei zu klein dimensionierten Leitungen hätte Österreich womöglich das Problem, nicht genug Kapazitäten für die Auffüllung der eigenen Speicher zu haben, zumal über Österreich auch immer wieder Gas nach Italien transitiert wird.“ 

Auch auf den Gaspreis, führt Wagenhofer aus, haben ausreichende Leitungskapazitäten einen dämpfenden Einfluss: „Je größer die Kapazität, desto mehr Erdgas kann in einen bestimmten Markt kommen und das senkt üblicherweise den Preis. Oder anders formuliert: Wenn Leitungskapazitäten knapp sind, ist es für Gasverkäufer leichter, den Preis in die Höhe zu treiben.“ 

„Eine Engpasssituation ist bei einem Ausfall der TurkStream-Pipeline jedenfalls erwartbar.“ Johannes Benigni Energieexperte und Geschäftsführer von JBC Vienna

Weitere Optimierungsmöglichkeiten in der Gasversorgung sieht der Gas-Connect-Chef in der Speicherbepreisung. Denn die aktuell starken Entnahmen, die die Kosten für das Wiederauffüllen im Sommer hochtreiben, liegen auch daran, dass der Transport von Speichergas günstiger ist als der Transport über Grenzübergangsstellen: „Ein Weg, der die Speicherentnahmen eindämmen kann“, sagt Wagenhofer, „wäre es, die Speichertarife nicht bevorzugt nieder zu halten. Sinnvoll wäre es, auch stärker als bislang Biogas ins Netz zu bringen. In Dänemark werden an die 40 Prozent des Gasbedarfs mit Biogas gedeckt.“

Ein kleiner Tanker auf der Reede bunkert einen großen LNG-Tanker.
© AdobeStock/CassiOpeiaZz

Transitstopp: Was sich geändert hat

Bis Dezember 2024 kam Pipeline-Gas vor allem über die Ukraine-Leitung, nach Österreich. Derzeit dominieren Speicherentnahmen.

Der Gaspreis bewegt sich zwischen 45 und 60 Euro pro MWh. Die Versorgung gilt als gesichert.

Aufgrund der starken Speicherentnahmen wird das Wiederbefüllen der Speicher im Sommer teurer als im Vorjahr.

Russisches Pipeline-Gas kommt in die EU noch über die TurkStream-Pipeline. Den Großteil davon nutzt Ungarn, ein kleiner Teil wird in die Slowakei weitergeleitet.

2024 deckte Europa rund 40 Prozent seines Erdgasbedarfs über LNG ab. 20 Prozent kamen aus Russland. Sollte auch russisches LNG-Gas ausfallen, gelten die Mengen als substituierbar.

Österreich kauft sein Erdgas nun am Weltmarkt ein und muss daher als Bieter mit anderen, etwa asiatischen, Käufern konkurrieren.

Mittel- und langfristig rechnen Marktteilnehmer mit einer sinkenden Erdgasnachfrage in Europa. Kurzfristig könnte sie aber steigen. Allein der deutsche Ausstieg aus der Kohleverstromung wird einen zusätzlichen Bedarf von 20 GW Gaskraftwerkskapazität erzeugen.
 

Geopolitische Unwägbarkeiten

Bislang hat Österreich die neue Situation in der Gasversorgung gut managen können. Das zeigt auch die Tatsache, dass der Preis nach dem Stopp des Ukraine-Transits stabil geblieben ist. Zu meinen, dass nun alles in trockenen Tüchern sei, könnte allerdings allzu optimistisch sein. Diese Ansicht vertritt jedenfalls Johannes Benigni, Direktor für Energie und Politik beim Consultingunternehmen JBC Vienna: „Die Bevorratung bis 1. November 2025 wird sicher herausfordernd, zumal geopolitische Änderungen nicht leicht vorhersehbar sind, aber die Angebotsmengen bei Erdgas stark beeinflussen.“ 

Er zeichnet ein Szenario, bei dem es trotz aller bisherigen Vorbereitungen zu Schwierigkeiten kommen könnte: „Eine Engpasssituation ist bei einem Ausfall der Turk- Stream-Pipeline jedenfalls erwartbar, die vor allem Ungarn und neuerdings auch die Slowakei versorgt. Fällt diese Pipeline aus, müssten Ungarn und weite Teile Mitteleuropas auch über Österreich versorgt werden. Zudem könnten ein anhaltender Boykott russischer Erdgaslieferungen und eine verstärkte Gasnachfrage in Mitteleuropa und der Ukraine preistreibend sein.“ 

Einen weiteren möglichen Knackpunkt sieht Benigni in der EU-Lieferkettenrichtlinie, die sukzessive ab Juli 2027 in Kraft treten soll. Es gelte zu verhindern, betont er, dass Flüssiggaslieferanten aufgrund der Richtlinie bereits jetzt LNG-Lieferungen in die EU einstellen beziehungsweise andere, asiatische, Märkte bevorzugen. 

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