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Europas Energie-Nervenprobe

Geopolitische Verwerfungen bestimmen die Energiemärkte derzeit so stark wie schon lange nicht mehr. Welche Folgen der Konflikt am Golf für die Versorgungssicherheit in Österreich hat, wo das Land krisenfest ist und wo Verbesserungsbedarf besteht.

Luftaufnahme: Viele Frachtschiffe im Ozean zeigen den regen globalen Handel und maritime Lieferketten.
Energieimporte passieren zentrale Seewege mit hoher strategischer Bedeutung.

Würde man einen Beleg dafür brauchen, dass der Iran-Krieg für extreme Volatilität auf den Energiemärkten sorgte, der 9. März wäre ein idealer Kandidat. Der Brent-Ölpreis sprang in den frühen Morgenstunden dieses Tages auf ein Hoch von 119,50 Dollar pro Barrel, fiel aber am Nachmittag auf 89,20.

Nicht minder ungewöhnlich wie der Riesenrutsch innerhalb weniger Stunden war auch sein Auslöser. In einem Telefongespräch mit der CBS-Korrespondentin Weijia Jiang sagte US-Präsident Donald Trump: „Der Krieg ist fast komplett abgeschlossen, ziemlich.“ 

Am Folgetag notierte Brent zeitweise noch tiefer und der unmittelbare Grund war noch skurriler als am Vortag. Als US-Energieminister Chris Wright auf X schrieb, die US Navy habe erfolgreich einen Öltanker durch die Straße von Hormus eskortiert, interpretierte der Markt das als weiteres Entspannungszeichen. Wenige Minuten später löschte Wright den Beitrag, das Weiße Haus stellte klar, dass es keine solche Eskorte gab. Der Ölpreis stieg wieder in lichte Höhen.

Was ist Realität, was Fantasie? 

„In der aktuellen Lage“, kommentierte im Anschluss das Wall Street Journal, „ist es nur noch schwer zu unterscheiden, was Fantasie und was Realität ist.“ Dementsprechend wisse man auch nicht, welche konkreten Schlüsse man aus den einzelnen Ereignissen ziehen könne. Aus der Distanz betrachtet und vom unmittelbaren Tagesgeschehen losgelöst, lassen sich aus den letzten Wochen aber doch viele Schlussfolgerungen ziehen, nicht nur für die USA, sondern gerade für Europa und auch für Österreich. 

Alfons Haber, E-Control Vorstand
„Auch unter Berücksichtigung der möglichen Entwicklungen in den nächsten Monaten kann die Versorgungssicherheit aktuell als sehr gut bewertet werden.“ Alfons Haber E-Control Vorstand

Zunächst hat der Iran-Krieg einmal mehr vor Augen geführt, wie schnell Europa wegen seiner Abhängigkeit von Gas von geopolitischen Krisen betroffen sein kann. „Derzeit spüren die Verbraucher vor allem Steigerungen bei Produkten wie Benzin, Diesel oder Flugtreibstoff. Doch je länger die Krise dauert, desto mehr schlägt das auch auf andere Produkte durch. Bei Strom könnte sich der steigende Erdgaspreis vor allem in Zeiten der Dunkelflaute preistreibend auswirken“, sagt Johannes Benigni, Director Energy & Politics beim Energieberatungsunternehmen JBC Vienna. Von rund 30 Euro für die Megawattstunde stiegen die Gaspreise am Spot-Mark mit Kriegsbeginn bis auf zeitweise fast 60 Euro. 

Stabiles Österreich

Der Strompreis in Österreich, das betont E-Control-Vorstand Alfons Haber, ist in den ersten Wochen nach Kriegsbeginn im Schnitt dennoch stabil geblieben. Das liegt zum einen daran, dass mit dem Beginn der warmen Jahreszeit die Perioden, in denen Gaskraftwerke ans Netz müssen, immer seltener werden. Zum Teil gab es in Österreich bereits im März negative Strompreise. Zum anderen sind viele Verbraucher durch langfristige Lieferverträge vor abrupten Preissprüngen geschützt. Diesen Punkt sieht Haber als sehr wichtig an. Er bemerkt auch, dass Kundinnen und Kunden davon verstärkt Gebrauch machen. „Auf dem Tarifkalkulator der E-Control haben wir seit dem Beginn des Iran-Kriegs deutlich mehr Anfragen registriert. Verbraucher wollen offensichtlich ihre Energieversorgung durch die Suche nach einem optimalen Tarif absichern.“

Was durchaus Sinn macht. Denn in den nächsten Monaten dürften neben den Folgen des Irankriegs auch andere Faktoren den Wettbewerb um Leitungs- und Transportkapazitäten für Erdgas erhöhen und so auch auf den Strompreis treibend wirken. 

Kampf um Transportkapazitäten

Ein Punkt, der Österreich in diesem Kontext speziell vor Herausforderungen stellt, ist die Zukunft der Turk-Stream-Pipeline. Spätestens ab November 2027 darf nach EU-Vorgaben kein russisches Erdgas über die Turk-Stream-Pipeline fließen, über die derzeit neben Ungarn und der Slowakei auch Staaten am Balkan und die Ukraine versorgt werden. „Vor allem, wenn die Kriegshandlungen in der Ukraine enden, der Wiederaufbau beginnt und Turk Stream als Lieferweg nicht mehr zur Verfügung steht, wird der Wettbewerb um die Kapazitäten noch einmal steigen und damit auch die Preise“, analysiert Johannes Benigni. 

Johannes Benigni, Director Energy & Politics, JBC Vienna
„Bei Strom könnte sich der steigende Erdgaspreis vor allem in Zeiten der Dunkelflaute preistreibend auswirken.“ Johannes Benigni Director Energy & Politics, JBC Vienna

Er macht aber auch– und da findet er sich im Einklang mit vielen anderen Beobachtern aus der Branche – auf einen anderen Punkt aufmerksam, der langfristig für das Funktionieren des Erdgasmarkts nachteilig ist: das derzeitige europäische Modell der verpflichtenden Speicherbefüllung. „Dass es eine Reserve braucht, ist klar. Die Art, wie sie aufgebaut wird, wirkt aber sehr stark marktverzerrend. Normalerweise kaufen Versorger Gas im Sommer günstig ein und verkaufen es im Winter teurer. Wenn aber regulatorisch erzwungene Nachfrage die Preise im Sommer hochhält, lohnt sich Einlagern über das vorgeschrieben Füllniveau hinaus kaum. Dementsprechend lagen die Füllstände in Europa letztes Jahr um rund zehn Prozent tiefer als im Jahr davor. In den nächsten Winter wird Europa wahrscheinlich ebenfalls mit nicht so hohen Lagerbeständen gehen.“

Versorgungssicherheit gewährleistet

E-Control Vorstand Alfons Haber betont allerdings, dass in Österreich die Versorgungssicherheit gewährleistet ist. „Auch unter Berücksichtigung der möglichen Entwicklungen in den nächsten Monaten kann sie aktuell als sehr gut bewertet werden“, betont er. Denn zum einen hat Österreich seit 2022 seine Bezugsquellen massiv diversifiziert, zum anderen sieht das Gaswirtschaftsgesetz nach wie vor die Vorhaltung einer Strategischen Gasreserve in der Höhe von 20 TWh vor. Zusammen mit anderen Verpflichtungen, wie dem einzuhaltenden Versorgungsstandard für Haushalte, existiert somit ein Kernbestand an geschützten Mengen, die aktuell fast 39 Prozent des gesamtösterreichischen Jahresverbrauchs abdecken. 

Und schließlich konnten sich die österreichischen Energieversorger noch bis in das aktuelle Jahr hinein ihre Erdgaslieferungen für den kommenden Winter über Terminkontrakte gut absichern. Der durchschnittliche Erdgaspreis für Lieferungen im Jahr 2026 lag, so ist etwa im Geschäftsbericht 2024/25 der Energie AG nachzulesen, im Berichtszeitraum bei 37,32 Euro pro MWh. Das ist deutlich unter dem seit dem Irankrieg erreichten Level.

Neue Speicherbewirtschaftung

Aus all diesen Gründen wird Österreich in den Winter 2026/27 trotz komplizierter geopolitischer Lage mit guten Voraussetzungen hineingehen. Johannes Benigni findet dennoch, dass das aktuelle europäische System der Erdgasbevorratung verbesserungsbedürftig ist. Neben der von ihm kritisierten Wettbewerbsverzerrung führt er auch ins Treffen, dass die Fokussierung auf Speicherstände eine falsche Sicherheit vortäuschen kann. So standen zum Beispiel mit Stichtag 31. Dezember 2024 nur 57 Prozent der in österreichischen Speichern eingelagerten Mengen tatsächlich österreichischen Kundinnen und Kunden zur Verfügung.

Benigni plädiert auch dafür, ab 2030 die Bereitstellung der Energiereserven nicht dem Staat zu überlassen, sondern, ähnlich wie bei Erdöl, den Versorgern. Bis 2030 sollten nämlich die Unsicherheiten bezüglich der Turk-Stream-Volumen geklärt sein. „Derzeit belastet der Aufbau der Reserven den Staat mit rund 100 Millionen Euro pro Jahr und verzerrt außerdem den Markt. Würde man hingegen die Versorger damit beauftragen Vorräte vorzuhalten, die es erlauben, ihre Kunden über eine bestimmte Zeit zu beliefern, wäre das ökonomisch sauberer. Den Preis für die Bevorratung würden dann die Kunden zahlen, die das Gas auch tatsächlich verbrauchen und nicht die Allgemeinheit.“ Zudem würde sich die Bevorratung dann nicht wie derzeit an Ländern, die Quoten erfüllen müssen, richten, sondern an den Unternehmen und ihren Kundinnen und Kunden.

Wie sehr ein solches Modell in der Branche auf Zustimmung stößt, hängt freilich von seiner konkreten Ausgestaltung ab – insbesondere davon, ob zusätzlicher Aufwand und Kosten durch klare Regeln und eine faire Verteilung der Verantwortung im Markt begrenzt bleiben.

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