Entscheidend ist, dass Innovation im Energiesystem ankommt
Michael Marketz, Vorsitzender des Ausschusses Forschung und Innovation bei Oesterreichs Energie, spricht über Versorgungssicherheit, Digitalisierung und die Transformation des Energiesystems.
Forschung und Innovation ist in der E-Wirtschaft längst kein Nebenthema mehr. Was bedeutet das heute für die Branche ganz konkret?
MICHAEL MARKETZ: Energieforschung hat innerhalb der österreichischen E-Wirtschaft eine lange Tradition. Im Mittelpunkt standen dabei immer anwendungsorientierte Lösungen für konkrete Herausforderungen der Branche. Heute und in den kommenden Jahren wird Forschung und Innovation vor allem von der Transformation unseres Ener-giesystems hin zu erneuerbaren Energien geprägt. Es geht darum, Versorgungssicherheit, Resilienz und Leistbarkeit auch unter veränderten Rahmenbedingungen sicherzustellen. Forschung und Innovation sind dabei eine wesentliche Voraussetzung, um Fortschritt, Nachhaltigkeit und Wett bewerbsfähigkeit miteinander zu verbinden.
Woran merkt man, dass Innovation in der Energiewirtschaft nicht nur diskutiert, sondern tatsächlich wirksam wird?
Wirksam wird Innovation dort, wo aus Forschung konkrete Lösungen für Netze, Prozesse und Kundenschnittstellen entstehen. Das zeigt sich im Nutzen von Projekten, die Unternehmen der Branche gemeinsam mit Universitäten, Forschungsinstitutionen, Bildungseinrichtungen oder Industriepartnern umsetzen. Solche Vorhaben verbessern Prozesse, unterstützen Betriebs- und Ausbaustrategien, ermöglichen Effizienzsteigerungen und bereiten den Einsatz neuer Technologien unter realen Markt- und Regulierungsbedingungen vor. Ein Beispiel aus unserem Unternehmen Kärnten Netz ist ein Projekt, in dem Zukunftsthemen wie Netzentwicklung, Systemführung und Flexibilitätsmanagement gemeinsam mit Siemens bearbeitet werden. Genau daran sieht man, dass Innovation in der Praxis ankommt.
Welche Rolle kann Oesterreichs Energie dabei spielen, gute Ideen schneller in die Umsetzung zu bringen?
Oesterreichs Energie kann vor allem dort Wirkung entfalten, wo Themen gebündelt und Erfahrungen zusammengeführt werden. Der Austausch zwischen Expertinnen und Experten aus den Unternehmen hilft dabei, Fragestellungen früher zu erkennen, voneinander zu lernen und Projekte mit breiter Relevanz auf den Weg zu bringen. Wenn Know-how, Erfahrungen und Ressourcen zusammenkommen, lassen sich Innovationen schneller und praxisnäher umsetzen.
Warum ist Forschung und Innovation gerade in einer so stark regulierten und sicherheitskritischen Branche besonders anspruchsvoll?
Forschung und Innovation sind in unserer Branche besonders anspruchsvoll, weil Veränderungen nie isoliert betrachtet werden können. Neue Lösungen müssen nicht nur technisch funktionieren, sondern auch regulatorische Anforderungen erfüllen, sicher in bestehende Systeme integrierbar sein und sich im realen Betrieb bewähren. Die Themen reichen von Klimaschutz und Energieeffizienz über Regulierungs- und Assetmanagement bis hin zu Mobilitätslösungen, Netzdesign, Datenaustausch und Datensicherheit. Aktuell stehen insbesondere Speicherlösungen, Flexibilitäten, Energiegemeinschaften, der Aufbau einer Wasserstoff-Infrastruktur sowie Fragen der künstlichen Intelligenz im Fokus. Über all dem steht ein Thema, das uns ständig begleitet: die Versorgungssicherheit.
Wo liegen aktuell die größten Chancen, mit Innovation echten Mehrwert für Unternehmen, System und Kundinnen und Kunden zu schaffen?
Die Chancen liegen auf mehreren Ebenen. Für Unternehmen und das Gesamtsystem geht es darum, Prozesse effizienter zu machen, Ressourcen gezielter einzusetzen und die steigende Komplexität des Energiesystems besser beherrschbar zu machen. Neue Methoden wie statistische Optimierungsverfahren oder der gezielte Einsatz von künstlicher Intelligenz eröffnen dafür große Möglichkeiten. Gleichzeitig braucht es im Austausch mit Kund:innen die Weiter- und Neuentwicklung digitaler Services, um Abläufe einfacher, transparenter und nutzerfreundlicher zu gestalten. Der eigentliche Mehrwert entsteht dort, wo Digitalisierung und Innovation zusammenwirken und aus digitalen Anwendungen intelligente Systeme werden.
Welche Bedeutung hat Zusammenarbeit für Innovation – zwischen Unternehmen, Verbänden, Technologiepartnern und Wissenschaft?
Zusammenarbeit ist ein zentraler Erfolgsfaktor für Innovation, weil die Herausforderungen in der Energiewirtschaft zu komplex sind, um sie isoliert zu lösen. Gerade dort, wo technische, regulatorische und wirtschaftliche Fragen zusammenkommen, braucht es unterschiedliche Perspektiven und Kompetenzen. Der strukturierte Austausch zwischen Unternehmen, Verbänden, Technologiepartnern und wissenschaftlichen Einrichtungen schafft die Grundlage für tragfähige und praxisnahe Lösungen. Der seit 1991 bestehende Ausschuss leistet dazu einen wichtigen Beitrag, weil er einen bewährten Rahmen bietet, in dem Vertreterinnen und Vertreter der österreichischen Energiewirtschaft Know-how bündeln, Erfahrungen austauschen und gemeinsame Vorhaben initiieren können.
Wenn Sie auf 2030 blicken: Woran wird man erkennen, dass die E-Wirtschaft die richtigen Forschungs- und Innovationsschwerpunkte gesetzt hat?
Man wird es daran erkennen, ob es gelungen ist, die wachsende Komplexität unseres Energiesystems in ein stabiles, sicheres und leistbares Gesamtsystem zu übersetzen. Entscheidend wird sein, ob erneuerbare Energien, neue Verbraucher, Speicher, Flexibilitäten und digitale Lösungen sinnvoll integriert wurden. Wenn intelligente Netze, datenbasierte Anwendungen und smarte Services dazu beitragen, Versorgungssicherheit und Klimaziele gleichermaßen zu unterstützen, dann wurden die richtigen Schwerpunkte gesetzt. Der Erfolg im Jahr 2030 wird daran messbar sein, ob Forschung und Innovation einen konkreten Beitrag zur Energiezukunft, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit der E-Wirtschaft geleistet haben.



