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Schrauben am Strommarktdesign

Jedes Mal, wenn der Energiemarkt volatil wird, hebt die Diskussion um die Merit Order an – das, wie viele glauben, sehr spezifische Instrument der Preisbildung in der Stromwirtschaft. 

Lion Hirth: Es ist überhaupt nicht spezifisch. Es reicht, ein x-beliebiges Ökonomie-Lehrbuch aufzuschlagen, um zu merken: Die Merit Order ist in sehr vielen Märkten der normale Preisbildungsmechanismus, in wettbewerblichen Commodity-Märkten wie Erdöl, Erdgas, Bananen oder Kaffeebohnen, aber im Grunde auch bei allen anderen Gütern, bei denen Anbieter gleiche oder weitgehend vergleichbare Leistungen anbieten und der Preis durch die Grenzkosten des zuletzt noch benötigten Angebots bestimmt wird. 

December 2022, Berlin, Hertie School, Prof. Dr. Lion Hirth is Professor of Energy Policy at the Hertie School. His research interests lie in the economics of wind and solar power, energy policy instruments and electricity market design, as well as open data and open-source modelling. Lion is also Research Fellow at the Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), Director of the consulting firm Neon, and Secretary of Strommarkttreffen, a network of energy professionals. His academic publications on the market value of wind energy and on the integration of renewable energy into power systems have won several awards. He holds a PhD in Energy Economics, and Diploma in Economics, and a Magister in Political Science.

„Wer sagt, er will die Merit Order abschaffen, will staatlich in den funktionierenden freien Wettbewerb eingreifen.“

Lion Hirth Professor für Energiepolitik an der Hertie School in Berlin und Geschäftsführer des Energieberatungsunternehmens Neon

Bei Strom erleben viele Kundinnen und Kunden das Merit Order Prinzip trotzdem als etwas von der Politik Aufge­zwungenes, das den Strom unnötig teuer macht.

Hirth: Das ist eine weit verbreitete Fehlannahme. Die Merit Order ist nicht mehr und nicht weniger als ein Modell, das beschreibt, wie sich unabhängige Unternehmen in freien Märkten verhalten. Wenn jemand sagt, er möchte die Merit Order abschaffen, dann sagt er in Wirklichkeit nichts anderes als: Er möchte in den funktionierenden freien Wettbewerb auf dem Strommarkt staatlich eingreifen. In der Diskussion um den Strompreis wird oft so getan, als hätten wir unendlich viele Preisbildungsmechanismen, aus denen wir nach Gusto auswählen können. Das ist aber vollkommener Quatsch. Der nach Grenzkosten gebildete Preis, den die Merit Order beschreibt, ist nicht eine beliebige Zahl unter vielen Alternativen, sondern der einzige Gleichgewichtspreis im wettbewerblichen Strommarkt. Alle anderen Preise – Preise, die man nach unten drückt oder nach oben zieht – verlangen staatlichen Zwang und Rationierung.  

Trotzdem fordern nicht nur erklärte Anhänger einer Planwirtschaft in Krisenzeiten Markteingriffe, um den Strompreis zu stabilisieren.

Hirth: Ja, weil sie ihre Vorschläge nicht fertig denken. Zum Beispiel haben 2022 viele gesagt, die schönen französischen Atomkraftwerke, die sollen doch mal ihren Strom zu variablen Kosten verkaufen. Das wären dann so um die zehn Euro pro Megawattstunde. Dann stellt sich aber die Frage, wer soll diesen Strom bekommen. Es gibt ja für diesen günstigen Strom viel mehr Nachfrage als Angebot. Und dann muss man rationieren, staatlich bestimmen, wer zum Zug kommt und wer nicht. 

Der Einwand, Energieunternehmen würden gerade in der Krise große Gewinne machen, dann könnten sie zumindest einen Teil davon abgeben, überzeugt Sie nicht?

Hirth: Diese Vorstellung von Übergewinnen und Windfall-Profits kommt doch nur daher, weil man irgendwelche Grafiken nimmt, die Riesengewinne suggerieren und nicht dazu sagt, dass in der Merit Order gar keine Investitionsbeiträge abgebildet sind. Die vermeintlichen Windfall-Profits sind Deckungsbeiträge, die die Energieunternehmen dringend brauchen, um Fixkosten zu decken. Nur um die Größenordnung zu verdeutlichen: Das französische Atomkraftwerk in Flamanville, das jetzt endlich in Betrieb geht, war so teuer, dass es vier Millionen Euro jeden Tag verdienen muss, um allein die Baukosten wieder hereinzubekommen. Und das 60 Jahre lang. Andere Energieformen sind in der Errichtung zwar nicht so teuer, müssen sich aber dennoch auch refinanzieren.

Und das iberische Modell, das Spanien und Portugal während der Energiekrise von Mitte 2022 bis Ende 2023 erfolgreich verwendet hat. Könnte das nicht ein Weg sein, um Märkte sinnvoll zu regulieren?

Hirth: Das iberische Modell war eine Intervention auf dem Strommarkt, die von der Mechanik her funktioniert hat, das stimmt. Als erfolgreich oder gar richtungsweisend würde ich es aber nicht bezeichnen. Denn was passiert in so einem Modell? Der erste Schritt ist, man subventioniert Gaskraftwerke. Die haben dann geringere variable Kosten, bieten niedriger auf dem Großhandelsmarkt an und deswegen stellt sich immer, wenn diese Kraftwerke den Preis setzen, ein tieferer Preis ein. Der zweite Schritt ist allerdings, dass sich der Staat die Subventionskosten durch eine Steuer auf Stromverbrauch wieder reinholt. Das heißt, die Endkundinnen und Endkunden zahlen dann nicht den Großhandelspreis, sondern den Großhandelspreis plus diese neue Steuer, plus alle anderen Umlagen und Steuern, die es eh schon gibt. Dann ist es ein geschlossenes System, das am Ende für den Staat keine Zusatzausgaben bedeutet, die Kundinnen und Kunden aber auch nicht real entlastet.

Gut, ein letzter Versuch: Entkoppeln wir doch die Preise für Strom aus Erneuerbaren und aus Erdgas von­einander. In beiden Märkten kann dann immer noch die Merit Order gelten, aber eben unabhängig.

Hirth: Dieser Vorschlag, Market Split genannt, hat in Brüssel – leider – tatsächlich Anhänger. Ursprünglich als das griechische Modell bezeichnet, könnte er am Ende sogar als das österreichische Modell in die Geschichte eingehen, denn Bundeskanzler Stocker hat ja unlängst auch Sympathien in diese Richtung erkennen lassen. Die Market-Split-Idee ist schon einige Jahre alt und stammt von einem griechischen Professor für Computersimulationen, nicht von einem Energieökonomen. Die Vorstellung ist, dass man einen Markt für Erneuerbare Energie und einen zweiten Markt für konventionelle Energie schafft und der Strom dann günstiger wird, weil im erneuerbaren Markt der Preis sinkt. 

„Der Strommarkt ist ein hochkomplexes System. Hier unbedarft herum­zuexperimentieren halte ich für fahrlässig.“ Lion Hirth Professor für Energiepolitik an der Hertie School in Berlin und Geschäftsführer des Energieberatungsunternehmens Neon

Klingt doch nicht schlecht.

Hirth: Allerdings nur, solange Sie nicht an die praktische Umsetzung denken. Mir ist jedenfalls auch nach einigen Jahren des Nachdenkens völlig unklar, wie das praktisch funktionieren soll, wenn ich zwei Marktsegmente habe und in einem ist der Preis günstig und im anderen Segment ist der Preis hoch. Wer darf dann den günstigen Strom kaufen und wer nicht? Wer bestimmt das? Und wie soll der Stromhandel funktionieren, wenn es zwei Preise gibt? Exportiert man über die gleiche Leitung den teuren Erdgasstrom und importiert billigen Windstrom? Und wie wird auf Terminmärkten abgerechnet? Welcher Preis ist dann das Underlying? Und selbst, wenn man das alles reguliert, wobei ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann wie, bleibt noch die technische Umsetzung.  

Trotzdem hat die Idee offensichtlich Anhänger.

Hirth: Das ändert aber nichts daran, dass sie völlig unausgegoren bis absurd ist! Umso bedenklicher finde ich, dass es Staats- und Regierungschefs gibt, die wirklich glauben, auf diese Weise billigen Strom herbeizaubern zu können. Auch Ursula von der Leyen hat durchblicken lassen, dass sie einen Market Split für gar nicht so schlecht hält. Das ist besorgniserregend. Der Strommarkt ist mehr als die Abwicklung irgendwelcher Zahlungen. Dahinter steckt auch ein hochkomplexes physisches System. Hier unbedarft herumzuexperimentieren, halte ich wirklich für fahrlässig. Bestenfalls führt das zu kostspieligen Ineffizienzen und im schlimmsten Fall zu Risiken für die Versorgungssicherheit. Das kann doch keiner wollen.