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Brennpunkt Netze

Leistungsstarke Netze sind Voraussetzung für das Gelingen der Energiewende. Diese Tatsache blieb in der Öffentlichkeit lange Zeit wenig beachtet.  Je mehr grüner Strom in Österreich produziert wird, desto dringender wird  aber das Thema. Die StromLinie fasst die neun wichtigsten Punkte zusammen. Was Netzbetreiber für den Netzausbau brauchen, was sie hindert und  warum Kapazitätssteigerungen allein nicht reichen werden. 

Die Nachricht aus Oberösterreich hatte bundesweite Aufmerksamkeit erregt – jedenfalls unter Branchenkennern. Ende Dezember kündigte die Netz Oberösterreich an, dass in einigen Bereichen Versorgungsgebiets keine neue PV-Anlagen zur Einspeisung zugelassen werden – bis der dafür notwendige Netzausbau vollzogen ist. Man habe zu dieser Maßnahme greifen müssen, um die allgemeine Versorgung nicht zu gefährden. Damit ist ein Szenario sichtbar geworden, vor dem Fachleute schon länger warnen: Überforderte Netze, die den gigantischen Zuwachs an Strom aus volatiler erneuerbarer Energie nicht mehr verarbeiten können.

Strommasten mit glühenden Drähten gegen den Sternenhimmel. Energiekonzept.

1. Leitungen im Ausnahmezustand

Weshalb die Netze an ihre Grenzen stoßen

„Allein 2023 haben die Verteilernetzbetreiber österreichweit PV-Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund zwei Gigawatt installiert. Das ist mehr als das Doppelte im Vergleich zu 2022 und eine Verzehnfachung im Vergleich zu 2020“, umfasst Franz Strempfl, Spartensprecher Netze bei Oesterreichs Energie, die Herausforderungen, die Netzbetreiber derzeit bewältigen müssen. 

Auch Gerhard Christiner, Vorstand des Übertragungsnetzbetreibers APG, sieht eine fordernde Lage: „Wir haben bereits jetzt die Situation, dass es im Sommer phasenweise zu viel erneuerbare Erzeugung gibt, jedoch die Netze für den Transport und auch regionale Speichermöglichkeiten fehlen.“ 

Wie stark dieses Missverhältnis inzwischen ist, lässt sich auch mit Zahlen illustrieren. So gab es vor drei Jahren nur vier Tage im Jahr, an denen die Betreiber von PV- und Windanlagen ihre Produktion zurückfahren oder abschalten mussten, weil der Preis, den sie am Markt erzielen konnten, nicht ausreichend war. Vor zwei Jahren gab es bereits zwanzig solcher Tage, im Vorjahr gar vierzig. Die Schlussfolgerung ist offensichtlich: Die Produktionskapazitäten sind hoch, die Möglichkeiten, den produzierten Strom zu speichern oder dorthin zu transportieren, wo er gebraucht wird, können damit aber nicht Schritt halten.

Franz Strempfl
„Allein 2023 haben die Verteilernetzbetreiber österreichweit PV-Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund zwei Gigawatt angeschlossen. Das ist mehr als das Doppelte im Vergleich zu 2022 und eine Verzehnfachung im Vergleich zu 2020.“ Franz Strempfl Spartensprecher Netze Oesterreichs Energie

2. Viel gelungen, noch mehr zu tun

Warum weiterer Ausbau unvermeidlich bleibt

Egal, wen immer man in der Branche fragt, der Befund fällt stets ähnlich aus: „Wir werden in den nächsten Jahren einen weiteren Netzausbau benötigen und es ist gut, dass die Diskussion darüber geführt wird“, urteilt zum Beispiel Werner Hengst, Vorstand von Netz Niederösterreich. „Zugleich“, ergänzt er, „muss man aber auch sagen, dass uns sehr viel gelungen ist.“ Allein in Niederösterreich habe man bislang nahezu 100.000 PV-Anlagen ins Netz integriert. Rund 50 Prozent der österreichischen Windkraft kommt aus Niederösterreich und wird ebenfalls erfolgreich integriert.

Doch der rasante Umbau der Stromproduktion erlaubt den Netzbetreibern keine Verschnaufpause. Sie sollen die Netze im Eiltempo ausbauen, müssen aber zugleich Hindernisse auf vielen unterschiedlichen Ebenen aus dem Weg räumen. „Die Verfügbarkeit von Arbeitskräften und Material, die notwendigen Genehmigungsverfahren sowie die Bereitschaft der Grundeigentümer, die Benützung der von uns benötigten Grundstücke einzuräumen, sind nur einige der Herausforderungen, denen wir uns tagtäglich stellen“, sagt Spartensprecher Strempfl.

Und APG-Vorstand Christiner ergänzt: „Um die im Netzentwicklungsplan festgeschriebenen Ausbauziele zu erreichen, brauchen wir schnellere und einfachere Genehmigungsverfahren.“ Der rechtliche Rahmen dazu ist mit der RED III, der Erneuerbaren-Energie-Richtlinie der EU, zwar gegeben, das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG), mit dem die Richtlinie ins nationale Recht übergeführt werden soll, lässt allerdings noch auf sich warten. 

Werner Hengst, Vorstand Netz Niederösterreich
„Wir werden in den nächsten Jahren einen weiteren Netzausbau benötigen. Zugleich muss man aber auch sagen, dass uns bereits sehr viel gelungen ist.“ Werner Hengst Vorstand Netz Niederösterreich

3. Harte Vorgaben, schlechte Rahmenbedingungen

Wo Politik im Sinne der Energiewende nachbessern muss 

Es ist schon eine schräge Welt: Auf der einen Seite kämpfen die Netzbetreiber mit langen Verfahrensdauern, auf der anderen Seite sollen sie Anforderungen erfüllen, die unter den gegebenen Umständen de facto nicht erreichbar sind. Im aktuellen Entwurf zum Elektrizitätswirtschaftsgesetz finden sich jedenfalls Vorgaben, die aus Netzbetreibersicht einer Konfrontation mit der Realität kaum standhalten.

So sollen Netzbetreiber unter anderem dazu verpflichtet werden, Kunden je nach Netzebene innerhalb von sechs bis achtzehn Monaten ab Antragstellung einen Anschluss bereitzustellen. Der Wunsch, auf diese Weise den Netzausbau zu beschleunigen, ist psychologisch zwar nachvollziehbar, allerdings praktisch kaum einlösbar. 

„Dass man Fristen setzt, innerhalb denen Netzbetreiber einen Anschluss bereitstellen sollen, ist legitim und im Sinne der Energiewende verständlich. Die Dauer der Genehmigungsverfahren und die Lieferzeiten für die Komponenten, die wir benötigen, um einen Anschluss herzustellen, müssen aber aus dem Fristenlauf herausgenommen werden, sonst wird das Gesetz nicht umsetzbar sein“, fasst Manfred Hofer, der Geschäftsführer von Netz Oberösterreich, die Problemlage zusammen und weist darauf hin, dass derzeit schon die Lieferzeit für einen Transformator ein Jahr beträgt.

Vera Immitzer, Geschäftsführerin Bundesverband Photovoltaic Austria
„Für einen raschen PV-Ausbau brauchen wir im Bereich der Netze vor allem zwei Dinge: Transparenz und Planbarkeit.“ Vera Immitzer Geschäftsführerin Bundesverband Photovoltaic Austria

4. Bürokratie schafft keine Transparenz

Welche Neuerungen aus Kundensicht wenig Sinn machen

Ebenfalls als kritisch sehen Netzbetreiber die im ElWG vorgesehene Pflicht zur monatlichen Rechnungslegung. Im Hinblick auf Transparenz und eine laufende Kontrolle der Kosten bringt diese Regelung zwar durchaus Vorteile, sie würde, so argumentiert der Spartensprecher Netze bei Oesterreichs Energie, Franz Strempfl, aber die Ressourcen der Netzbetreiber binden und Kosten verursachen. „Aus meiner Sicht erscheint es fraglich, ob eine monatliche Abrechnung und damit der Verlust einer planbaren monatlichen Belastung von der Mehrheit der Kunden gewünscht wird“, sagt Strempfl. 

Wenig durchdacht findet der Spartensprecher auch das Vorhaben, verpflichtend für jeden Kunden und jede Kundin eine Auslesung des Viertelstundenlastprofils vorzuschreiben. „Sinnvoller wäre es, das nur dort zu tun, wo der Kunde bzw. die Kundin  es ausdrücklich wünscht, oder dort, wo eine derart feine Auflösung tatsächlich notwendig ist, wie etwa bei Energiegemeinschaften.“ 

Um den Netzausbau zu forcieren und auch mehr Transparenz für die Kundinnen und Kunden zu schaffen, sollen Netzbetreiber überdies in Zukunft auch einen minutiösen Ausbauplan bzw. eine möglichst aktuell gehaltene Auflistung der zur Verfügung stehenden Netzkapazitäten verfügbar machen.

5. Planung und Transparenz Was einen praktikablen Netzausbauplan ausmacht

Der Wunsch nach einem solchen detaillierten Netzentwicklungsplan ist in der Vergangenheit immer wieder geäußert worden. Dafür stark gemacht hat sich unter anderem die PV-Branche. So meint etwa die Geschäftsführerin vom Bundesverband Photovoltaic Austria, Vera Immitzer: „Für einen raschen PV-Ausbau brauchen wir vor allem zwei Dinge: Transparenz und Planbarkeit. Netzentwicklungspläne, aus denen hervorgeht, wo und wann in Zukunft neue Einspeisekapazitäten vorhanden sein werden, wären in diesem Kontext sehr wichtig. Genauso wie eine Darstellung der aktuell noch vorhandenen Kapazitäten, auch auf den unteren Netzebenen, also dort, wo die PV-Anlagen tatsächlich angeschlossen werden.“

Es ist vor allem der letzte Punkt, der auf der Seite der Netzbetreiber auf wenig Begeisterung stößt. Man würde damit, so der Tenor, bloß einen weiteren Papiertiger schaffen, der an den Ursachen der Engpässe nichts ändere, aber zusätzlichen administrativen Aufwand verursache. „Ein Netzausbauplan im Hochspannungsnetz bis 110 kV macht Sinn, darunter aber nicht“, sagt daher Manfred Hofer, der Geschäftsführer von Netz Oberösterreich. 

Denn der Ausbau auf den unteren Ebenen, erklärt er, im Nieder- und Mittelspannungsnetz hänge wesentlich davon ab, wo Kunden Anlagen errichten würden. Das könne man nur bedingt vorhersagen, sei aber gesetzlich verpflichtet, dort auszubauen, wo Bedarf bestehe. Und – darauf macht unter anderem Florian Pilz, der Geschäftsführer von Netz Burgenland, aufmerksam: Ein Teil der Kapazitäten muss auch für Störungsfälle reserviert werden.

 

Noch mehr Ausbau nötig

Aktualisierte Zahlen zeigen: Der Finanzierungsbedarf für den Ausbau der Verteilnetze und des Übertragungsnetzes liegt bis 2040 bei mehr als 50 Milliarden Euro.

2022 hatte eine Studie von Frontier Economics und dem AIT im Auftrag von Oesterreichs Energie einen Investitionsbedarf in die Verteilnetze von 15 Milliarden Euro bis 2030 und 30 Milliarden Euro bis 2040 ergeben. Berücksichtigt man die nun im Integrierten Österreichischen Netzinfrastrukturplan (ÖNIP) genannten Ausbauerfordernisse sowie die deutlich gestiegenen Preise für Betriebsmittel und Dienstleistungen, ergibt sich ein aktualisierter Bedarf von 24 Milliarden Euro bis 2030 und 44 Milliarden bis 2040. Im Bereich des Übertragungsnetzes hat sich der Bedarf von den veranschlagten vier Milliarden auf neun Milliarden erhöht. Damit liegt der Investitionsbedarf in Verteilnetze und Übertragungsnetz bei in Summe 53 Milliarden Euro bis 2040. Schon 2022 haben Frontier Economics und AIT betont, dass das volkswirtschaftliche Risiko aufgrund von zu geringen Netzinvestitionen das Risiko aufgrund von etwaigen zu starken Netzinvestitionen bei Weitem übersteigt. Das Risiko ist außerdem asymmetrisch: Eine zu strenge Regulierung führt viel schneller zu höheren Kosten als eine zu milde Regulierung, die Überausbau bis zu einem gewissen Grad zulässt.

6. Versorgungssicherheit Warum der Blick nach vorne wichtig ist

Versorgungssicherheit ist ein wichtiger Punkt. Denn das Störungs- und Engpassmanagement wird für die Netzbetreiber zu einer immer größeren Herausforderung. „Wir hatten 2023 Kosten für das Engpassmanagement in der Höhe von über 140 Millionen Euro“, erinnert APG-Vorstand Gerhard Christiner. Ausbauprojekte zu verzögern, indem man die dafür dringend nötigen gesetzlichen Rahmenbedingungen wie das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungs-Gesetz nicht beschließt, sei daher sowohl klimapolitisch als auch wirtschaftlich kontraproduktiv.

Um die Versorgungssicherheit in Österreich zu gewährleisten, müsse man außerdem schon jetzt über den zukünftigen Umgang mit Netzreserven nachdenken, findet Christiner. Bis 2025 sind sie durch die entsprechenden Reservekraftwerke gesichert, eine Verlängerung der dazu notwendigen Bewilligungen auf europäischer Ebene bis zum Jahr 2030 steht aber an. 

Für die österreichischen Reserven relevant wird in diesem Kontext auch die geplante Einführung eines Kapazitätsmarkts in Deutschland ab 2028 sein, der dazu dienen soll, Lücken in der Stromversorgung zu schließen. Da Deutschland bei Strom Österreichs wichtigster Handelspartner ist, hätte eine solche Umstellung auch für Österreich Folgen: „Wir hätten dann in Deutschland und in Österreich zwei unterschiedliche Systeme. Denn in Österreich kommen die Reservekapazitäten nicht auf den Markt, sondern werden ex post zur Behebung von Überlastungen im Stromsystem eingesetzt“, erklärt Christiner. Wie man die beiden Systeme in Einklang bringen könnte, ist derzeit alles andere als klar.

7. Netzausbau als Gemeinschaftsprojekt 

Wie ein gerechter Netztarif aussehen könnte

Im Sinne funktionierender Netze wäre es in Zukunft notwendig, wieder stärker das große Ganze zu sehen, so Christiner: „In der Vergangenheit hat man zu oft an einzelnen Stellschrauben gedreht, ohne das Gesamtsystem im Auge zu behalten.“   

Ein Punkt, an dem ein ganzheitlicher Blick auf jeden Fall notwendig sein werde, ist laut Branchenprofis die zukünftige Tarifstruktur bzw. die Frage, wie es gelingen könne, Regelungen zu schaffen, die die Kosten des Netzausbaus möglichst gerecht verteilen würden. „Das Ziel Energiewende ist grundsätzlich von einer sehr breiten Mehrheit gewünscht. Es geht aber darum, einen Weg zu finden, bei dem die Netzbetreiber, der Gesetzgeber, die Kontrollbehörde und die Netznutzer dieses Ziel gemeinsam verwirklichen“, sagt dazu Manfred Hofer.

In diesem Zusammenhang wird immer wieder auch eine Harmonisierung der Netzkosten gefordert, um zu verhindern, dass gerade die Kunden jener Netzbetreiber, die ihre Netze besonders stark ausbauen, mit finanziellen Nachteilen rechnen müssen: „Jeder Ausbau führt dazu, dass die Netzgebühr weiter steigt. Dort, wo nicht ausgebaut wird, bleibt die Gebühr hingegen niedrig. Ein Anreiz zum Ausbau ist das nicht“, findet zum Beispiel Vera Immitzer, Geschäftsführerin des Bundesverbands Photovoltaic Austria.

Das Forum Versorgungssicherheit sieht es ähnlich und stellt in einer Stellungnahme zum neuen Elektrizitätswirtschaftsgesetz fest: „Weiterhin ungeklärt bleibt das Problem der fairen Kostenverteilung von Investitionen für die Energiewende. In Regionen, wo besonders viele Produktionsanlagen für erneuerbare Energien errichtet werden, steigt auch der Bedarf am Ausbau der Netze. Die Kosten für die Netze werden aber von den Endkundinnen und -kunden über die Netztarife getragen. Somit würden die Vorreiter des Klimaschutzes finanziell benachteiligt.“

Gerhard Christiner, Vorstand Austrian Power Grid
„Wir hatten 2023 Kosten für das Engpassmanagement in der Höhe von über 140 Millionen Euro. Ausbauprojekte zu verzögern, ist daher sowohl klimapolitisch als auch wirtschaftlich kontraproduktiv.“ Gerhard Christiner Vorstand Austrian Power Grid

8. Ausbau allein reicht nicht

Welche Maßnahmen bei der Effizienzsteigerung helfen

Positiv beurteilt die Branche hingegen, dass im Entwurf des ElWG der Weg zu einem Leistungspreis auf allen Netzebenen geebnet wird. Damit werde ein wichtiger Anreiz zu schonender und somit effizienter Netznutzung gesetzt. „Wenn ein Elektroauto mit 50 kW über zwei Stunden geladen wird, bezieht es die gleiche Strommenge wie bei einer Ladung mit 10 kW über zehn Stunden, es belastet das Netz aber ungleich höher. Dass diese Tatsache nun in der Tarifgestaltung abgebildet wird, ist zu begrüßen“, findet der Spartensprecher Netze bei Oesterreichs Energie, Franz Strempfl.

Doch auch andere Maßnahmen könnten zur Schonung und besserer Auslastung der Netzinfrastruktur beitragen, wie Werner Hengst, Vorstand von Netz Niederösterreich, betont: „Was in der Diskussion derzeit zu kurz kommt, sind alternative Lösungen, wie die dynamische Leistungsregelung oder netzdienliche Speicher. Diese Maßnahmen wären schon heute relativ einfach umzusetzen, doch es braucht dafür die entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen.“ 

Das Elektrizitätswirtschaftsgesetz sieht zwar vor, dass Netzbetreiber Speicher in Zukunft netzdienlich betreiben dürfen. Der organisatorische Aufwand, der damit verbunden ist, ist aber sehr groß: Jeder solche Speicher muss extra bewilligt werden. „Wenn nur zehn Prozent der in Österreich verbauten Trafostationen mit netzdienlichen Speichern ausgestattet werden müssten, wären das mehr als 10.000 Anträge“, rechnet Franz Strempfl vor. 

Manfred Hofer, Geschäftsführer Netz Oberösterreich
„Das Ziel Energiewende ist grundsätzlich von einer sehr breiten Mehrheit gewünscht. Es geht aber darum, einen Weg zu finden, bei dem die Netzbetreiber, der Gesetzgeber, die Kontrollbehörde und die Netznutzer dieses Ziel gemeinsam verwirklichen.“ Manfred Hofer Geschäftsführer Netz Oberösterreich

9. Speicher gefragt

Wie sich das System regionalisieren ließe

Ebenfalls kritisch sieht Strempfl die zeitliche Beschränkung des flexiblen Netzzugangs. „Spitzenkappung kann sehr gut für eine besser Ausnutzung der bestehenden Netzinfrastruktur sorgen, ohne die Produktion massiv zu beschränken. Im Jahresschnitt gehen bei einer Spitzenkappung bei 70 Prozent nur rund drei Prozent der produzierten Energie verloren“, sagt er und plädiert für eine Lösung, die Spitzenkappung als dauerhaften Teil der Systemregulierung definiert.

Entlastung könnte in das System aber auch gebracht werden, sagen Experten, indem man erneurbaren Strom verstärkt vor Ort nutze. Während der letzten Jahre wurde zwar der Ausbau der Produktion vorangetrieben, Anreize, die Verbraucherinnen und Verbraucher dazu motivieren, den selbst erzeugten Strom auch großteils selbst zu nutzen, waren allerdings rar. 

APG-Vorstand Gerhard Christiner findet daher, dass es nun möglicherweise an der Zeit sei, über eine Speicher-Förderung nachzudenken: „Eine Möglichkeit der Regionalisierung könnte darin bestehen, anstatt PV-Anlagen Speicher zu fördern. Wenn jedes Einfamilienhaus mit PV-Anlage den Überschuss, den es erzeugt, speichert, könnte das zu einer wesentlichen Entlastung der Netze beitragen.“ An der Notwendigkeit, die Netze weiter mit Hochdruck auszubauen, würde das freilich wenig ändern. Vielleicht aber, gemeinsam mit anderen Maßnahmen, etwas Druck aus dem System nehmen.

 

Fünfte Regulierungsperiode Strom

Die Ergebnisse der Verhandlungen zur fünften Regulierungsperiode Strom bringen aus der Sicht der Netzbetreiber Teilverbesserungen, aber keinen Durchbruch mit sich.

Die Verhandlungen zur fünften Regulierungsperiode Strom, die mit 1.1.2024 begonnen hat und bis Ende 2028 dauern wird, wurden von der Branche mit besonders großem Interesse verfolgt - nicht zuletzt, weil im Vorfeld immer wieder von einer Regulierungswende gesprochen wurde, die die bisherige Tarifsystematik an die Erfordernisse der Energiewende anpassen sollte. Nun fällt das Urteil durchwachsen aus. Dass Kostensteigerungen aufgrund hoher Inflation und steigender Ausbauanforderungen zeitnah im Netztarif Berücksichtigung finden, sehen Netzbetreiber positiv. Auch die Senkung der generellen Produktivitätsvorgabe von 0,95 auf 0,4 Prozent ist laut Branchenvertretern ein Schritt in die richtige Richtung, obwohl man angesichts der immensen Ausbau- und Umbauherausforderungen für eine Senkung auf null plädiert hatte. Positiv wird auch die Verzinsung neuer Investitionen unter Berücksichtigung des gestiegenen Zinsniveaus gesehen, wohingegen der geringere Zinssatz für bestehende Investitionen bis 2023 kritisch beurteilt wird. Ebenfalls Teil des neuen Regulierungsregimes ist die Einführung eines neuen Betriebskostenfaktors für den Anschluss neuer Einspeiser-Zählpunkte, der sich je nach Anschluss zwischen 443 Euro für Anlagen unter 20 kW und 2045 Euro für Anlagen über 1.000 kW bewegt.

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