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"Wirtschaftswachstum braucht Energiewende"

Die Covid19-Krise geht auch an der Energiewirtschaft nicht spurlos vorbei. Dabei haben die massiven Investitionen, die im Rahmen der Energiewende anstehen, das Potenzial der Konjunkturmotor für die Gesamtwirtschaft zu werden, sagt LEONHARD SCHITTER, Präsident von Oesterreichs Energie.

Herr Schitter, wie ist die E-Wirtschaft durch die Covid19-Krise gekommen?

Die Energiewirtschaft hat diese Krise bislang sehr gut gemeistert. Zu keiner Zeit war die Energieversorgung selbst in irgendeiner Weise gefährdet, weil die Versorger mit massivem logistischen Management frühzeitig mit vielfältigen Maßnahmen auf die Heraus - forderungen professionell reagiert haben. Leitwarten wurden auf drei, vier Standorten separiert, Teams kaserniert, massive Sicherheits-, Hygiene-, Desin - fektions- und Abschottungsmaßnahmen von Betriebsgebäuden umgesetzt. Wie gut die heimische E-Wirtschaft auf die Pandemie vorbereitet war, hat sich sogar in der internationalen Berichterstattung widergespiegelt.

Welche Auswirkungen hat die Krise auf die Branche?

Sehr erhebliche. Wir haben massive Einbußen im Stromverbrauch. Hier sehen wir durch das frühzeitige Auslau - fen des Wintertourismus im Westen sogar noch größere Auswirkungen als im Osten. Im Durchschnitt haben wir im März rund 13-15 Prozent geringeren Stromverbrauch in ganz Österreich gesehen. Dabei sind wir im Europaver - gleich aber mit einem blauen Auge davon gekommen - Frankreich hat zum Beispiel im März ein Minus von 23 Pro - zent zu verzeichnen.

 

Wie wirkt sich das auf die Preise aus?

Wir haben heute ganz andere Großhandelspreise als noch vor Mitte März. Wir erwarten, dass sich der Preis - je nach Entwicklung der Wirtschaftslage - eher auf dem jetzigen Niveau stabilisiert, pessimistische Prognosen gehen sogar davon aus, dass der Strompreis erst in 2 bis 3 Jahren europaweit wie - der auf dem Vorkrisenniveau sein wird. Weil die Produktionskosten für die Ver - sorger natürlich nicht sinken wird die Situation sicher tiefe Einschnitte in die Bilanzen der Unternehmen verursachen.

Was bedeutet das für die Branche?

Die Situation ist herausfordernd, doch gerade deshalb ist sie spannend und voller Chancen. Denn die Energiewirtschaft war immer eine Branche, die in herausfordernden Zeiten nach vorne gegangen ist. Ich kann im Augenblick aktuelle Zahlen nur für mein Haus, die Salzburg AG nennen: Wir werden alleine in diesem Jahr 170 Millionen Euro investieren, stark in den Ausbau von Netze und Leitungen, aber auch im Fernwärme- und Gas- und Telekombereich. Ich weiß, ähnliches gilt für die ganze Branche.

 

 

„Wir werden massiv im Bereich der Erneuerbaren investieren. Das ist ein Konjunkturmotor für die Gesamtwirtschaft“

Hand auf‘s Herz: Befürchten Sie, dass die Wirtschaftskrise die Energiewende in den Hintergrund treten lässt?

Nein, ganz im Gegenteil. An den ambitionierten umweltpolitischen Zielen, nämlich 100 Prozent erneuerbarer Strom bis 2030 hat sich nichts geändert. Wir unterstützen dieses klimapolitische Ziel, auch, wenn es extrem ambitioniert und kaum noch bis 2030 umzusetzen ist. Wir wollen und werden massiv im Bereich der Erneuerbaren investieren. Mehr noch: Wir wollen die Energiewende auch als Konjunkturmotor und als Turbo für die Wirtschaft nutzen. Die Energiewirtschaft hat Österreich während der Krise am Laufen gehalten und wird Österreichs Wirtschaft nach der Krise ankurbeln.

Wie kann der Ausbau der Erneuerbaren zum Konjunkturmotor werden?

Drei Euro die wir in den Ausbau von Infrastruktur, Netzen und Kapazitäten investieren, generieren zwei weitere Euro an Wertschöpfung im Land. Und das Erneuerbaren Ausbau Gesetz muss die Basis für die Incentivierung des Ausbaus von erneuerbaren Energiequellen sein, der massive Investitionen in Kraftwerke, Netze und Speicherkapazitäten folgen werden. Kaum eine andere Investition hat so direkte lokale Effekte auf die Konjunktur. Die Energiewirtschaft hat das Potenzial eine konjunkturelle Bugwelle auszulösen.

Sie hätten, wenn ich das richtig verstehe, also überhaupt kein Verständnis dafür, dass sich die Umsetzung des Erneuerbaren Ausbau Gesetzes noch ein wenig weiter verzögert?

Nein, worauf wollen wir denn noch warten - und ich bin auch guter Hoffnung, dass, wie das Ministerium angekündigt hat, der Entwurf auch noch vor dem Sommer in Begutachtung geht. Die Covid19-Krise kann nicht dazu führen, dass wir nach eineinhalb Jahren Verhandlungen noch mehr Zeit verlieren. Denn: Wenn wir 2030 als Ziel sehen, dann sind das nur noch 10 Jahre in denen wir 27 bis 30 Terrawattstunden an Kapazitäten bei den Erneuerbaren Energiequellen schaffen müssen. Das bedeutet alleine im Bereich Wasserkraft die Errichtung eines Kraftwerks in der Größe von Freudenau alle zweieinhalb Jahre - und im Bereich der Windkraft alle zwei Wochen eine Windanlage und im Bereich Photovoltaik alle drei Minuten eine 5 KW-Peak-Anlage.

Sie sind seit 3 Jahren Präsident von Oesterreichs Energie - die ausgerechnet mit der herausforderndsten Zeit in diesem Sommer endet. Ist das eine richtige Einschätzung?

Ich glaube, jede Zeit ist spannend und herausfordernd. Vor 20 Jahren ist unsere Branche vor den disruptiven Veränderungen der Liberalisierung gestanden - ich glaube meinen Vorgängern ist es auch nicht langweilig geworden...

Welche Herausforderungen kommen denn da auf die Branche in den nächsten 5 Jahren zu?

Die größte Herausforderung der nächsten Jahre wird die Zeitknappheit sein. Die Infrastrukturprojekte, die wir jetzt angehen müssen, die brauchen ihre Zeit. Sicherlich ist auch die Finanzierung schwieriger geworden - wenn, wie erwähnt, der Strompreis sich in den nächsten Jahren nicht erholt, rechnet sich die Erzeugung nicht, während wir massiv investieren müssen.

Was waren die wesentlichsten Anliegen in den letzten drei Jahren ihrer Präsidentschaft - und was sehen Sie als ihren größten Erfolg?

Ich glaube, Erfolge sind immer ein Teamprozess. Das Präsidium, das Generalsekretariat, wir alle haben es geschafft, in den vergangenen Jahren die Bedeutung der Energiewirtschaft, ihre Unentbehrlichkeit, ihre „Systemrelevanz“ noch deutlicher zu machen, weil wir mit einer einheitlichen, klaren und lauten Stimme sprechen. Mir war wichtig, dass sich alle Unternehmen, ob groß oder klein, in ihren Anliegen, Interessen und der Umsetzung gut und erfolgreich vertreten wissen. Ich bin stolz, dass wir uns in der Mission 2030 und im Bereich des EAG gut und zum Vorteil aller in Österreich einbringen und unsere Ziele darlegen konnten. Ich glaube auch, dass unsere Branche in den letzten Jahren zum Vorreiter im Bereich der Digitalisierung geworden ist. Wenn ich das alles sehe, muss ich sagen: Die letzten drei Jahre sind wirklich wie im Flug vergangen...

Nicht ganz ernstgemeinte Abschlussfrage: Wie großartig von 1 bis 100 wäre es, wenn das Erneuerbaren Ausbau Gesetz, an dem sie so lange mitverhandelt haben, noch in ihrer Präsidentschaft in den nächsten Wochen die Begutachtung ginge?

(Lacht) Wenn das EAG in der Form, wie wir es für vernünftig erachten noch vor dem Sommer in die Begutachtung ginge, dann wären das ganz klare 100 Punkte in einer allgemeinen Großartigkeitsskala. Das wäre der Startschuss für ein Generationenprojekt der Energie-, Mobilitäts- und Wärmewende.

Zur Person

Leonhard Schitter, 52, ist Vorstandsvorsitzender der Salzburg AG. Im Jahr 2017 übernahm er den Vorsitz im Präsidium von Oesterreichs Energie. Der promovierte Jurist machte zudem den Master in Europäischer Energiewirtschaft. Er begann seine Karriere in der Industrie, zuletzt zwölf Jahre als Geschäftsführer des Salzburger Weltmarkführers im Holzwerkstoffbereich Kaindl-Kronospan. 2012 wechselte der zweifache Familienvater in den Vorstand der Salzburg AG, 2016 wurde er CEO des Energieversorgers.

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Stromlinie 01/2020