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„Wir werden um unangenehme Fragen nicht herumkommen“

Wolfgang Anzenguber scheidet mit Jahresende als Verbund-Chef aus. Der langjährige Energiemanager über Visionen von Wasserstoffwirtschaft, Ärgernis mit Engpassmanagement und ein Versprechen an Ministerin Gewessler.

Herr Anzengruber, das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz wird wohl in den nächsten Wochen beschlossen. Was sagen Sie zum Resultat des Prozesses, an dessen Entstehen Sie die letzten Jahre wahrscheinlich auch mitgewirkt haben?

Man kann das Paket von zwei Seiten sehen. Halbvoll oder halbleer – aber grosso modo glaube ich, dass wir zufrieden sein können. Dass wir uns nicht überall in dem Paket wiederfinden konnten, liegt glaube ich in der Natur der Sache.

Was ist gut, was weniger gut gelungen?

Die Technologietrennung im Erzeugungsbereich ist ein Erfolg. Im Bereich der Energiegemeinschaften, die zweifellos einen wichtigen Beitrag leisten wer-den, sind die Ambitionen, Zugang auch in höhere Netzebenen zu gewähren, vielleicht sehr hoch. Hier müssen wir sehen, wie sich das in der Praxis bewährt, ob etwa die Vorgaben in puncto Gemeinnützigkeit nicht dazu einladen, Umgehungskonstruktionen zu finden. Und wir müssen natürlich darauf achten, dass die Netze, die dahinterstehen, mit der Beanspruchung umgehen können. 

Das klingt jetzt aber eigentlich eher nach vollem als nach halbvollem Glas …

Der dritte Punkt – und das ist jener, mit dem wir noch nicht so zufrieden sind – ist jener des Engpassmanagements und der Netzreserve. Die Regelungen, die derzeit gefunden wurden, sind nur ein Weiterwursteln für die nächsten zwei Jahre. Die Versorgungssicherheit wird, je höher der Anteil erneuerbarer Energiequellen im Energiemix ist, immer elementarer. Denn ein Scheitern konterkariert hier alles andere.

 

„Wir werden auch im Bereich der Wasserstoffelektrolyse eine Kostendegression sehen, wie wir sie bei der Photovoltaik erlebt haben.“

Zu Redaktionsschluss sieht es so aus, als würde die Novelle zum Elektrizitätswirtschafts- und Organisationsgesetz (ElWOG) zur Netzreserve aus dem EAG herausgelöst und noch heuer beschlossen. Das Gesetz regelt die Finanzierung von Gas-kraftwerken als Brückentechnologie. Ist es ausreichend, um langfristige Planungssicherheit für Energie-versorger zu gewährleisten?

Nein. Die Idee der Netzreserve baut darauf auf, dass man postuliert, dass es Kraftwerke gibt, die ohnehin vorhanden sind, und die man fürs Engpassmanagement nutzen kann. Das ist kurzfristig logisch und machbar – und das wird schon jahrelang so praktiziert. Mittelfristig wird man um unangenehme Antworten auf die Frage, wie man Kapazitäten auch neu schaffen kann, nicht herumkommen. Denn es wird immer weniger Kraftwerke geben, die zur Stützung des Netzes schnell hochgefahren werden können. Und deren Notwendigkeit wird – wenn wir es schaffen wollen, 100 Prozent erneuerbare, aber volatilere Energiequellen zu haben – nicht kleiner werden.

Die Kosten für die Aufrechterhaltung dieser Versorgungssicherheit, also das Engpassmanagement, steigen jährlich. Ist es nicht eigentlich naheliegend, dass die Bedeutung dieser Brückentechnologie Gaskraftwerke in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen wird?

Ja, das glaube ich. Und die Finanzierung ist völlig unklar. Niemand wird eine Engpassmanagementeinheit, also ein Gas-kraftwerk, errichten, wenn er einen Kontrahierungszeitraum, also eine Lebensdauer, von zwei, drei Jahren vorfindet.

Eine alternative Lösung ist es, genügend Speicherkapazität zu schaffen, um Schwankungen im Output der erneuerbaren Energiequellen auszugleichen. Wie viele Pumpspeicherkraftwerke bräuchte es, um die Produktionsspitzen Erneuerbarer im Sommer und den Strommangel im Winter auszugleichen?

Für das Ziel, Stromerzeugung zu 100 Prozent aus Erneuerbaren zu haben, müssten wir Berechnungen zufolge rund 15 Prozent des Jahresverbrauchs in Österreich langfristig speichern können. Wir sprechen von rund 10 Terawattstunden. Heute bedeutet langfristige Speicherung zu fast 100 Prozent Pumpspeicherkraftwerke. Derzeit lassen sich, ganz grob gesprochen, rund 3 TWh über Pumpspeicherkraftwerke darstellen. Wir könnten es in Österreich unter Ausnützung aller vorhandenen Potenziale und Projekte vielleicht schaffen, auf 5 bis 6 Terawatt – also rund 50 bis 60 Prozent des Speicherbedarfes – in der Pumpspeichertechnologie zu kommen. Wir werden da neue Technologien brauchen.

Welche sind das?

Das sind einerseits natürlich Batterietechnologien, also elektrochemische Speicher für den kurzfristigen Speicherbedarf – aber vor allem wird Wasserstoff eine große Rolle spielen.

Der Verbund treibt das Thema Wasserstoff seit einigen Jahren voran. Wo stehen wir da?

Grün produzierter Wasserstoff hat viele Vorteile als Speichertechnologie. Er ist als Energieträger in der Industrie zur Dekarbonisierung direkt einsetzbar – muss also nicht mehr umgewandelt werden –, ist unbegrenzt lange speicherbar und leicht transportierbar.

Aber er hat den Nachteil, dass bei der Umwandlung von grünem Strom in Wasserstoff viel Energie verloren geht …

Das ist richtig. Wir werden mit der Energie, die wir aus Wind- und Sonnenkraft im Land erzeugen, wohl nur einen kleinen Teil jenes Wasserstoffs selbst produzieren können, den wir benötigen. Das betrifft aber nicht nur Österreich: Die Geographien, die in der Europäischen Union dafür benötigt werden, werden zu wenig sein. Gefragt ist das enorme Potenzial von Offshore-Windparks in der Nordsee ebenso wie Photovoltaik in Nordafrika oder Wind-kraft und Photovoltaik in Südosteuropa. Wir müssen uns hier von der Idee der Autarkie lösen.

 

„Grüner Wasserstoff hat Vorteile als Speicher und im Transport. Aber er ist auch direkt als Energieträger in der Industrie einsetzbar.“

Noch ist das Thema grüner Wasserstoff auch deshalb keines, weil die Produktion zu teuer ist. Wie muss sich das ändern?

Grüner Wasserstoff ist heute deutlich teurer als konventioneller Wasserstoff. Das ist bei neuen Technologien normal. Ich bin sicher, wir werden auch im Bereich der Wasserstoffelektrolyse eine Kostendegression sehen, wie wir sie bei der Photovoltaik erlebt haben. Wichtig ist es, jetzt ein Level Playing Field zu den anderen Technologien herzustellen. Da gibt es viele Stellschrauben: die Besteuerung, Netztarife, die CO2-Bepreisung usw. Die Chance, wettbewerbsfähige Kostenstrukturen zu bekommen, ist mittelfristig durchaus gegeben. In Erwartung dieses Durchbruchs bei der Wasserstofftechnologie hat der Verbund vor einigen Wochen das Gasnetz der OMV übernommen. Eine strategische Grundsatzentscheidung, die auf den ersten Blick für Branchenfremde erstaunlich wirkt: Der grüne Verbund übernimmt ein Erdgasnetz … Ich bin überzeugt, dass die Wasserstoffwirtschaft kommen wird, und Infrastruktur wie Pipelines zum Transport werden ein wertvolles Instrument sein. Denn Pipelinetransport ist immer noch das billigste Transportmittel. Der Technologiewechsel wird nicht von einem Tag auf den anderen kommen. Schon jetzt ist Blending – also das Zumischen von Wasserstoff – möglich, das ist in Österreich zu acht Prozent, in Deutschland zu zehn Prozent erlaubt. Später wird es auch möglich sein, einzelne Stränge der Pipeline ausschließlich für Wasserstoff zu verwenden. Aber, und das ist auch klar: Die GasConnect ist als Infrastrukturunternehmen so wichtig, dass sie für die Wirtschaftsstandortsicherung in Österreich sicher einen wichtigen Punkt darstellt – und die GCS ist ein wirtschaftlich profitables Unternehmen. Die Übernahme ist also keinesfalls ein schlechtes Geschäft für den Verbund.

Sie weisen seit Jahren darauf hin, dass die Energiewende wichtiger Projekte nicht machbar ist, wenn Genehmigungsverfahren für Anlagen und Netze so lange dauern. Haben Sie das Gefühl, dass man Sie in der Politik schön langsam erhört?

Wir haben da noch Luft nach oben. Es geht uns nicht darum, Verfahren zu verkürzen. Wir wünschen uns nur, Verfahrensdauern einzuhalten, die im Gesetz stehen. Wenn die in einer UVP im Gesetz vorgeschriebenen fünfzehn Monate Prüfzeit für beide Instanzen eingehalten würden, wären wir alle überglücklich. Die Schwierigkeit – und das räume ich gerne ein – liegt meist nicht daran, dass das nicht gewollt wird, es fehlt oft an Ressourcen auf Behördenseite. Das beginnt schon bei der Nichtverfügbarkeit von Gutachtern.

Sie hatten im Juli einen Termin bei Bundesministerin Gewessler, zu dem Sie ihr ein letztes Stück Kohle aus dem geschlossenen Fernheizkraftwerk Mellach mitgebracht haben. Hätten Sie 2008 gedacht, dass Sie das noch in Ihrer Amtszeit als Vorstandschef bei Verbund tun könnten?

(lacht) Ich habe da eigentlich nur ein langjähriges Versprechen eingehalten. Der Hintergrund ist: Ich kenne Frau Gewessler schon längere Zeit, noch als Geschäftsführerin von Global 2000 hat sie uns in Gesprächen dazu gedrängt, Mellach endlich zuzusperren. Ich habe ihr damals – ohne zu wissen, dass sie heute Ministerin sein wird – versprochen, ihr ein letztes Stück Kohle zu bringen, wenn wir das Kraftwerk schließen. Das war nicht vor Ende der Heizperiode 2020 möglich, weil wir einen Wärmeliefervertrag mit der Energie Steiermark für die Stadt Graz hatten. Aber um auf ihre Frage zurückzukommen: Als ich 2008 zum Verbund kam, hätte ich mir das nicht gedacht, aber uns wurde relativ bald danach klar, dass wir nicht mehr in CO2-emittierende Technologien investieren. 

Ich habe Sie kennengelernt, da waren Sie Vorstandschef der Palfinger-Gruppe, einem Weltmarktführer im Kranbau, davor waren Sie Geschäftsführer der ABB – jetzt sind Sie 12 Jahre bei Verbund. Was hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

(lacht) Was mir in der klassischen Industrie bei Palfinger Spaß gemacht hat, war, dass es sich um ein globales, dynamisches Familienunternehmen mit Streubesitz an der Börse gehandelt hat. Den Kapitalmarkt habe ich dort gelernt. Aber das Angebot von Verbund konnte ich gar nicht ablehnen, obwohl ich einen laufenden Fünfjahresvertrag bei Palfinger hatte. Ich habe schon meine Matura-Arbeit zu Wasserkraftwerken verfasst. Die Tatsache, dass die Verantwortung für dieses großartige Unter-nehmen auch ein großes volkswirtschaftliches Generationenthema umfasst – und es nicht nur um die Optimierung des Gewinnes geht –,  hat mich natürlich begeistert.

Eine Spitzenposition in der E-Wirtschaft ist immer auch ein politischer Job …

Sie können mir das glauben: Ich habe politische Einflussnahme in den letzten 12 Jahren kein einziges Mal gespürt. Es gab keine Ministerin und keinen Minister, der mich jemals um einen Gefallen gebeten hätte; der von mir forderte, Personal aufzunehmen oder Inserate zu schalten. Aber klar ist natürlich, dass es das Vorrecht des Eigentümers ist, sich das Spitzenpersonal auszusuchen. Das ist in Privatunternehmen ebenso der Fall. Herr Palfinger als Mehrheitseigentümer hätte sich eine Vorstandsentscheidung sicher nie nehmen lassen.

Eine letzte Frage: Sie scheiden mit Jahresende als Vorstandsvorsitzender von Verbund aus. In einem Interview mit dem Standard haben Sie anklingen lassen, dass Sie weiter unter Strom stehen wollen und der E-Wirtschaft erhalten bleiben. Vielleicht in einem Vorstand oder in einem Aufsichtsrat?
Ich strebe keinen Vorstand mehr an – irgendwann ist Schluss und neue Leute müssen ans Ruder. Aber dort, wo ich gefragt werde, schließe ich nicht aus, mich auch wirtschaftlich und industriell für das Thema erneuerbare Energie einzubringen.

Zur Person

Wolfgang Anzengruber, 64, ist seit 2009 Vorstandschef der Verbund AG. Mit Ablauf seiner dritten Funktions­periode übergibt er Ende 2020 das Steuerrad beim größten heimischen Stromkonzern an Michael Strugl. Der aus Steyr stammende Maschinenbauer war zuvor als Industriemanager bei Simmering Graz Pauker, ABB und Pal­finger tätig. Als Vorstand der Salzburg AG sammelte der Vater dreier Töchter, der schon seine Matura­Arbeit über Kraftwerke schrieb, erstmals Erfahrun­gen in der E-Wirtschaft. Zwischen 2009 und 2011 und 2014 und 2017 war Anzengruber auch Präsident.