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Warum sind so wenige Häuser begrünt?

Die Bepflanzung beeinflusst die Energiebilanz von Häusern auf viele Arten positiv. Susanne Formanek treibt das Thema voran – und muss dabei überraschende Hürden nehmen.

Der Arbeitsplatz von Susanne Formanek kann durchaus neidisch machen. Wer die Geschäftsführerin von Grünstattgrau trifft, findet sich auf dem Dach eines Gründerzeithauses in Wien-Favoriten wieder, das mit „begrünt“ nur unzureichend beschrieben ist. Auf dem hügeligen, weichen Boden wachsen Gräser, Sträucher und kleine Bäume, in denen Vögel rascheln. Im halb versteckten Biotop, erzählt Susanne Formanek, würden sogar immer wieder Flugenten brüten. Gegossen wird hier nie: Im Substrat und Aufbau sammelt sich Regenwasser, das von den Pflanzen aufgesogen wird.

Raus aus dem Luxus-Eck

Dass Bauwerksbegrünung meist mit Wohlbefinden assoziiert wird, ist Susanne Formanek gewöhnt. Das Innovationslabor Grünstattgrau sei nicht zuletzt deshalb gegründet worden, „weil wir das Thema aus diesem Luxus-Eck holen wollten“, sagt sie. „Es geht darum aufzuzeigen, dass Gebäudebegrünung eine starke Wirkung als passive Strategie hat, um das Klima positiv zu beeinflussen.“

Zu den stärksten Effekten zählt die Retention von Regenwasser: Sie liefert nicht nur Kühlkapazität für das Gebäude selbst, sondern sorgt auch für die Entlastung des Kanalnetzes bei Starkregen-Ereignissen. Der Kühleffekt im Sommer und die Dämmwirkung im Winter beeinflussen direkt den Energieverbrauch. Begrünte Gebäude binden Staub, Luftschadstoffe und CO2, verbessern das Mikroklima, erhöhen die Biodiversität und wirken auch im Sinne der psychischen und physischen Gesundheit der Bewohner und Anrainer. Die Kühlwirkung erhöht zudem die Leistung von PV-Anlagen – womit auch der „Wettbewerb“ zwischen den beiden Funktionalitäten von Dächern obsolet ist.

 

„Die Wissenschaft bedient sich nicht immer verständlicher Sprache und hat manchmal die Tendenz zur Abschottung.“

 

Kulturwandel dank Open Access

Getragen vom Gedanken, dass Kulturwandel nur geschieht, wenn eine möglichst breite Wertschöpfungskette betrachtet wird, kooperiert Grünstattgrau mit Politik, Wissenschaft, Wirtschaft – und mit der Bevölkerung. Vor allem Letzteres ist keine Selbstverständlichkeit.

Wissenschaft bedient sich nicht immer verständlicher Sprache und hat manchmal die Tendenz zur Abschottung. Dem stellt Grünstattgrau einen radikalen Open-Access-Gedanken entgegen: Alle Ergebnisse, alle Erkenntnisse, aber auch alle offenen Fragen und Diskussionen sollen möglichst allen Interessierten zur Verfügung stehen.

Ein zum mobilen Ausstellungsraum umgebauter Container, der das Thema auch erleb- und angreifbar macht, steht derzeit in Wien-Favoriten, im Stadtentwicklungsgebiet „Am Kempelenpark“. Und das ist kein Zufall. Der riesige Bezirk mit mehr als 200.000 Einwohnern ist, was man früher als „Arbeiterbezirk“ bezeichnete. Erfolge der Bauwerksbegrünung in „grünen“ und „reichen“ Bezirken sind einfacher zu erreichen – wer es in Favoriten schafft, wird in Neubau oder Döbling wohl auch keine Probleme haben.

So ist Favoriten auch Testgebiet für das interdisziplinäre Forschungsprojekt „50 grüne Häuser“: Getestet wird die rasche und technisch vergleichsweise einfache Fassadenbegrünung mittels eines Grünfassadenmoduls. Das Projekt zeigte überraschende Hindernisse auf. Obwohl von Stadt und Bezirk intensiv unterstützt, erreichte es die angepeilten 50 Häuser nicht. Vor allem die unterschiedlichen Konstellationen von Hausgemeinschaften – und die damit sehr heterogene rechtliche Lage – erwiesen sich immer wieder als Barriere. Dementsprechend hoch ist andererseits das Learning: „Wir haben gelernt, wie wichtig es ist, persönliche Beziehungen zu schaffen“, sagt Susanne Formanek. „Man muss die Eigentümerschaft gut kennen, und man muss die Sprache der Menschen sprechen.“

Messbar und vergleichbar

Ganz anders ist der Zugang naturgemäß bei Projekten wie dem Sonnwendviertel im Norden des Bezirks, wo auf einem ehemaligen Bahnhofsareal ein neuer Stadtteil entsteht. Neben vielen anderen Maßnahmen ist hier die Bauwerksbegrünung von Beginn an mitgedacht. Was laut Susanne Formanek nicht zuletzt an einem massiven Wandel in der Bauwirtschaft liege: „Zumindest in den großen Unternehmen ist das längst Teil der Planungen, sie haben teilweise auch Landschaftsplaner in ihren eigenen Reihen.“ Die Systemhersteller in der Bauwerksbegrünung sind zudem alle über BIM an die anderen Partner in Planung und Ausführung angebunden. Hier kam von Beginn an auch Greenpass zum Einsatz, eine Software für Klima-resiliente Stadtplanung und Architektur. Das Besondere an diesem Tool: Es ermöglicht bereits im Vorfeld die genaue Berechnung der Effekte, die durch den Einsatz verschiedener Maßnahmen zu erwarten sind – womit auch die Bauwerksbegrünung messbar und vergleichbar wird.

Zur Person

 

Susanne Formanek ist studierte Forst- und Holzwirtin und hat sich auf energieeffizientes und nachhaltiges Bauen spezialisiert. 2016 entwickelte sie mit dem Verband für Bauwerks­begrünung das Innovationslabor Grünstattgrau, dessen Geschäftsführerin sie heute ist.