Presse & Medien

„Wie schaffen wir die 100 Prozent, Herr Strugl?“

Mit dem EAG fällt der Startschuss zum größten Infrastrukturausbau-Wettlauf des Jahrhunderts. Michael Strugl wird ihn entscheidend mitprägen. Der neue Präsident von Oesterreichs Energie über seine Pläne und Ziele für die neue Gründerzeit.

Herr Strugl, vor weniger als 100 Tagen haben Sie das Amt des Präsidenten von Oesterreichs Energie übernommen. Jetzt liegt das wichtigste Gesetz für die E-Wirtschaft in diesem Jahrzehnt vor Ihnen auf dem Tisch. Was ist Ihr erster Eindruck?

Aus unserer Sicht geht der aktuelle Vorschlag in die richtige Richtung. Er wird für unsere Branche die Voraussetzungen schaffen, die es unseren Unternehmen ermöglichen, in den nächsten Jahren massiv in den Ausbau erneuerbarer Energiequellen zu investieren. Österreich hat sich bei der Klimaneutralität und Ausbau von erneuerbaren Energiequellen ambitionierte Ziele gesetzt. Diese können wir nur erreichen, wenn es Rahmenbedingungen gibt, die langfristige Investitionen ermöglichen.

Was ist aus Sicht der Energiewirtschaft besonders erfreulich an dem Gesetz?

Wir begrüßen den Gesetzesentwurf in vielen Punkten – ein aus unserer Sicht zentrales Element ist darin aber sicher die Schaffung von Investitionssicherheit durch technologiespezifische Marktprämien. Damit wird durch Ausschreibungen eine stärkere Marktnähe geschaffen und sichergestellt, dass beim Ausbau alle Technologien zum Zug kommen.

Was ist aus Sicht der Energiewirtschaft kritisch zu sehen?

Die geplante Einführung einer doppelten ökologischen Prüfung von Wasserkraftwerken können wir so nicht befürworten. Damit rücken unsere Ziele in diesem Bereich in weite Ferne. Außerdem sehen wir bei der künftigen Regelung zur Netzreserve massive Probleme. Wir brauchen hier eine klare und langfristige Rechtsgrundlage zur Wahrung der Versorgungssicherheit – und keine möglichen Zwangsverpflichtungen auf Kosten der Betreiber.

Wie stark waren Sie in den Meinungsbildungsprozess eingebunden?

Gesetzesvorhaben sind immer ein Dialog aller Stakeholder, und wir haben uns da selbstverständlich in den letzten Jahren stark eingebracht. Viele Elemente des Gesetzes sind auf unsere Anregung und Initiative hin berücksichtigt worden. Ich hatte noch vor einigen Tagen mit der Ministerin ein Gespräch. Wenn wir nicht gefragt worden wären, hätten wir uns gemeldet, da können Sie sicher sein. (lacht)

Was sind jetzt die größten Herausforderungen der nächsten Monate?

Eine der unmittelbaren Herausforderungen ist es zu kommunizieren, wie groß unser Beitrag zum Wirtschaftsaufschwung sein könnte – und wie enorm unser Beitrag zur Transformation im Energiesystem ist, die die Politik sich vorgenommen hat. Wenn man die Ausbauziele der Bundesregierung als Grundlage nimmt, müssen wir 27 Terawattstunden zubauen. Daraus ergibt sich ein Investitionsvolumen von 25 Milliarden Euro in die Erzeugungs- und 18 Milliarden Euro in die Netzinfrastruktur. 43 Milliarden Euro – das ist schon ordentlich. Das ist eine Größenordnung, die auch dem Standort hilft.

 

„Das EAG ist ein historischer Meilenstein. In einigen Punkten muss jedoch aus meiner Sicht noch dringend nachgebessert werden.“

Was sind die Voraussetzungen dafür, dass die E-Wirtschaft das Ziel „100% Erneuerbare bis 2030“ letztlich wirklich schafft?

Grundvoraussetzung ist, dass die Unternehmen die Investitionen für diese 27 Terawattstunden überhaupt tätigen können. Das klingt offensichtlich, ist es aber nicht. Denn solche Megaprojekte können nur realisiert werden, wenn sie sich rechnen. Es gibt derzeit zusätzliche Anreize durch Investitionsprämien, was wir sehr begrüßen. Wir müssen aber auch dafür sorgen, dass es Planungssicherheit und Rechtssicherheit gibt. Denn das ist ein zentrales Element der Wirtschaftlichkeit. Kein Unternehmen wird investieren, wenn Verfahren so lange dauern, dass nicht einmal absehbar ist, ob es genehmigungsfähig ist und jemals realisiert wird. Selbst Unternehmen nicht, die mehrheitlich der öffentlichen Hand gehören.

Haben Sie da das Gefühl, dass die Nöte der Elektrizitätswirtschaft in der derzeitigen politischen Konstellation gehört werden?

Ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass es eine gute Dialogebene zu den politischen Akteuren gibt. Die Bundesregierung versteht, worum es auch für die Unternehmen geht. Es gibt aber natürlich viele andere Stakeholder – und dadurch verschiedene andere Interessen. Nehmen Sie das Beispiel der Salzburg-Leitung: Sie ist ein Paradebeispiel für eine Systemblockade, die uns in den vergangenen 20 Jahren viel Zeit und Geld gekostet hat.

Sie sagten zu Ihrem Amtsantritt, dass die Energiewende nur gelingen kann, wenn Gemeinden, Länder und Bund stärker zusammenwirken – etwa um Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Genügt da der gute Wille oder wird es auch Gesetzesänderungen brauchen?

Es ist eine Kombination aus allem. Es ist die Legistik selbst. Der Gesetzgeber muss sich gut überlegen, wie ein modernes Energierecht aussieht. Wenn wir Projekte realisieren, gibt es viele Materiengesetze, die wir anwenden – vom Wasserrecht, Forstrecht, dem Baurecht, Raumordnung bis hin zum Elektrizitätsrecht. Hier besteht Handlungsbedarf. Zudem haben wir bei all diesen Rechtsmaterien noch verschiedene Hierarchie-Ebenen: die Landesebene, Bundesebene, EU-Ebene.

Da sind wir aber noch immer nicht bei der Vollziehung der Gesetze …

Das ist richtig. Wenn in den Genehmigungsverfahren die Vollziehung schwierig wird – etwa weil Behörden unterschiedlich vollziehen, oder weil die Behörden nicht genug Ressourcen wie Sachverständige oder Gutachter haben, die Verfahren rasch abzuwickeln –, ist das ein Investitionshemmnis. Hier müssen wir besser werden.

Wie kann die betroffene Bevölkerung hier mit ins Boot geholt werden?

Ich habe als Aufsichtsrat der Energie AG oft mit betroffenen Grundbesitzern oder Anrainern diskutiert. Ich war selbst im regulatorischen Bereich als Energiereferent in einer Regierung tätig, daher kenne ich die gesetzgeberische und Vollziehungsseite. Und ich war Obmann eines Trägervereins eines Forschungsinstitutes an der JKU, daher bin ich mit der Forschungsseite vertraut. Ich kann mir gut ausrechnen, was passieren wird, wenn wir – noch dazu in diesem sportlichen Zeitplan – die Energiewende schaffen wollen. Das ist eine Herkulesaufgabe, der wir uns jetzt stellen.

Sie kommen, im Gegensatz zu Ihren Vorgängern bei Oesterreichs Energie, aber auch beim Verbund, aus der Politik – ist das dort Erlebte und Erlernte hilfreich oder hinderlich?

In diesem Teil der Wirtschaft halte ich das für einen Vorteil. Denn wir sind zu großen Teilen reguliert – und die regulatorischen Rahmenbedingungen für die E-Wirtschaft macht die Politik. Und wenn man die politische Logik durchschaut sowie die Entscheidungsmechanismen versteht und überdies vielleicht auch noch die Netzwerke hat oder kennt – dann wird das ein Vorteil sein.

Eines Ihrer Hauptanliegen ist die langfristige Absicherung thermischer Kraftwerke, die für den zuverlässigen Betrieb der Stromnetze wohl auch über 2030 hinaus benötigt werden. Warum?

Wenn wir in einem immer größeren Ausmaß volatile Erzeugungen ins System integrieren, brauchen wir Reservekapazitäten. Was können die sein? Die Wasserkraft ist limitiert, Pumpspeicherkapazitäten stellen derzeit nicht einmal ein Drittel dessen, was wir vermutlich brauchen werden, um die Überproduktion aus dem Sommer in den Winter verschieben zu können. Da wird es andere Technologien geben müssen. Bevor diese jedoch ausgebaut sind, werden wir gesicherte Kapazitäten brauchen – und da müssen wir auf thermische Kraftwerke zurückgreifen.

Welche Speichertechnologie kann thermische Kraftwerke in Zukunft ersetzen?

Brückentechnologien wird es brauchen. Wir werden sukzessive auf grüne Gase wie etwa grünen Wasserstoff umsteigen, um über die Sektorkopplung die Dekarbonisierung voranzutreiben. Wenn die Sektorkopplung wirklich gelingen soll, wird man hier auch systemisch denken müssen. An dieser Technologie wird man in Zukunft nicht vorbeikommen.

Welche Speichertechnologie halten Sie für die zukunftsträchtigste?

Das kommt natürlich ganz darauf an, ob wir vom langfristigen Speichern oder vom kurzfristigen Speichern reden. Für kurzfristige Speichermöglichkeiten arbeitet man jetzt schon sehr erfolgreich mit Batteriespeichern, aber für saisonale Speicherung eignet sich das natürlich nicht. Hydrospeicher funktionieren wunderbar, aber ich gehe davon aus, dass man auch Power-to-Gas-Anlagen haben müssen wird, um dieses Volumen darstellen zu können. Wir glauben, dass Wasserstoff eine ganz wichtige Rolle spielen wird, auch wenn das heute noch nicht wirtschaftlich darstellbar scheint.

Ihre politischen Themen waren immer schon Zukunftsthemen: E-Mobilität, autonomes Fahren, künstliche Intelligenz...

(lacht) Aber ich habe durchaus auch noch Realpolitik gemacht...

Aber Sie sind, und das kann nicht jeder von sich behaupten, Gründungsobmann eines Think-Tanks. Die Linzer Academia Superior befasst sich mit Zukunftsthemen im Bereich Technologie und Ökonomie. Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wie wird das Geschäftsmodell von Energieversorgern im Jahr 2030 aussehen?

Es gibt bereits jetzt kein einheitliches Geschäftsmodell in der Branche. Manche Unternehmen sind stark Upstream-orientiert, manche stark Downstream-orientiert, es gibt vollintegrierte Unternehmen über alle Wertschöpfungsstufen. Was klar ist: All diese Unternehmen werden eine wesentliche Rolle spielen, was die Versorgungssicherheit anbelangt. Wenn wir davon ausgehen, dass es immer mehr zu einer Dezentralisierung am Energiesektor kommen wird – denken Sie nur an die lokalen Energiegemeinschaften, die von der Politik forciert werden –, dann werden die Unternehmen auch zunehmend eine Enabler- und Koordinationsfunktion übernehmen.

Sprechen wir also 2030 nicht mehr von Energieversorgern, sondern Energie-Enablern …?

Nein, die Energieerzeugung – und die Infrastruktur – wird natürlich das Kerngeschäft bleiben. Denn der Strom kommt ja bekanntlich nicht aus der Steckdose. Doch die Koordinationsfunktion wird wichtiger werden. Und hier müssen wir aufpassen, dass die Ausgestaltung dieser Rolle auf einem Level Playing Field stattfindet. Es darf hier zu keinem Cherry Picking kommen. Es ist sinnvoll, lokale Energiegemeinschaften auf untergeordneten Netzebenen mitspielen zu lassen – aber die Ausgleichsenergieverantwortung ist wesentlich.

Abschlussfrage: Ihre Funktionsperiode als Präsident von Oesterreichs Energie läuft bis Mitte 2023. Wenn Sie einen Tipp wagen: Wie viel Prozent der Kapazitäten der derzeit fehlenden 27 Terawattstunden grüner Elektrizitätserzeugung werden dann schon in konkreter Bau-Planung oder sogar schon errichtet sein?

Das ist eine Frage, die man im Moment noch nicht seriös beantworten kann. Wo wir 2023 stehen, hängt nämlich stark davon ab, in welche Richtung sich der Begutachtungsentwurf in den nächsten Wochen entwickeln wird. Es gibt derzeit noch viele Stellschrauben, bei denen wir noch nicht wissen, wo sie dann am Ende zum Stehen kommen. Nehmen Sie nur die Wasserkraft – wenn hier die ökologischen Kriterien in voller Härte kommen sollten, dann reden wir im Extremfall von einem Ausbaustopp. Ich hoffe aber stark, dass es uns bei den wirklich kritischen Punkten gelingen wird, pragmatischere Lösungen zu finden.

Zur Person

Eine lange Einarbeitungsphase war Michael Strugl, 57, nicht gegönnt. Der designierte Vorstandschef der Verbund AG ist seit Juni neuer Präsident von Oesterreichs Energie. In dieser Funktion wird der Jurist und Betriebswirt (MBA in Toronto) die Umsetzung der Energiewende entscheidend mitgestalten. Eine Aufgabe, die dem ehemaligen oberösterreichischen Wirtschaftslandesrat, der „nie als Politiker in Pension gehen wollte“ (O-Ton Strugl), wie auf den Leib geschneidert ist. Er kennt die politische Logik, die rechtlichen Abläufe und Entscheidungsmechanismen - und wohl auch die Netzwerke. Zukunftsthemen haben es dem Vater zweier Kinder immer schon angetan: 2010 gründete er den oberösterreichischen Technologie-Think-Tank Academia Superior, dessen Board Nobelpreisträger wie der Biochemiker Timothy Hunt oder der Quantenphysiker Anton Zeilinger angehören.