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Wie haben Sie das gemacht, Frau Goodenough?

Kann man auch kleine Wasserkraftwerke vollautomatisiert betreiben? Eine Wiener Mathematikerin hat das möglich gemacht.

Es war ein Window of Opportunity“, sagt Janice Goodenough. „Ich wusste, wir hatten für Hydrogrid höchstens drei oder vier Jahre, bevor jemand anderes diese Idee umsetzen würde.“ Dass es schließlich eine Mathematikerin war, die sich anschickte, kleinen und mittelgroßen Wasserkraftwerks-Betreibern das Leben zu erleichtern, hat mit ihrer schon während des Studiums entstehenden Unlust zu tun, den „klassischen“ Weg in die Banken- oder Versicherungsmathematik einzuschlagen. Und mit der Gastvorlesung eines Verbund-Mitarbeiters über die optimale Einsatzplanung von Pumpspeicherkraftwerken. „Das klang für mich spannend und auch fundamental sinnvoll“, erzählt Janice Goodenough. „Und es klang nach Neuland.“

„Was können die Kleinen tun?“

Ihr eigener Weg führte zunächst ebenfalls zum Verbund. In der (damaligen) Verbund Trading war sie im Bereich Risikomanagement und Quantitative Analyse tätig, ehe sie in der Abteilung für Kraftwerks-Einsatzoptimierung die Softwarelösungen kennenlernte, die man in der Großwasserkraft für die Unterstützung der Planung einsetzt: mächtige Tools, verteilt auf mehrere Abteilungen, bedient von dutzenden Spezialisten. „Diese Prozesse sind für ein so großes Unternehmen mit so großen Kraftwerken perfekt – doch ich stellte mir die Frage, was eigentlich ein kleines Stadtwerk tun kann, das sich eine so komplexe Software-Landschaft natürlich nicht leisten kann.“

Der Gedanke, eine kondensierte und vor allem vollautomatisierte Version des Planungsprozesses auch kleinen Betreibern zur Verfügung zu stellen, führte 2016 zur Gründung von Hydrogrid – nachdem Goodenough das Angebot einer Führungsposition in einem anderen Konzern mit Ambitionen im Energiebereich nach reiflicher Überlegung zugunsten des Start-ups abgelehnt hatte.

Automatisierte Rekalibrierung

Janice Goodenough vergleicht „Hydro-grid Insight“ mit einem Autopiloten: Das System ist eine Echtzeit-IoT-Lösung, die flexible Wasserkraftwerke intelligent steuert. Die Basis für die Entscheidungen bilden im Wesentlichen drei Einflussfaktoren: einerseits die stündlich wechselnden Preise auf dem Strommarkt, andererseits die Wetterbedingungen und drittens die spezifischen operativen Betriebsrestriktionen – bis hin zur Frage, welche Pegelstände mit touristischen Anforderungen oder dem Fischbestand im Einklang stehen.

Das System von Hydrogrid holt diese Fundamentaldaten automatisiert ein, hinzu kommen die Sensordaten aus dem Kraftwerk selbst, etwa Ist-Erzeugung oder Pegelstände. Die Daten werden in den Prognose- und Optimierungswerkzeugen kombiniert und ergeben einen optimierten Einsatzfahrplan für das Kraftwerk, der diesem in Echt-zeit zur Verfügung gestellt wird. Der wesentliche Aspekt dabei: Der Einsatz von Machine Learning führt dazu, dass die Modelle mit neuen Beobachtungen sofort hinzulernen, es kommt also zu einer regelmäßigen, automatisierten Rekalibrierung des Systems. Und damit wird die manuelle Parametrierung hinfällig. Was wiederum die Voraussetzung dafür ist, das System als Software as a Service anbieten zu können.

Dass die Lösung an die Transportlogistik erinnert, in der mit ähnlichen Ansätzen Routenoptimierung betrieben wird, ist übrigens kein Zufall. Einer der ersten Investoren in das Unternehmen hat selbst zuvor ein Start-up im Bereich der Logistikoptimierungssoftware gegründet. Eine Nähe, die offenbar auch Janice Goodenough empfindet: „Wäre ich nicht in die Energiewirtschaft gegangen, wäre es wohl die Logistik geworden.“

Das Unternehmen

Name: HYDROGRID GmbH
Stammsitz: Wien
Gründung: 2016
Pilotprojekt: Norwegen 2017
Aktuelle Märkte: N, S, F, UK, BIH, TK
Geschäftsmodell: Laufende, nicht Performance-abhängige Lizenzgebühr
Durchschnittliche erzielte Erlössteigerung: 7 bis 18 Prozent
2019 Gewinn des Staatspreises Digitalisierung
hydrogrid.eu