8. März 2018

Hintergrundgespräch Versorgungssicherheit am 8. März 2018

Ausbau der erneuerbaren Energien braucht zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit flankierende Maßnahmen im Bereich der Netze, Speicher und der Bereitstellung flexibler Leistung

Wachsender Stromverbrauch und der geplante Umbau der Energieversorgung hin zu mehr Nachhaltigkeit und mehr Strom im Energiesystem erfordern ein abgestimmtes Vorgehen im Bereich der Infrastruktur und weitreichende Maßnahmen um die Versorgungssicherheit zu erhalten. Je mehr erneuerbare Stromerzeugung zur Stromversorgung beitragen wird, desto wichtiger werden aktiv steuerbare, kurzfristig abrufbare und flexibel einsetzbare Kraftwerke, die als Reserve bereitstehen. Zusätzlich erforderlich ist ein umfassendes Investitionsprogramm im Bereich der Netze und Speicher, erklärten Spitzenvertreter der österreichischen E-Wirtschaft.

Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Oesterreichs Energie, der Interessenvertretung der österreichischen E-Wirtschaft: „Die E-Wirtschaft bekennt sich zur Energiewende inklusive Mobilitäts- und Wärmewende und versteht sich als Manager des Systemumbaus. Unsere Verantwortung ist es, Strom nicht nur sauber sondern auch sicher und leistbar zur Verfügung zu stellen. Wir sind bereit unseren Beitrag zu leisten und haben mit der Stromstrategie Empowering Austria einen machbaren Weg aufgezeigt.“ Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, bis 2030 100 Prozent des Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien zu erzeugen um damit einen starken Impuls für die Energiewende weg von fossilen Energien und hin zu einer nachhaltigen Versorgung zu setzen. „Das Ziel von 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien ist sehr ambitioniert und nur dann erreichbar, wenn sich alle dazu bekennen und die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden“, so Schmidt.

Hoher Ausbaubedarf bei erneuerbaren Energien und Netzen

Laut einer aktuellen Evaluierung der Österreichischen Energieagentur im Auftrag von Oesterreichs Energie steigt der Stromverbrauch bis 2030 auf 88 Terawattstunden (1 TWh = 1 Mrd. kWh). Um das abzudecken und gleichzeitig Stromimporte aus dem Ausland durch erneuerbar produzierten Strom aus dem Inland ersetzen zu können wäre eine Steigerung der Stromerzeugung aus Erneuerbaren um rund 35 TWh erforderlich. 6 bis 8 TWh können mit Wasserkraft abgedeckt werden, 15 TWh müssten aus Windenergie und 14 TWh aus Photovoltaik kommen.
Schmidt: „Das erfordert bei Wind den Neubau von rund 1700 zusätzlichen Windkraftanlagen, bzw. das Repowering bestehender Anlagen. Zusätzlich müssten bis 2030 jährlich rund 200.000 Photovoltaik-Anlagen dazu kommen, das entspricht einer Dachfläche von 115 km². In Österreich gibt es 170 km² Dachflächen, es müssten also rund 70 Prozent davon zusätzlich verbaut werden. Wegen der hohen zusätzlichen Leistung dieser Anlagen steigen auch die Anforderungen an die Netze und Speicher stark an und erfordern Ausbaumaßnahmen.“

So ist etwa der Ausbau der Netzinfrastruktur Grundvoraussetzung für das Gelingen der Energiewende. Nur so können Wind- und Sonnenenergie bedarfsgerecht in das österreichische Stromsystem integriert werden. Gleichzeitig gilt es trotz der volatilen Erzeugung aus erneuerbaren Energien die Versorgungssicherheit auf gewohnt hohem Niveau zu halten. Auch dafür ist der Ausbau der Netzinfrastruktur notwendig. Der vom Übertragungsnetzbetreiber APG erstellte Netzentwicklungsplan (NEP) ist die Basis für die Umsetzung bzw. Planung der notwendigen Infrastrukturprojekte. Lassen die behördlichen Verfahren für Leitungsvorhaben eine zeitnahe Umsetzung zu, ist das auch die effizienteste Variante zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit bzw. zur Umsetzung der Energiewende.

Versorgung dauerhaft absichern erfordert flexible Leistung

Eine dauerhafte Absicherung der Stromversorgung muss mehrere Bedingungen erfüllen, erklärte Werner Steinecker, Generaldirektor der Energie AG Oberösterreich. Der Kundenbedarf nach Abzug der Eigenerzeugung muss gedeckt werden können, es muss zu jeder Zeit Gleichgewicht zwischen Strombedarf und Erzeugung gegeben sein, der Ausfall der größten Kraftwerkseinheit muss kompensiert werden können, Einflüsse von Wetter und Dunkelheit müssen durch Mehrerzeugung der steuerbaren Kraftwerke ausgeglichen werden können und gezielt einsetzbare Kraftwerke müssen zudem den Einfluss saisonaler Schwankungen der Wasserkraft ausgleichen können. Steinecker: „Ziel ist es, die Sicherheit der Stromversorgung in Österreich selber zu garantieren, damit wir nicht in extremen Situationen von ausländischer Hilfe abhängig sind. Österreich kann dafür (Pump)Speicherkraftwerke und moderne hocheffiziente GuD-Anlagen auf Erdgasbasis einsetzen.“ Steinecker geht davon aus, dass im Jahr 2030 der Anteil dieser Kraftwerke rund 15 Prozent der Stromerzeugung ausmachen wird.

Thermische Kraftwerke benötigen wirtschaftliche Basis

EVN-Vorstand Franz Mittermayer sieht als Kern der künftigen Versorgungssicherheit im Zuge der Energiewende die Frage, wie es gelingen kann, die große Lücke an elektrischer Leistung in den Wintermonaten zu decken, wenn die Wasserführung geringer ist und auch Wind und PV weniger Strom liefern. Mittermayer: „In einer typischen Winterwoche besteht aktuell schon eine Deckungslücke von 8 GW (Gigawatt). In Zukunft steigender Stromverbrauch und das nahende Ende der Nutzungsdauer bestehender Kraftwerke erfordern umfangreiche Investitionen in thermische Kraftwerke.“ Laut Mittermayer benötigt Österreich zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit im Winter bis 2030 thermische Kraftwerke mit einer Leistung von 3000 bis 4500 MW (Megawatt), der bestehende Kraftwerkspark werde sich aber bis 2030 von derzeit 5000 MW auf 3200 MW reduzieren. „Die notwendigen Investitionen für Neuanlagen erfordern langfristig abgesicherte Wirtschaftlichkeit“, so Mittermayer.

Schnelle Reaktionsfähigkeit und geringe Emissionen kennzeichnen Gas-KWK

Peter Weinelt, Generaldirektor der Wiener Stadtwerke verwies auf die Bedeutung der Gaskraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung für die Versorgungssicherheit. Weinelt: „Ohne diese Kraftwerke kann Versorgungssicherheit nicht gewährleistet werden. Das hat die Situation im Jänner 2017 und im Februar 2018 deutlich gemacht.“

Aktuell muss jedenfalls in das Kraftwerks-Management eingegriffen werden, um Engpässe aufgrund fehlender Netzkapazitäten zu vermeiden. Waren Eingriffe zur Netzstabilisierung früher die Ausnahme, sind sie heute an der Tagesordnung. 2017 waren lediglich an 64 von 365 Tagen kein Eingriff in den Kraftwerkspark notwendig, um das Stromnetz stabil zu halten. Zugegriffen wird dabei in erster Linie auf österreichische Gaskraftwerke, die damit einen enorm wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des Stromnetzes leisten. In den vergangenen Jahren haben sich die KWK-Einsätze zur Netzstabilisierung verzehnfacht. Um die Stromversorgung in Österreich zu sichern, wären im Jänner 2017 ohne thermische Erzeugung importierte Leistungen von über 7000 MW notwendig gewesen. Wenn im Oktober 2018 die Importmenge aufgrund der Auftrennung der deutsch-österreichischen Preiszone mit 4900 MW limitiert wird, würde in Österreich ohne die heimischen kalorischen Kraftwerke nicht ausreichend Leistung zur Verfügung stehen.

Die Vorteile von Gas-KWK sind laut Weinelt offensichtlich: „KWK-Infrastruktur ist gemäß Energieeffizienz-Richtlinie mit einem Nutzungsgrad der eingesetzten Energie von 86 Prozent eine Energieeffizienzmaßnahme.Sie sparen somit CO2-Emissionen ein, tragen zur Integration der erneuerbaren Energien bei und stellen 80 Prozent der thermischen Erzeugung in Österreich. Ihre schnelle Reaktionsfähigkeit ist auch im Netz gefragt. Kraftwerke dieses Typs stellen 85 Prozent der Redispatch-Kapazitäten aus thermischen Kraftwerken.“ Damit das System erhalten werden kann, fordert Weinelt rasch Rahmenbedingungen, die den aktuellen Wettbewerbsnachteil heimischer Anlagen ausgleichen können.