Neue Energiewelt

Strom braucht Wettbewerb

Ein Stromsystem, das immer stärker auf erneuerbaren Energien basieren wird, braucht neue Regeln, damit der Wettbewerb funktioniert und nötige Investitionen getätigt werden können

Drei Kriterien kennzeichnen das Stromsystem: Eine hohe Investitionsintensität, die Langlebigkeit der benötigten Infrastrukturen und die Verbrauchsentwicklung bei Strom, die seinerseits von der wirtschaftlichen Entwicklung, dem technischen Fortschritt sowie dem Konsumentenverhalten bestimmt wird, so Erwin Mair, Geschäftsführer der Energie AG Oberösterreich Trading GmbH. In den vergangenen 40 Jahren hat sich beispielsweise der Strombedarf in Österreich in etwa verdoppelt.

Bei einer derartigen Entwicklung fällt es vergleichsweise leicht, das System zur Elektrizitätsversorgung umzugestalten: Denn es muss eine große Anzahl neuer Anlagen für die Erzeugung, Übertragung und Verteilung der benötigten Energie geschaffen werden. Schon seit einiger Zeit ist das Bedarfswachstum im Vergleich zu früher jedoch schwach. Dementsprechend hält sich der Zubau an neuen Kraftwerken, von den geförderten Ökostromanlagen abgesehen, in Grenzen. Manche hochmodernen thermischen Kraftwerke, die erst vor wenigen Jahren errichtet wurden, werden kaum noch gefahren.

Damit aber ändert sich die Struktur des Strommarktes erheblich. Zwar hat sich der Wettbewerb im Zuge der Marktliberalisierung vor fast 20 Jahren etabliert und funktioniert in weiten Teilen Europas im Wesentlichen einwandfrei. In Österreich und Deutschland etwa umfasst der Wettbewerbsmarkt rund drei Viertel der Erzeugungsanlagen, insbesondere die thermischen Kraftwerke, die Großwasserkraft und die Kernenergie. Lediglich ein Viertel der Stromproduktion erfolgt auf Basis von (Ökostrom-)Förderung. „Aber wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien so weitergeht wie geplant, wird sich das innerhalb des kommenden Jahrzehnts gründlich ändern“, erläuterte Mair. Der Anteil der im Wettbewerb stehenden Erzeugung am gesamten Volumen des Marktes dürfte auf wenig mehr als 50 Prozent zurückgehen: „Das heißt, faktisch schrumpft der Markt.“

 

„Erneuerbare“ in den Markt

Um dem gegenzusteuern, sollten die erneuerbaren Energien, vor allem die Windkraft und die Photovoltaik (PV), in den Wettbewerbsmarkt integriert werden, auch die Erzeugungsanlagen von Stromkunden. Beispielsweise können sogenannte „Aggregatoren“ die Produktionskapazität mehrerer Kleinanlagen bündeln und die hergestellten Strommengen kumuliert auf dem Markt handeln. Grundsätzlich möglich wäre dies sowohl auf dem Spot- als auch auf dem Terminmarkt.

Auf dem Spotmarkt wird elektrische Energie für den jeweiligen Folgetag („day-ahead“) gehandelt. Die Preisbildung erfolgt über Angebot und Nachfrage, das Preisniveau bestimmt sich durch die Betriebs- bzw. Grenzkosten der verfügbaren Kraftwerke. Laut Mair war der Spotmarkt „eines der effizientesten Instrumente der Liberalisierung“. Verändert wurde dies allerdings durch den massiven Ausbau geförderten Ökostroms, der, soweit brennstoffunabhängige Technologien zum Einsatz gelangen, zu Grenzkosten von nahezu null Euro hergestellt werden kann und dessen Produktion witterungsbedingt stark schwankt. Die Folge sind extreme Preisschwankungen an den Energiebörsen. Angesichts des im Gang befindlichen weiteren starken Ausbaus der Windparks und Photovoltaikanlagen dürfte sich diese Situation weiter verschärfen, warnte Mair. Unverzichtbar sind die Börsen, weil sie Preissignale für den gesamten Markt bieten. Mag auch mengenmäßig weiterhin der bilaterale Handel („Over-the-Counter-Handel“ bzw. OTC-Handel) dominieren, so erfolgt dieser laut Mair faktisch doch „zu den gleichen Preisen wie der Handel an der Börse. Es gibt also nur einen Marktpreis“.

Mittelfristig auflösen wird sich voraussichtlich die bekannte Base/Peak-Struktur der Preise. Gemeint ist damit: In der Vergangenheit wurde unterschieden zwischen der Spitzenlast (Peak Load), also Strom, der zwischen 8 Uhr morgens und 20 Uhr abends benötigt wird, und der Grundlast (Base Load), also dem im Wesentlichen gleichförmigen Verbrauch über alle 24 Stunden des Tages hinweg. Zur Peak-Zeit mussten Kraftwerke verstärkt gefahren werden, um den höheren Bedarf zu decken. Verbunden damit waren höhere Strompreise. Mittlerweile wird der Strombedarf zur Mittagszeit an sonnigen Tagen jedoch immer stärker durch Photovoltaikanlagen gedeckt, deren Betriebs- bzw. Grenzkosten bei null Euro liegen. „Somit beobachten wir die Ausbildung einer signifikanten ‚PV-Delle‘ um die Mittagszeit“, schilderte Mair die neue Lage. 

Mehrere Wünsche

An die Politik und die Regulierungsbehörden ergeben sich seitens der E-Wirtschaft daher mehrere Forderungen, beschreibt Mair. Erstens gilt es, den Wettbewerb auszubauen und den seit langem geplanten europäischen Binnenmarkt für elektrische Energie konsequent umsetzen. Zweitens ist ein taugliches Umfeld für technische sowie wirtschaftliche Innovationen sicherzustellen. Drittens sollten auch stärkere Preisausschläge im Strom-Großhandel zugelassen werden, da sie als Signale für die Notwendigkeit von Investitionen in neue Kraftwerke dienen können. Zu stärken wäre viertens der Spot-Markt. Fünftens sollten die Politiker und die Regulatoren das Funktionieren der Marktplätze unterstützen und sechstens die Rolle des Kunden als Mittelpunkt des Energiesystems stärken. Die siebte Forderung richtet sich auch an die eigene Branche: Sie sollte die nicht zuletzt bei den Kunden vorhandene Fähigkeit intensiver nutzen, ihren Stromverbrauch zu verlagern und durch eigene Erzeugungskapazitäten zu decken, also die sogenannte „Flexibilität“.  Notwendig wäre achtens - womit wieder die Politik und die Regulierungsbehörden am Zug sind -, die Gleichbehandlung aller Marktteilnehmer. Damit einher ginge neuntens, regulative Eingriffe und Verzerrungen im Wettbewerbsmarkt zu reduzieren und klare Rahmenbedingungen schaffen. Und keineswegs gering zu achten wäre zehntens, den Kundenwunsch nach Versorgungssicherheit effizient wahrzunehmen.