Neue Energiewelt

Ökostrom aus allen Richtungen

Der notwendige Ausbau kann technisch bewältigt werden, sinnvolle Incentive könnten Anreiche zu stabilen Kosten gewährleisten

Österreich braucht bis 2030 eine zusätzliche Stromerzeugung von rund 30 Terawattstunden jährlich, um das Ziel von 100 Prozent erneuerbaren Strom (national/bilanziell) zu erreichen. Die E-Wirtschaft hat dafür bereits weitreichende Pläne, so Karl Heinz Gruber, der Geschäftsführer der Verbund Hydro Power GmbH und Spartensprecher Erzeugung von Oesterreichs Energie.

Seit Anfang 2016 bis Anfang 2019 wurden von den Unternehmen von Oesterreichs Energie Erneuerbaren-Projekte mit einer zusätzlichen Erzeugung von rund 33 GWh fertig gestellt. Zusätzlich gingen Pumpspeicherkapazitäten mit einer Leistung von 440 MW in Betrieb. Im Erneuerbaren-Bereich gibt es aktuell veröffentlichte Projekte und Konzepte mit einer zusätzlichen Leistung von 7.618 MW und einer zusätzlichen Erzeugung von 10,5 TWh. Davon entfallen rund 43 Prozent auf Wasserkraft, 44 Prozent auf Windkraft und 13 Prozent auf Photovoltaik. Das ist bereits jetzt ein Drittel jener Kapazitäten, die man bis 2030 brauchen wird. Gruber ist überzeugt, dass die E-wirtschaft bedeutsame Anteile der notwendigen Mengen an elektrischer Energie aller Wahrscheinlichkeit nach bereitstellen kann.

Der Ausbau könne technisch bewältigt werden, wenn es zu einer Umsetzung der bestehenden Stromnetz-Ausbaupläne kommt und die Politik die richtigen finanziellen Incentives für jene Technologien gibt, die zu Marktpreisen nicht wettbewerbsfähig wären. Diese müssen die unterschiedlichen spezifischen Kosten der einzelnen Technologien ebenso berücksichtigen wie die Dauer der Genehmigungsverfahren für die Anlagen. Ferner hat das System die Netz- und Systemstabilität zu gewährleisten.

 

Sinnvolle Ausbaustrategie suchen

Zu diesem Zweck ist Zusammenballung von Anlagen einer einzigen Technologie in bestimmten Regionen in Grenzen zu halten. Denn die unterschiedlichen Technologien haben charakteristische Erzeugungsmuster. Durch ihr Zusammenspiel ist es möglich, durch zeitweilige Überproduktion mittels einer Technologie mangelnde Erzeugung mit einer anderen Technologie auszugleichen. Wichtig ist laut Gruber ferner: „Für alle Teilnehmer am Incentivierungs-System muss ein Level Playing Field bestehen, in dem die rechtlichen, technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der jeweiligen erneuerbaren Erzeugungstechnologien gleichermaßen berücksichtigt werden.“

Was das Förderregime anlangt, wünscht Oesterreichs Energie variable Marktprämien, die mit technologiespezifischen Ausschreibungen vergeben und 20 Jahre lang ausbezahlt werden. Gruber: „Damit können die Kosten so gering wie möglich gehalten und alle Technologien parallel ausgebaut werden.“ Gleichzeitig entstünden Anreize, die Anlagen effizient und langfristig zu betreiben. Notwendig wäre weiters, alle Technologien an den Wettbewerbsmarkt heranzuführen. Das hieße auch, dass die „neuen erneuerbaren“ Energien wie die Windkraft und die Photovoltaik bei der Einspeisung von Strom in das öffentliche Netz Rücksicht auf die Netzsituation zu nehmen hätten, also „Systemverantwortung“ übernehmen müssten. Für die Betreiber von thermischen Kraftwerken und Wasserkraftwerken ist dies seit jeher selbstverständlich.

Die Kosten für das Incentivierungssystem sollten unter der Annahme mittlerer Strompreise sowie eines Ausbauziels von 30 bis 35 TWh nicht über dem derzeitigen Vergütungsvolumen von rund einer Milliarde Euro pro Jahr liegen. Wichtig ist laut Gruber, die Bevölkerung in den Ökostromausbau einzubinden und ihre Akzeptanz für die Ausbaupläne der E-Wirtschaft zu gewinnen: „Wir brauchen die Kilowattstunden der Privatpersonen, die Kilowattstunden der Energieunternehmen und die Kilowattstunden der Industrie, kurz gesagt, alles, was wir zusammenbringen.“ Gemeinsam aber lasse sich die Energiewende in Österreich meistern, zeigte sich Gruber überzeugt.