Neue Energiewelt

Nachhaltige Minderbedarfsgesellschaft

Seine Vorstellungen hinsichtlich der Energieversorgung der Zukunft präsentierte der bekannte Energiewirtschaftler Günther Brauner beim Oesterreichs Energie-Journalistenseminar Anfang Oktober 2019.

Welche Strategien für eine effiziente Energieversorgung bis 2050 benötigt werden, zeigt Günther Brauner, emeritierter Energieprofessor der TU Wien in seinem neuen Buch „Systemeffizienz bei regenerativer Stromerzeugung“. Weil das wirtschaftliche sowie ökologische Potenzial der erneuerbaren Energien begrenzt ist, gelte es den Energiebedarf diesem Potenzial anzupassen, wobei neue Technologien und die Steigerung der Energieeffizienz eine maßgebliche Rolle spielen. Das Ziel muss laut Brauner eine „nachhaltige Minderbedarfsgesellschaft mit ökologisch akzeptablem Fußabdruck“ sein. Zusätzlich ist der schwankenden Stromerzeugung mittels erneuerbarer Energien Rechnung zu tragen. Benötigt werden daher flexible Verbraucher, eine verstärkte Sektorkopplung sowie Speicher aller Art. Zur Absicherung der Versorgung sind Backup-Anlagen erforderlich, um den Strombedarf auch während kalter Dunkelflauten decken zu können.

Um damit zurande zu kommen, muss das Energiesystem gesamtheitlich betrachtet werden, so Brauner. Es gilt, die Erzeugungseinheiten sowie die Übertragungs- und Verteilnetze effizient zu betreiben und so für möglichst geringe Gesamtkosten zu sorgen. Zu achten ist weiters auf die Umweltverträglichkeit. Dazu gehört auch, den in der Umwelt vorhandenen Raum optimal zu nutzen. Gemeint ist damit: Um dieselbe Leistung erbringen zu können, benötigen Photovoltaikanlagen sowie Windparks erheblich größere Flächen als beispielsweise moderne thermische Kraftwerke. Entsprechend groß ist bisweilen der Widerstand. „Man kann also sagen, Windräder werden von Bürgerinitiativen genehmigt, nicht von der Politik“, konstatierte Brauner.

Laut seinen Berechnungen lässt sich die Stromerzeugung in Österreich mittels Wasserkraftwerken von rund 39,3 Milliarden Kilowattstunden (Terawattstunden, TWh) im Jahr 2016 bis 2050 auf 42 TWh erhöhen. Jene der Windparks kann von 5,2 auf 20 TWh annähernd vervierfacht werden, bei der Photovoltaik ist eine Steigerung auf 30 TWh möglich. was dem 60fachen des Werts von 2016 entspricht. Hinsichtlich der Biomassekraftwerke rechnet Brauner mit einer Produktionserhöhung auf bis zu 20 TWh, dem Achtfachen der 2015 erzeugten Menge. Insgesamt könnten mit Hilfe der erneuerbaren Energien rund 112 TWh bereitgestellt werden. Dies würde erlauben, etwa 80 Prozent des für 2050 auf 140 TWh geschätzten Strombedarfs zu decken.

 

Für unverzichtbar hält Brauner die Steigerung der Energieeffizienz sowie die Vermeidung unnötigen Energieverbrauchs, also die sogenannte „Suffizienz“ des Nutzerverhaltens. Insgesamt kann der derzeitige Bedarf im Gebäudesektor bis 2050 um etwa 60 Prozent verringert werden. Rund 70 Prozent dieser Einsparungen sind mittels technologischer Effizienzerhöhungen erzielbar, die übrigen 30 Prozent durch Verhaltensänderungen, etwa die Anpassung der Wohnraumfläche an die tatsächlichen Bedürfnisse sowie die verstärkte Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs in Ballungsgebieten. Was die Deckung des verbleibenden Bedarfs anlangt, sollte „fossile Energie durch nachhaltige Elektrizität ersetzt“ werden. Häuser werden laut Brauner im Jahr 2050 nur mehr 50 Prozent ihres derzeitigen Strombedarfs aufweisen. Damit lässt sich die zu erwartende Verdopplung der Strompreise ausgleichen.

Pumpspeicher unverzichtbar

Um den österreichischen Strombedarf auch in Zukunft sicher decken zu können, bleiben Pumpspeicherkraftwerke unverzichtbar, betonte Brauner. Allerdings ist es notwendig, sie anders als bisher als Wochenspeicher zu betreiben statt als Tagesspeicher. Dies bringt es mit sich, die unteren Speicherseen erheblich zu vergrößern. Ihre Größe müsse erlauben, etwa acht bis zehn Tage lang Wasser in den oberen Speichersee zu pumpen. „Gegen die Erweiterung der unteren Seen wird es natürlich Proteste geben. Aber sie ist für das Gelingen der Energiewende einfach notwendig“, stellte Brauner klar. Die immer wieder angedachten Druckluftspeicher sind ihm zufolge keine realistische Option: „Sie lassen sich weder technisch noch wirtschaftlich darstellen.“ Lithium-Ionen-Batterien wiederum seien als dezentrale Speicher für Strom aus Photovoltaikanlagen durchaus geeignet. Einen Ersatz für Pumpspeicher könnten jedoch auch sie keinesfalls bilden. Dringend notwendig ist laut Brauner, die Pumpspeicher „von allen Netzkosten zu entlasten. Denn sie sind die Netzdienstleister der Zukunft“.

Strom macht mobil

Große Stücke hält Brauner auf Elektrofahrzeuge. Die mittlere Antriebseffizienz eines Elektromotors liege bei 50 Prozent. Dem gegenüber komme ein Benzinmotor auf lediglich 15 Prozent und ein Dieselaggregat auf 20 Prozent. Letzten Endes handle es sich bei Elektroautos also um „ideale Energiesparautos. Und beim Bremsen kann der Elektomotor wieder Energie in die Batterie zurückspeisen“. Dergleichen sei bei Verbrennungsmotoren schlechterdings unmöglich. Brauner warnte allerdings davor, den Umstieg auf die Elektromobilität zu rasch zu vollziehen. Dies würde allein in der deutschen Autoindustrie bis zu 40 Prozent der Arbeitsplätze vernichten. Entschieden trat Brauner Argumenten entgegen, dass Elektroautos keineswegs so klimaverträglich seien, wie dies oft behauptet werde. Er verwies darauf, dass in Deutschland wie auch in Österreich sämtliche Kohlekraftwerke schrittweise außer Betrieb genommen und die erneuerbaren Energien stark ausgebaut werden. Dem entsprechend werde auch der Erzeugungsmix immer sauberer. Und in Österreich liege der Anteil der „Erneuerbaren“ an der Bedarfsdeckung bekanntlich bereits jetzt bei mehr als 70 Prozent.

Ausbau zulassen

Aus all dem ergeben sich laut Brauner folgende Empfehlungen: Die Politik sollte die Forschungs- sowie Entwicklungstätigkeit zur Steigerung der Nachhaltigkeit und Effizienz des Energiesystems vorantreiben. Überdies müsste sie Anschubfinanzierungen zur Umstellung von fossilen auf regenerative Energien bereitstellen. Die Bürger wiederum sind laut Brauner gut beraten, „ein effizientes und suffizientes Verhalten zu entwickeln“. Auch sollten sie den Ausbau der Windkraft in der Nähe von Siedlungen zulassen, ebenso wie den Ausbau der Übertragungsnetze und der Speicheranlagen. Nur so lasse sich die Energiewende letztlich meistern.