Stromhandel und -vertrieb

Bedeutung und Funktion des Stromgroßhandels

Mit der Liberalisierung der europäischen Elektrizitätsmärkte hat der Stromhandel für die Elektrizitätsunternehmen stark an Bedeutung gewonnen. Vor der Liberalisierung wurde der Strom bei einigen wenigen Lieferanten, meist aus eigener Erzeugung, bezogen und an einen definierten Kundenkreis weiterverkauft. Die Mengen- und Preisrisiken der Erzeuger waren dadurch gering.

Stromhandel mit Liberalisierung auf dem Vormarsch

Im liberalisierten Strommarkt herrscht freier Wettbewerb und jeder Kunde kann seinen Lieferanten frei wählen. Es ist daher nicht mehr automatisch gegeben, dass der von einem Unternehmen produzierte Strom für die Kunden ausreicht bzw. dem Erzeuger zur Gänze abgenommen wird. Der Stromerzeuger ist damit deutlichen Mengen- und Preisrisiken ausgesetzt. Die Stromhändler übernehmen es, Strom am Großhandelsmarkt zu kaufen und zu verkaufen und Risiken über den Strommarkt abzusichern (Hedging). Vom Stromhandel zu unterscheiden ist der Stromvertrieb, der Strom an den Endkunden wie zum Beispiel an private Haushalte oder ans Gewerbe absetzt.

Langfristige Absicherung über den Terminmarkt

Am sogenannten Terminmarkt wird Strom für die nächsten Jahre gehandelt. So kann ein Erzeuger über den Großhandel seine zukünftige Stromproduktion zu einem bereits heute bekannten Preis verkaufen. Der Vertrieb wiederum kann die für seine Kunden zukünftig benötigte Menge am Großhandelsmarkt zu einem fixierten Preis im Voraus beschaffen.

Kurzfristige Optimierung über den Spotmarkt

Am Spotmarkt geht es darum, das Erzeugungs-/Verbrauchsportfolio meist für den nächsten Tag (Day-ahead) oder auch für den gleichen Tag (Intraday) zu optimieren. Die Kauf- und Verkaufsgebote auf dem Spotmarkt erfolgen zu kurzfristigen Grenzkosten, nur die variablen Kosten wie etwa Brennstoffkosten sind für die kurzfristige Produktionsentscheidung relevant.

Termin- und Spotmärkte minimieren das Risiko des Verbrauchers

Mit dem Stromhandel am Termin- und Spotmarkt werden sowohl die Risiken der Verbraucher als auch der Erzeuger im liberalisierten Strommarkt minimiert und der kosteneffiziente Einsatz des Kraftwerksparks unterstützt.

Handelsplätze für Strom

Stromhandel kann an regulierten Marktplätzen wie Börsen, auf Organisierten, Multilateralen Handelssystemen (Organised Trading Facility, Multilateral Trading Facility) oder am sogenannten
OTC (Over-the-Counter) Markt stattfinden.

Rolle der Strombörsen

Strombörsen sind organisierte, geregelte Marktplätze für Strom, wo Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen. Der Handel an der Strombörse erfolgt über standardisierte Produkte wie zum Beispiel Futures, das sind standardisierte börsengehandelte Termingeschäfte. Strombörsen bieten große Liquidität (genügend Zahlungsmittel und Handelspartner, um ein Wirtschaftsgut schnell umsetzen zu können) und eine Absicherung gegen das Risiko des Ausfalls eines Geschäftspartners (Kontrahentenrisiko) für Stromanbieter und Stromnachfrager.

Das Clearing (Auf- und Verrechnung von Forderungen und Verbindlichkeiten aus Wertpapier- und Termingeschäften) übernimmt ein Clearinghaus.

Nicht standardisierte Termingeschäfte (Forwards), deren Struktur durch die Vertragsparteien individuell vereinbart wird, werden nicht an Börsen gehandelt, sondern am OTC-Markt (Over-the-Counter). Der Handel erfolgt meist über Broker. Vorteile des OTC-Handels sind die Möglichkeit der individuellen Produktgestaltung, als Nachteil gegenüber der Börse als Handelsplatz gilt eine geringere Liquidität und dass keine automatische Absicherung des Kontrahentenrisikos besteht. Allerdings können diese OTC-Geschäfte auch an einer Börse gecleart werden.

Für Österreich sind die Börsen EPEX SPOT SE in Paris, EXAA in Wien sowie die Leipziger EEX besonders relevant. 

Zum Beispiel die EEX-Gruppe bietet den Spot- und Terminhandel für eine Vielzahl von europäischen Strommarktgebieten an. Am Spotmarkt können Beschaffung und Verkauf bis 30 Minuten vor Lieferung optimiert werden. Am Terminmarkt haben die Handelsteilnehmer die Möglichkeit, sich bis zu sechs Jahre in die Zukunft gegen zukünftige Preisänderungsrisiken abzusichern. Die rund 250 Handelsteilnehmer haben zudem die Möglichkeit, bilateral abgeschlossene Transaktionen clearen zu lassen. Das Clearing (Auf- und Verrechnung von Forderungen und Verbindlichkeiten aus Wertpapier- und Termingeschäften) und Settlement (Abschluss und Erfüllung eines Börsengeschäfts) börslicher und außerbörslicher Geschäfte (OTC Clearing) in Strom übernimmt die European Commodity Clearing AG (ECC). Darüber hinaus bietet die EEX-Gruppe Produkte an, die vor dem Hintergrund des steigenden Anteils erneuerbarer Energien im Strommix eine größere Flexibilität im Handel ermöglichen.

Bedeutung des Flexibilitäten-Handels nimmt mit Energiewende weiter zu

In Anbetracht ständig steigender Einspeisung erneuerbarer Energien in Deutschland und Europa ist die Beibehaltung großer Marktgebiete und sogar die Vergrößerung bestehender sogenannter Gebotszonen oder Bidding Zones für die Fortsetzung der Marktintegration im europäischen Elektrizitätsbinnenmarkt wesentlich. Zum Beispiel können im großen Marktgebiet Deutschland Österreich temporäre Überschüsse an erneuerbaren Energien aus Deutschland in den österreichischen Flexibilitäten genutzt werden und müssen nicht verstärkt abgeregelt werden.

Deutsch-österreichische Preiszone als Erfolgsmodell

Das deutsch-österreichische Marktgebiet mit einheitlichem Preis ist das Beispiel erfolgreicher Integrationsbestrebungen. Durch die engpassfreie Grenze konnte sich ein reger Handels- und Energieaustausch zum Vorteil beider Länder entwickeln. Die österreichisch-deutsche Preiszone verfügt im Vergleich zu anderen europäischen Marktgebieten über eine überdurchschnittlich hohe Liquidität im Spot- und Terminmarkt. Die in dieser Preiszone ermittelten Großhandelspreise haben für den gesamten europäischen Raum Signalwirkung und spielen eine signifikante Rolle bei Handelsgeschäften in Europa.

Aktuell ist allerdings insbesondere das Übertragungsnetz in Deutschland noch nicht ausreichend in der Lage, die großen im Norden produzierten erneuerbaren Energiemengen vollständig in die Lastzentren im Süden zu transportieren. Daher kommt es zu Ringflüssen, sogenannten Loop Flows, vorwiegend durch die östlichen Nachbarländer, was die aktuelle Diskussion über eine Auftrennung der deutsch-österreichischen Gebotszone ausgelöst hat.

Die effizienteste und ökonomisch sinnvollste Lösung zur Bewältigung der Netzprobleme in Deutschland als auch in den Nachbarländern ist der Netzausbau. Zur Überbrückung des Netzausbaus stehen ein optimiertes Redispatching und transparent gestaltete Netzreserven zur Verfügung, wozu die österreichische E-Wirtschaft bereits jetzt beiträgt und weiter beitragen wird.